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Ende mit Sex

aus DER SPIEGEL 38/1992

Hage, 43, lebt als freier Publizist in Hamburg.

Auf seiner letzten Autofahrt hört Harry Angstrom Radio. Er hört die Lieder seiner Jugend noch einmal, die nun Oldies genannt werden. Und er hat plötzlich das Gefühl, betrogen worden zu sein. Auch die alten Songs sind nicht besser als das Zeug, »mit dem die hirnlose Jugend von heute sich zudröhnt«.

Er fährt - Herbst 1989 - mutterseelenallein nach Florida, von Pennsylvania aus, wo er verwurzelt ist und die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat.

Unterwegs nimmt er kuriose Nachrichten aus dem fernen Europa auf: »Horden von Ostdeutschen in Ungarn, darauf wartend, daß sie über die Grenze in die freie Welt können.« Sein Kommentar: »Arme Teufel, sie wissen nicht, daß es mit der freien Welt zu Ende geht.«

Jedenfalls mit dem Amerika, das er kannte, geht es zu Ende. Und mit ihm, Rabbit, auch (Kaninchen: Das ist der Spitzname seit Jugendtagen). Und übrigens mit dem, was ihn Zeit seines Lebens am Laufen gehalten hat: Auch mit dem Sex geht es zu Ende.

In einer der einsamen Motelnächte auf seiner langen Fahrt durch sieben amerikanische Bundesstaaten denkt er über das »Elend mit diesen Softpornofilmen im Hotelfernsehen« nach: Zwar gibt es »Titten und Ärsche und sogar ein bißchen Schamhaar« zu sehen, aber nicht das, was er eigentlich sucht, »keine richtige Fotze und keine Schwänze, weder steife noch schlaffe«. Und er gesteht sich ein: »Worum es uns wirklich geht, das sind Schwänze, man will sie sehen. Vielleicht sind wir alle schwul.« Neue Töne aus Updike-Land*.

Die Behauptung, daß der amerikanische Erzähler John Updike, 60, mit ausführlichen Sexszenen in seinen Romanen ein weltberühmter und wohlhabender Mann geworden sei, läßt sich nicht völlig von der Hand weisen - allein mit seinem berühmtesten, wenn auch nicht unbedingt stärksten Buch »Ehepaare« hat er Ende der sechziger Jahre eine Million Dollar verdient. Das hat immer wieder (besonders in Deutschland, besonders bei Leuten, die sich für außerordentliche Literaturkenner halten) dazu geführt, daß seine Romane und Erzählungen in ihrer Qualität unterschätzt und in ihren Auflagenhöhen hoffnungslos überschätzt wurden. »Ehepaare« blieb bis heute der einzige internationale Bestsellererfolg des Autors.

Updike ist ein Schriftsteller von kaninchenhafter Emsigkeit, eine Folge vielleicht seiner puritanisch-protestantischen Herkunft: Mehr als 40 Bücher hat er in gut 30 Jahren veröffentlicht, keineswegs nur Romane und Erzählungsbände, sondern auch Sammlungen mit Gedichten, Essays und Kritiken und eine autobiographische Schrift. Als junger Mann hatte er sich vorgenommen, jedes Jahr ein Buch zu publizieren, und er hat das Soll übererfüllt. Sein Motto, wie auch schon das des Vaters: Für nichts kriegst du nichts.

Auch Rabbit kann nicht genug kriegen. Obgleich er einen Herzinfarkt schon hinter sich hat (im ersten Teil des Romans drastisch geschildert), obgleich er einer nötigen Bypass-Operation ausweicht, _(* John Updike: »Rabbit in Ruhe«. Deutsch ) _(von Maria Carlsson. Rowohlt Verlag, ) _(Reinbek; 656 Seiten; 48 Mark. ) kann er nicht damit aufhören, Erdnußriegel, Pekan-Nußtorte und Junkfood in sich hineinzustopfen. Er ist fett geworden, und er fühlt sich, obwohl doch erst Mitte 50, alt und überflüssig.

Seit fünf Jahren besitzt er in Florida zusammen mit Janice, der Frau, mit der er nun seit mehr als 30 Jahren verheiratet ist, ein Appartement. Auf einem Spaziergang sieht er einem Jungen beim Basketballspiel zu. »Was dagegen?« fragt er und holt sich den Ball. Die Schmerzen in seinem Brustkorb ignoriert er. So kommt es zum zweiten, tödlichen Infarkt. Rabbit stirbt im Krankenhaus. »Genug« - das ist das letzte Wort des Romans »Rabbit in Ruhe«.

»He, einverstanden, daß ich mitspiele?« Damit hatte alles begonnen. Damals, Ende der fünfziger Jahre, war Rabbit ein junger Familienvater, immer auf dem Sprung, in der kleinen Stadt Brewer ein berühmter Basketballstar.

Der Roman »Rabbit, Run« (deutscher Titel: »Hasenherz") erschien 1960: Updike, wie sein Held Anfang der dreißiger Jahre in Pennsylvania geboren, hatte sich das Ganze einmal als Film vorgestellt, über die Eröffnungsszene - Harry zeigt den Jungs, was er beim Ballspiel draufhat - sollte der Vorspann laufen (als das Buch dann verfilmt wurde, wählte man einen anderen Einstieg). Daher auch das konsequente Präsens, das die nun abgeschlossene Tetralogie vom ersten bis zum letzten Satz - über annähernd 2000 Seiten - vorantreibt.

Ursprünglich war keine Fortsetzung vorgesehen. Doch dann hatte Updike Ende der sechziger Jahre versucht, ein Porträt des amerikanischen Präsidenten Buchanan zu schreiben, und war an der speziellen Form des historischen Romans gescheitert. Also besann er sich auf Rabbit und ließ ihn in »Rabbit Redux« ("Unter dem Astronautenmond") die Zeit des Vietnamkriegs und der Mondlandung durchleben.

Rabbit wurde dann während des zweiten Ölschocks wohlhabend: »Rabbit is Rich« ("Bessere Verhältnisse") hieß die nächste Folge, zehn Jahre nach »Rabbit Redux« erschienen. Rabbits Frau war Mitbesitzerin einer Toyota-Filiale geworden, japanische Autos waren gefragt.

Und nun also der Schlußstein: »Rabbit at Rest«. Ein fulminantes Finale, ein langer Abschied auf mehr als 650 Seiten - in der von Maria Carlsson, die auch schon »Hasenherz« übersetzte, großartig nachgeschöpften deutschen Ausgabe. Ein Drama in drei Akten: »FL«, »PA« und »HI« lauten die Kapitelüberschriften - Abkürzungen für Florida, Pennsylvania und jenes Niemandsland, das den Namen Herzinfarkt trägt.

Der Abschied von Rabbit ist Updike nicht leichtgefallen, der Abschied von einer Figur, die ihn 30 Jahre begleitet hat: »Der Entschluß, den Zyklus abzuschließen, war eine Art Tod für mich«, hat der Autor amerikanischen Buchhändlern in Las Vegas anvertraut.

Während der Arbeit am vierten Band starb, im Oktober 1989, Updikes Mutter. Sie hatte für ihn, der als junger Mann aus der Provinz geflohen war, all die Jahre über die Verbindung zu Pennsylvania hergestellt. Nun war der Faden gerissen. Der schwermütige Unterton des Romans »Rabbit in Ruhe« erklärt sich nicht zuletzt daher - und durch Updikes hellsichtige Wahrnehmung des eigenen Alters, wie er das im letzten Kapitel seines autobiographischen Versuchs »Selbst-Bewußtsein« schon so eindrucksvoll demonstriert hat.

»Rabbit in Ruhe« ist ein Buch über die Qualen des Untergangs und des Sterbens, einer der großen Abgesänge der zeitgenössischen Literatur. »Man könnte sagen«, erschreckte Updike die Buchhändler, »das sei ein depressives Buch über einen depressiven Mann, geschrieben von einem depressiven Mann.« Übertrieben vielleicht, aber nicht falsch. Jedenfalls gab es noch in keinem seiner Romane bisher derart viele Unglücke und Abstürze, Mißhelligkeiten und Katastrophen. Und in keinem _(* Mit James Caan, Anjanette Comer. ) ging es zugleich so komisch und abgrundnah-heiter zu.

Den verrücktesten Auftritt hat ein Japaner. Er hält Rabbit in dessen Büro eine Standpauke. Die Amerikaner hätten keine Disziplin mehr. »Viele gute Eigenschaften, gewiß. Gut Tennis, gutmütig. Viel Spaß.« Der Widerstreit zwischen Ordnung und Freiheit sei für ihn »faszinielend«, sagt Herr Shimada (Updike scheut weder Klischee noch Klamotte). Die Liebe zur »Fleiheit« sei so groß, daß jeder mache, was er wolle. Die Japaner hätten ihren Respekt vor Amerika längst verloren. Die Toyota-Gesellschaft, deren Manager Herr Shimada ist, möchte Inseln der Ordnung »im Ozean der Fleiheit« schaffen. Und daher: Schluß mit der Verkaufslizenz! Mit einer Familie, deren Sohn Drogenprobleme hat und Unterschlagungen begeht, will Nippon nichts zu tun haben.

Diese Szene konterkariert einen anderen grellen Auftritt, nur wenige Seiten vorher. Rabbit in der Parade zum 4. Juli als Onkel Sam - seine neunjährige Enkeltochter hat ihn darum gebeten. Und so läuft er, in seinem lächerlichen Aufzug, den Kinnbart mühsam mit Tesafilm befestigt, durch die Straßen seiner alten Heimatstadt Brewer und wird immer noch als der Basketballstar von einst erkannt und beklatscht. Man singt »God Bless America«, in Rabbit wächst »die Gewißheit - und läßt sein Herz immer heftiger hämmern -, daß alles in allem dies das verdammt glücklichste Land ist, das die Welt je gesehen hat«.

Updike möchte das wohl selbst gern glauben, doch er muß nur mit den Augen seines Alter ego durch die Straßen der Provinzstadt Reading - Vorbild für das fiktive Brewer - laufen, um zu sehen: überall Zeugnisse eines ungeheuren Verfalls, der Veränderung, des Wandels. Das Amerika, wie es in den Bildern des Malers Edward Hopper aufscheint, wie es sich im Kopf von Rabbit alias Updike bewahrt hat, ist nicht mehr vorhanden.

Hart schneidet der Romancier die Befunde des Lokaltermins gegen die Erinnerungsbilder: Rückblende, literarisches Kino, voll Aroma der verlorenen Zeit. Kaufhäuser, Läden und Bäume, herausgerissen aus dem Stadtbild wie die Straßenbahnschienen aus den Straßen. Übrigens war es Updikes eigener Vater, ein Lehrer und Patriot, der in der Siegesparade nach dem Zweiten Weltkrieg als Onkel Sam mitlief. So ist dieser Roman auch ein geheimer und gravitätischer Abschied von der Welt der Eltern.

Und schließlich ein Abschied von der einst vergötterten Welt des Sexus. Der Ehebruch, so hat Updike schon vor längerer Zeit wissen lassen, sei ein Thema, »das, wenn ich es nicht erschöpft habe, wenigstens mich erschöpft hat«. Vielleicht sei das alles nur möglich gewesen in einer kurzen Zeitspanne, »nachdem Pille und Spirale den Sex von der Angst vor Schwangerschaft befreit hatten und bevor Aids ihn an die Kette der Todesfurcht legte«.

Sein Rabbit hat Janice mehr als einmal betrogen - zuletzt treibt er es, wie um die Liste seiner Ehebrüche makaber zu krönen, noch ein einziges Mal mit der eigenen Schwiegertochter. Aber selbst er, dem das Fleisch soviel Lust bereitet hat, fühlt sich am Ende im eigenen Körper gefangen, »als sei er in eine Gefängniszelle zu einem Verrückten gesperrt, der jeden Augenblick auf die Idee kommen kann, ihn umzubringen«. Und doch, so Rabbits trotziges Resümee: »Eines weiß er mit Sicherheit: Wenn er Teile seines Lebens wieder hergeben müßte, das letzte, das er hergäbe, wäre das Ficken.«

Bisweilen läßt der Romancier die Zügel schleifen, dann ist nicht seine Figur, sondern er selbst geschwätzig. Die Bände sind von Mal zu Mal umfangreicher geworden - vielleicht hat der Erzählgott auch deshalb seinem Geschöpf den Lebensfaden durchschnitten.

Alles in allem ist dieser Roman Updikes bester. Der Autor bewährt sich als einer der wenigen begnadeten Menschendarsteller unserer Gegenwartsliteratur. Er kann die Ängste, Obsessionen, die alltäglichen Niederlagen und verschämten Wünsche seiner Figuren so zeigen, daß wir sie als unsere eigenen wiederzuerkennen wagen. Er vermag das, weil er Mitleid hat und - ebenso entscheidend - keine Skrupel kennt.

Und weil er hinhören kann. Ob es ein Gespräch in der Arztpraxis, auf dem Golfplatz, eine Unterhaltung mit den Enkelkindern, ein Streit zwischen Vater und Sohn ist, ob es sich um eine geschäftliche Besprechung oder um Bettgeflüster handelt: Es gibt kaum eine Situation zwischen Menschen, die dieser Schriftsteller nicht anschaulich zu machen versteht. Er ist ein Meister der Zwischentöne, ein souveräner Kenner auch von jeglicher Alltagsrede.

Updike hat es verstanden, die Tetralogie zu runden, die Fäden und Figuren noch einmal zusammenzuführen. Alle vier Romane spielen jeweils am Ende eines Jahrzehnts. »Rabbit in Ruhe« endet im Oktober 1989. Daß die Welthistorie noch mit hineinwirken sollte, konnte niemand ahnen. Die Rabbit-Romane, das ist gewiß, wird man einmal lesen als Chronik des westlichen Lebensgefühls in einer Epoche, »als wir noch Angst vor den Russen gehabt haben«.

»Wie erstaunlich es ist«, denkt sich Harry Angstrom, den sie Rabbit nannten, kurz vor Schluß, »daß der Spaß weitergeht, ohne ihn.« Ja, erstaunlich. Und ganz unfaßbar. Doch es ist wirklich: genug.

* John Updike: »Rabbit in Ruhe«. Deutsch von Maria Carlsson. RowohltVerlag, Reinbek; 656 Seiten; 48 Mark.* Mit James Caan, Anjanette Comer.

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