Sibylle Berg

Gedanken zu möglichem harten Winter Wir nennen es Arbeitsmoral

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Gegen Frieren, Hunger und schlechte Laune hilft harte Arbeit, die sich lohnt – und darum muss die Bevölkerung auf ihren Platz verwiesen werden: Die Großbürger verduften nach Sylt, der Rest soll sich am Riemen reißen.
Charlie Chaplin im Film »Moderne Zeiten«: Das kollektive Angstzentrum wird in den Schraubstock gespannt

Charlie Chaplin im Film »Moderne Zeiten«: Das kollektive Angstzentrum wird in den Schraubstock gespannt

Foto: Picturelux / ddp

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Guten Morgen. Ich bin Ihre schlechte Laune und möchte heute über Zumutungen sprechen. Der Sommer ist vorbei. Und so auch das rauschende, mit großer Sensibilität ausgeführte Hochzeitsfest eines deutschen Volksvertreters auf der Insel, wo guter Geschmack bedeutet, den Elektro-SUV vor Gaststätten zu parken, in der braun gebrannte Männer mit pinken Hemden lebendige Meerestiere lecken.

Arbeit muss hart sein, sonst lohnt sie sich nicht, und Arbeit muss sich wieder lohnen. Denn wir befinden uns in der Vorstufe eines kalten Winters, mit dem, so steht es zu befürchten, allerlei Verelendung einhergehen wird.

Gegen Frieren, Hunger, Sorgen und schlechte Laune hilft harte Arbeit, die sich lohnt, und darum muss die Bevölkerung auf ihren Platz als Kleinbürger verwiesen werden: Die Großbürger nach Sylt, der Rest sei gewarnt. Die fast kommunistische Idee, das Hartz-IV-Almosen mit einem neuen Namen und ein paar Euro mehr zu entstigmatisieren, ist da das falsche Signal, denn es hält, so CDU/CSU, die Menschen von Arbeitsaufnahme ab .

Statt schlecht bezahlt in der Pflege im Schichtdienst zu rackern, treiben solche Maßnahmen die Hartz-IV-Empfangenden also nur zu anlasslosem Barbados-Urlauben und sinnlosem Herumbrettern mit SUVs durch die Auenlandschaften.

Der Wert eines Menschen ohne Kapital bemisst sich seit dem Siegeszug des Kapitalismus, der Ende des 15. Jahrhunderts begann, in der Arbeitskraft, die man aus ihm pressen kann. Bei Frauen kommt die reproduktive, nicht bezahlte Leistung dazu. Nehmen wir die aus, die sich selbst als Freiberufler ausbeuten, oder gut geführte kleine und mittlere Unternehmen, bei denen Menschen gerne tätig sind und eventuell sogar am Gewinn beteiligt werden, bleibt eine Mehrheit, die für Aktionäre und das Unternehmen, an denen Aktionäre beteiligt sind, arbeiten.

Und das zumeist ebenfalls gerne, weil sie gelernt haben, dass sie sich ihr Leben verdienen müssen. Nicht mit eigenem Land, das sie bewirtschaften. Das wurde ihnen vor Hunderten von Jahren abgenommen – sondern, um sich die Grundbedürfnisse des Überlebens leisten zu können. Wir arbeiten alle gerne und wissen nicht, was sonst mit uns anzufangen. Wir arbeiten und leisten uns zwei Wochen Urlaub. In denen man durchs Sauerland wandern kann, um sich zu regenerieren, und um dann die Selbstverwirklichung in der Umarmung eines Großbetriebes weiterzuführen.

Stupsen und rügen bei Ausbleiben der Euphorie

Nichts dagegen. In dem Maß aber, mit dem sich der Zugang der Mehrheiten zu den Grundbedürfnissen Wohnen, Energie, Nahrung verteuert, wird nun das seit Jahrhunderten bekannte Framing der Arbeitsscheuen, der Vagabunden, Tagediebe, Faulenzer reaktiviert. Das kollektive Angstzentrum wird in den Schraubstock gespannt.

Diejenigen, die ein ordentliches Leben in einem geregelten Beschäftigungsverhältnis haben, sind zu beschäftigt, um auf dumme Gedanken zu kommen. Aber um das sicherzustellen, muss überwacht werden, ob sie ihrer Beschäftigungsaufgabe auch vollumfänglich nachkommen. Darum ein Ja zur anlasslosen Anwesenheitskontrolle .

Im Homeoffice erledigen die Überwachung  die arbeitgeberfreundlichen Microsoft-Tools, die noch weitergehen als das simple Abstempeln der Menschenanwesenheit. Die stupsen und rügen bei unkorrektem Ausbleiben der Euphorie, noch einen Job zu haben. Wir nennen es Arbeitsmoral.

Und jene, die zur Abschreckung an den Pranger gestellt werden, die geschätzt 30 Prozent der Armutsbetroffenen im sogenannt reichsten Land der EU, die kostenlos Betreuungsarbeit leistenden Frauen, die älteren Langzeitarbeitslosen, die Kranken und Schwachen? Euch ein beherztes: selbst Schuld! So schallt es ihnen von fast allen Regierungen zurzeit entgegen. Die neue Stufe des progressiven Neoliberalismus ist erreicht.

Die Kapitalinhabenden tun derweil nicht einmal mehr so, als seien sie an der Bevölkerung interessiert. Der Rohstoffkonzern BHP steigert seinen Gewinn um 40 Prozent auf 23,8 Milliarden US-Dollar. Firmen schütten ungebrochen Rekordwerte an ihre Aktionäre aus. Wir sehen: Arbeit lohnt sich. Wer richtig reinhaut, kann sich dann auch belohnen.

Mit einer Wandertour im Sauerland. Oder der Ersteigerung einer Himalaja-Birkin für 500.000 Dollar.

Also, hauen wir rein!

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