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Engagement für »eine menschliche Ratte«

aus DER SPIEGEL 26/1972

Das Urteil des Schwurgerichts im Saarbrücker Lebach-Prozeß wurde am 7. Juli 1970 verkündet. Die Angeklagten Wolfgang Ditz und Jürgen Fuchs, beide damals 27 Jahre alt, erhielten lebenslange Freiheitsstrafen, der 25jährige Angeklagte Erwin Knabe* eine Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren. Uneingeschränkter Zustimmung zum Urteil stand gewichtige Kritik gegenüber.

Die »Zeit« kommentierte: »In Saarbrücken gab es zu einem aufsehenerregenden Soldatenmord ein Urteil, aber keine Erklärung, die über abgegriffene Formeln hinausgeht ... Länger als zwei Stunden begründete das Gericht den Urteilstenor; die Psyche der Angeklagten, insbesondere ihre Gruppenbildung unter dem Aspekt der homosexuellen Verkettung, war dem vortragenden Beisitzer ganze vier Minuten der Erläuterung wert.« Die »Frankfurter Allgemeine« befand: »Alles ist geregelt, aber das, worauf es ankommt, ist nicht geklärt ... Der Prozeß ist zu Ende. Die Fragen bleiben.«

Der »Vorwärts« setzte sich mit einer Passage der mündlichen Urteilsbegründung ("Ein solcher Egoismus steht auf sittlich tiefster Stufe und verdient nur mehr Verachtung") auseinander: »Sittliche Entrüstung und Verachtung verhindern Entdeckungen, die wir für uns selbst, für unsere Gesellschaft so dringend brauchen. Diesem Gericht mag kein Fehlurteil anzulasten sein, aber es muß den Vorwurf tragen, die Wahrheit über den äußeren Tatverlauf hinaus nicht einmal beharrlich genug gesucht zu haben.«

Da die Verurteilten Fuchs und Knabe vom Rechtsmittel der Revision Gebrauch machten, bestand Hoffnung, Saarbrücken werde nicht das letzte Wort der Justiz in Sachen Lebach bleiben. Denn wenigstens in einem Punkt waren die beiden Revisionsbegehren höchst beachtlich: Am ersten, zweiten und dritten Tag der Sitzung in Saarbrücken war vor über 1000 Zuschauern verhandelt worden. Es hatte das Gehör der Angeklagten zur Person und zur Sache vor einer nahezu totalen (oder totalitären ...) Öffentlichkeit stattgefunden, die allein die Überfüllung selbst der Gänge und Treppen in der Kongreßhalle zu Saarbrücken einschränkte. Im »Hamburger Abendblatt« schrieb Erik Verg nach dem Urteil: »Hätte es etwas geändert, wenn man diese in der deutschen Justizgeschichte einmalige Öffentlichkeit von Anfang an eingeschränkt hätte und nicht erst, als sich kritische Stimmen erhoben? Ja, zweifellos.«

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Doch am 7. Juni 1971 verwarf der Zweite Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe die Revisionen gegen das Lebach-Urteil durch schlichten Beschluß, also ohne mündliche Verhandlung und ohne Begründung. BGH-Senate haben schon häufig Anlaß zu der Besorgnis gegeben, daß bei ihrer Entscheidung über Revisionen Gesichtspunkte den Ausschlag für die Verwerfung geben, die nicht rechtlicher Natur sind. Ein zweiter Lebach-Prozeß wäre eine Tortur gewesen, vor allem für die Angehörigen der vier Soldaten, die im Munitionslager Lebach getötet worden sind, und für den Überlebenden des Überfalls.

Doch die Revisionsinstanz hatte über das einzige Rechtsmittel zu befinden. Und so muß man die Verwerfung der Lebach-Revisionen eine böse Entscheidung nennen: Sie breitete endgültig den Schleier der Justizbrüderlichkeit über einen Einbruch der Öffentlichkeit in die Szene eines besonders heiklen Strafprozesses -- über einen Einbruch mit Murren, Zischen und Hohngelächter, nach dem gerade noch ein Urteil, jedoch kein Quentchen Erhellung oder Aufklärung mehr möglich gewesen war. Die Verwerfung wurde indessen kommentarlos hingenommen.

Als das Lebach-Urteil im Juni 1971 vollständig und endgültig rechtskräftig wurde, hinterließ es zwei aufzuarbeitende Stoffe: die Frage nach der Entstehungsgeschichte der Tat; und die Frage, welche Lehren aus den Mängeln des Lebach-Prozesses und der Lebach-Revision für eine größere Sauberkeit und Produktivität des Strafverfahrens gezogen werden können. Doch die Akten unserer Strafsachen werden bei Eintritt der Rechtskraft endgültig geschlossen. Von zentralen, kriminologischen und juristischen Forschungsinstitutionen, die -- ohne an die Rechtskraft zu rühren -- um die versäumten oder erst mit Abstand zu ziehenden Lehren bemüht zu sein hätten, war zwar die Rede -- doch wir haben nichts dergleichen.

Und so wird das Archiv der rechtskräftig abgeurteilten Straftaten, diese Kammer voll düsterer, aber zur Vorbeugung und zur Heilung nutzbarer Vorräte zu einem Gruselkabinett, aus dem Schriftsteller und Journalisten nach Belieben holen, was Effekt zu versprechen scheint. Bereits im März 1971, also drei Monate vor der Entscheidung der Revision, erschien, Verfasser Jürgen Neven-du Mont und, kleiner gedruckt, Karl Schütz, Leitender Regierungskriminaldirektor, das Buch »Kleinstadtmörder«.

Nur salvatorisch war das Buch gegen die noch nicht vorhandene Rechtskraft von zwei Urteilen in Sachen Lebach abgesichert. Das Buch enthielt und benutzte Material, das in die Verhandlung nicht eingeführt worden war; die Mitwirkung des Herrn Schütz, der Lebach aufgeklärt hatte, war also zusätzlich zu seiner Beteiligung an einem vor der Revisionsentscheidung erscheinenden Buch überaus bedenklich (trotz peinlicher, salvatorischer Absicherungsversuche auch in diesem Punkt). Unter dem Mantel einer scheinbar nur dokumentarischen Darstellung verbargen sich deftige Meinungen und entschiedene Bewertung. Wo Positionen -- auch ohne forciertes Engagement für den Fortschritt -- zu überprüfen waren, wurden sie von Neven-du Mont verteidigt.

Er hat einmal von sich gesagt: »Ich will niemanden belehren!« Er halte, so bekannte er stolz, nichts vom »erhobenen Zeigefinger«. Selten hat ein Autor weniger von sich gewußt, mehr über sich gesagt und die Regeln eines Metiers gründlicher verkannt: Denn wer außerhalb der Justiz Strafsachen behandelt, der hat sich als ein ums Lernen Bemuhter zu offenbaren und zu bekennen (so sehr er sich dabei entblößen und preisgeben muß). daß es ihm um Lehren geht. Die »nur dokumentierende« Haltung gegenüber der Strafsache ist eine Illusion. Das Bekenntnis zur subjektiven Lernbemühung hat immerhin die Chance zu objektiven Lehren. Die Nachricht, daß Neven-du Mont Lebach verfilmen würde, war ein Alarmsignal. Gerade von ihm war eine Aufarbeitung der Stoffe nicht zu erhoffen, die das Strafverfahren hinterlassen hatte.

Allzusehr hat sich die Diskussion auf die Frage zugespitzt. ob die Rechte und Chancen des Erwin Knabe, der nächstens die Freiheit wiedererlangen soll, geschmälert werden könnten. Es geht jedoch vor allem darum, daß aus rechts- und gesellschaftspolitischen Gründen der unerledigte Nachlaß einer Strafsache nicht der Ausplünderung überlassen werden darf. Vergessen wir nicht, daß der Lebach-Film zunächst in zwei Teilen am Freitag und Samstag vorletzter Woche, am 9. und 10. Juni um 20.15 Uhr, ausgestrahlt werden sollte, zu einer Zeit also, zu der sich die Nation, wie allseits bekannt ist, nach Meinungsbildung und differenzierterer Betrachtungsweise dürstend. vor den Bildschirm zu setzen pflegt ...

Es hat Neven-du Mont nicht einmal entsetzt, daß Heinz Kuntze-Just, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Fernsehproduzenten e. V., in einem Text zugunsten der Lebach-Verfilmung und des Neven-du-Mont-Buches »Kleinstadtmörder« (das mal die Grundlage der Verfilmung sein, dann aber auch wieder nichts mit ihr zu tun haben soll) schrieb: »Hätten die kirchlichen Kritiker das Buch gelesen, dann würden sie wissen, daß sie sich hier für eine menschliche Ratte öffentlich engagieren.« Die Ratte soll der laut Urteil an der Tatausführung nicht beteiligte Erwin Knabe sein. Was danach Wolfgang Ditz und Jürgen Fuchs sind, bedarf keiner Phantasie. Genau das Engagement für »eine menschliche Ratte« aber ist es, wofür der Autor Neven-du Mont zu dokumentarisch fein ist.

Wir fürchten, daß der Lebach-Film gesendet werden könnte, vielleicht da und dort gemildert, aber nach wie vor eine Parodie auf die Mühe, die wir dem unerledigten Nachlaß unserer Strafsachen in Wahrheit zu widmen hätten: als ein Beitrag auch zu gewalttätigen Meinungen über Gewalt. Abgesetzt unter Verlusten, und Bearbeitern überantwortet wird eine Serie wie »Hei-Wi-Tip-Top«, denn die hat dem Unterhaltungsbedürfnis des verehrten Publikums einen »Tiefschlag« versetzt. Wer aber Aufklärungswillen mit hübschen Floskeln behauptet, der darf fröhlich -- unterhalten. Immerhin, eine moralische Anstalt zu sein, hat das Fernsehen nie vorgegeben. Muß es jedoch eine unmoralische Anstalt werden?

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