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Bücherspiegel Endlich weg

aus DER SPIEGEL 24/1994

Es sind die späten achtziger Jahre, die DDR verdämmert, in Ost-Berlin verhockt die Prenzlberg-Boheme die Zeit in Kneipen und Cafes, zerredet und zerwartet eine Zukunft, die nicht mehr kommt. Da beschließt »die Liebmann«, Hauptfigur in Irina Liebmanns neuem Roman: »Raus hier.« Doch kaum ist ihr Ausreiseantrag nach West-Berlin bewilligt und das Raus-hier bewerkstelligt, setzen die Trennungsschmerzen ein: »die Liebmann« fühlt sich, als hätte sie Verrat begangen. Zerrissen zwischen hüben und drüben, leidet sie an diesem Dilemma: das Dableiben nicht aushalten und das Weggehen nicht durchhalten zu können.

Und dann passiert's, die Mauer fällt, »Berlin ist offen«, die ganze Stadt steht allen frei. »Und nun, Liebmann, wie geht es weiter?« Etwa so: Die vertrauten Cafes in Berlin-Mitte werden demoliert. »Zettel kleben Parterre an den Scheiben - hier entsteht ein argentinisches Steakhaus, das klebt schon ein Jahr an den Scheiben, egal ist es die Cafes sind weg.«

So prägnant, so lakonisch kann Irina Liebmann, 50, die Wende in ihrer Scheinaktivität, ihrem Zerstörungseifer, ihrem stockenden Aufbruchsimpetus auf den Punkt bringen.

Sie spürt den Veränderungen im Leben der Stadt nach - nicht dort, wo sie sich als historische Umwälzungen groß aufspielen, sondern dort, wo die kleinen Eingriffe sinnlich faßbar sind. Bei ihr tritt das Unscheinbare in Vorschein, wird das Unausgesprochene vielsagend. Während alles sich ändert, ändert sich nichts. Berlin vor, während und nach der Wende - rastlose Immobilität, nervöser Stillstand, flatternde Apathie.

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