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Kultur Engtanz Ost-West

Nahaufnahme: Der Schauspieler Jan Josef Liefers geht mit den Ostrock-Liedern seiner Kindheit auf West-Tournee.
Von Julia Bonstein
aus DER SPIEGEL 8/2009

Man hätte Peinliches erwarten können: Ein Hobbysänger tritt auf eine Kleinkunstbühne, er zeigt private Super-8-Filme, singt Liedchen aus seiner ostdeutschen Jugend und spielt dazu Radiomitschnitte aus den Siebzigern und Achtzigern ab. Eine alberne Provinzposse? Keineswegs. Jan Josef Liefers beweist an diesem Abend in Darmstadt, dass er tatsächlich singen kann. Und er hat ein Anliegen: »Ich will zeigen, dass wir da drüben im Osten keine Eskimos aus der Arktis waren«, sagt der in Dresden geborene Schauspieler.

Fast 20 Jahre nach dem Mauerfall geht der »Tatort«-Darsteller mit dem »Soundtrack meiner Kindheit« auf Deutschland-Tournee. Der Ex-Ossi spielt Lieder von Ost-Bands wie Silly, Karat, Lift oder den Puhdys, dazu erzählt er kleine private Geschichten aus der DDR. Liefers und seine Band Oblivion tingeln von Darmstadt nach Hamburg, Marburg, München und Stuttgart, rauf und runter durch den Westen der Republik. Seine Heimatstadt Dresden steht als einziges ostdeutsches Heimspiel auf dem Programm. »Im Westen ist die Neugier größer«, hofft Liefers.

Das Auftaktkonzert in Darmstadt am vergangenen Donnerstag ist fast ausverkauft. Das Publikum kennt Liefers vor allem aus dem Münsteraner »Tatort«. Ein paar Lehrerinnen sagen, sie seien gekommen, um ihren »Lieblingspathologen« zu sehen, ein Krimi-Fan aus Bad Nauheim hofft auf »Spaß trotz Ostrock«. Dass der Schauspieler Liefers in der DDR aufgewachsen ist, wussten viele Fans vorher nicht. »Das hört man bei dem ja gar nicht«, lobt eine Sozialpädagogin.

Liefers hat seine Herkunft bislang nie besonders betont, nach der Wende ging er ans Hamburger Thalia Theater. Bekannt wurde er im »Tatort« ausgerechnet in der Rolle des affektierten Gerichtsmediziners Boerne, der dem Klischee vom arroganten West-Snob gar nicht besser entsprechen könnte. »Den Vorzeige-Ossi wollte ich nie geben«, sagt Liefers.

Damit soll nun offenbar Schluss sein. Auf der Darmstädter Bühne singt der 44-Jährige ausschließlich alte Ost-Songs und erzählt DDR-Anekdoten. Er witzelt über die Dresdner Plattenbauwohnung, die seine Familie damals bezog: »Todschick und hochmodern.« Er erzählt vom Gitarrenlehrer, der ihn als Jugendlichen zwang, Operette statt Jimi Hendrix zu spielen, und vom ersten Zungenkuss in einem Plattenladen. Eine ganz normale Jugend in der DDR.

»Ich habe doch mit 15 nicht täglich an die Stasi gedacht«, erklärt der Schauspieler, »mich haben wichtige Dinge interessiert: Musik, Mädchen, Fußball.« Mit dem »Soundtrack meiner Kindheit« wolle er zeigen, »dass unser Alltag in der DDR gar nicht so anders war«.

Ostalgie also? »Nein, bloß nicht«, sagt Liefers. »Die DDR war politisch eine misstrauische und restriktive Diktatur, da gibt es nichts zu verklären.«

Zwischen schnöde Alltagsgeschichten flicht die Band Songs, die als harmlose Liebeslieder ebenso durchgehen wie als subversive Denkstücke in einer Diktatur. Auf die politische Sprengkraft mancher Zeilen und den Mut der Ost-Bands weist der Schauspieler sein in solchen Subtilitäten unerfahrenes Publikum ausdrücklich hin.

Keineswegs wolle er den Blick auf die DDR-Vergangenheit rosarot färben, sagt Liefers, »aber eine Ergänzung zu all den Betroffenheitsgeschichten und Heldendramen möchte ich bieten«.

Im Westen sei die DDR doch vielen nur aus Fernsehzweiteilern bekannt: Filme wie »Die Frau vom Checkpoint Charly« oder »Der Tunnel« seien zwar ehrenwerte Versuche, Geschichte anschaulich zu machen, »aber diese Event-Movies entwerfen doch ein Bild, nach dem es unterm Strich in der DDR nur Täter oder Opfer gegeben hat«. Da wundere es nicht, dass sich Wessis und Ossis auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch fremd seien. »Auf einen strahlenden Helden oder ein gebrochenes Opfer geht man nicht einfach zu und sagt: Hey Alter, lass mal schnacken!«

Diese Hemmschwelle will der Schauspieler an diesem Abend einreißen. Er plaudert über Absurdes und Alltägliches: »Das ganz normale Leben ist die Ebene, auf der sich am ehesten Nähe einstellt.«

Und so gibt er an diesem Abend den Ossi zum Anfassen. Zu einem Duett bittet er in Darmstadt eine Zuschauerin auf die Bühne. Und als sich Gislinde dann zum Engtanz verführen lässt, blickt Liefers so versonnen, als bestehe sein Triumph in diesem Moment tatsächlich darin, als ostdeutscher Gigolo und nicht etwa als »Tatort«-Star zu brillieren. »Das hat bei diesem Lied früher auch immer funktioniert«, freut er sich. Das Leben in der DDR sei eben nicht immer nur Drama gewesen: »Zwischen Stasi und Widerstand gab es ein reiches Leben, aber das spielte sich in Parallelwelten ab.«

Seine eigene Biografie ist dafür ein Beispiel. Aufgewachsen in einer liberalen Dresdner Künstlerfamilie, eckte er in der Schule zwar früh an, später wurde ihm das Abitur verwehrt. Aber gelitten habe er darunter wenig, für die Schauspielschule reichte schließlich eine abgeschlossene Tischlerlehre. »Glück gehabt«, sagt er, »aber wenn ich hätte Arzt werden wollen, das hätte ich mir abschminken können.«

Lehrreich war sein West-Auftritt an diesem Abend allemal: Dass Peter Maffays Hit »Über sieben Brücken musst du geh'n« ursprünglich von Karat stammt, wissen die Zuhörer jetzt. Und dass man zu »Anna Maria« von den Roten Gitarren mindestens ebenso selig schunkeln kann wie zu Udo Jürgens' »Griechischer Wein«.

In Darmstadt gibt es Applaus, man fordert Zugaben, und als dann schließlich alle gemeinsam über einen Mitschnitt von Honeckers Propagandageschwätz lachen, fühlt sich das tatsächlich befreiend an.

JULIA BONSTEIN

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