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TAGEBÜCHER Entblößtes Herz

aus DER SPIEGEL 30/1964

Ein Mann ohne Tagebuch«, schrieb der Schweizer Gottfried Keller, »ist, was ein Weib ohne Spiegel. Dieses hört auf, Weib zu sein, wenn es nicht mehr zu gefallen strebt und seine Anmut vernachlässigt ... jener hört auf, ein Mann zu sein, wenn er sich selbst nicht mehr beobachtet.«

Das war Europas Ich-Beschauern recht aus dem Herzen gesprochen. Denn seit jenem Zeitalter der Renaissance. in dem sich der Einzelmensch neue private Freiheiten entdeckt hatte, vor allem jedoch seit der Mitte des 18. Jahrhunderts haben Bürger und Künstler, Philosophen, Politiker und Geistliche, Literaten und Nicht-Literaten sich selbst, ihre Zeit und ihre Umwelt im Tagebuch unaufhörlich zergliedert und gespiegelt - manche in aller Aufrichtigkeit, manche auch nicht.

Das intime Diarium mit seinen Notizen, Kommentaren, Meditationen und Alltagschroniken diente seinen Autoren als Geheim-Magazin für ihren Größenwahn und ihre Demut, ihre Eitelkeit und Zerknirschung, ihre Besessenheiten und Perversionen, ihre Siege und Niederlagen; es wurde zum Beichtstuhl-, Triumphbogen- und Klagemauer-Ersatz und ist es noch heute.

Friedrich Hebbel sah in seinem Journal ein »Notenbuch des Herzens«, dem französischen Kritiker Sainte-Beuve war es ein »Arsenal seiner Rache« und »seiner Gifte«, Benjamin Constant, einer der fleißigsten Journal-isten, nannte es ein »Lagerhaus von Torheiten«, und der englische Museumsassistent Barbellion fühlte sich zu seinem »Tagebuch eines enttäuschten Mannes« hingezogen, »wie ein armer Alkoholiker immer wieder zur Flasche greift«.

Was dem einen als heilsames Mittel zur Selbstzucht erschien, wurde dem anderen zum Laster. Aber so verschiedenartig die Geheim-Schreiber des Abendlands ihre Kladden auch beschrieben - für Gustav Rene Hocke, den Erforscher manieristischer Labyrinthe in Literatur und Kunst ("Die Welt als Labyrinth«, 1957; »Manierismus in der Literatur« 1959), starrt aus jeder Seite dieser Tagebuchmassen, sei sie nun von Rilke oder Goebbels, von Christoph Kolumbus oder Johannes XXIII., »das hintergründige Gesicht des Homo europeus«, so als »hätten zahlreiche einzelne Tagebuchschreiber alle zusammen das Tagebuch Europas geschrieben«.

Von dieser Vision fasziniert, hat der Journalist und Kulturhistoriker Hocke in achtjähriger Forschungs- und Schreibarbeit eine erste große Monographie über »Das europäische Tagebuch« verfaßte. Sie enthält eine detailgewaltige und vielverschlungene 500-Seiten-Studie über fünf Jahrhunderte Tagebuch-Schreiberei, eine ebenso umfangreiche Sammlung von (zum Teil erstmals publizierten oder übersetzten) Tagebuch-Blättern (110 Autoren), eine gründliche Bibliographie von über 600 Tagebuch-Titeln sowie eine mächtige Fußnoten-Fracht.

Hocke, ein Schüler des bedeutendsten deutschen Romanisten, Ernst Robert Curtius, 1908 in Brüssel geboren und seit 1940 als Korrespondent deutscher Zeitungen und Zeitschriften in Rom wohnhaft, wollte in seinem Beitrag zur »Geschichte des europäischen Subjektivismus« keineswegs »Darsteller und Deuter von Geistes-Geschichte« sein; seine Absicht war, die »Struktur des europäischen Tagebuchs« zu studieren und die »Grundmotive« aufzuspüren, die den »Diaristen« bewogen, seine Handlungen, Gedanken und Gefühle, Politisches und Erotisches, Bedeutsames und Banales zu fixieren.

Denn auch Trivialitäten dürfen und müssen sogar, laut Hocke, neben Gewichtigerem im echten, nicht fingierten Tagebuch Platz finden - »ein alltäglicher Besuch und eine Verdauungsstörung, die erste Idee zu einer geistigen Arbeit, das Mischen eines Schlaftrunks für die Nacht«.

Hocke gesteht denn auch, daß ihn etwa das »Diario« des Spätrenaissance-Malers Jacopo da Pontormo (1494 bis 1556), das er erstmals in Deutsch vorlegt, »in einem ästhetischen Sinne verzaubern (kann) wie alte seltene Münzen«. Und Pontormos Eintragungen lesen sich zumeist so: »Donnerstag aß ich abends 10 Unzen Brot, zwei gebratene Eier und Rettich. Am Freitag fing ich damit an, die Rücken dazu zu malen. Abends aß ich ein Pfund Brot und Spargel; es war ein schöner Tag.«

Nicht weniger selektiv war das »Visions«-Tagebuch des Jesuiten-Vaters und Ex-Offiziers Ignatius von Loyola, dessen Augen bei der »Schauung des göttlichen Seins in Kugelgestalt« (Loyola) permanent zu tränen begannen:

Ostersonntag, 13. April 1544

Viele Tränen während der Messe, nach der Messe Tränen.

Montag, 14. April

Viele innere und äußere Warme, die (ganz Trost) mehr übernatürlich erschien, keine Tränen.

Dienstag, 15. April

Kein (außerordentlicher) besonderer Trost, aber auch keine Trostlosigkeit; keine Tränen.

Mittwoch, 16. April

Viele Tränen während der Messe; nach der Messe Tränen.

Viel genauer als Pontormo und Sankt Ignatius nahm es dreihundert Jahre später der eidgenössische Philosophieprofessor Henri Frédéric Amiel (1821 bis 1881) mit seinen Notizen zum Tage. Der Junggeselle und »stets Schüchterne, der nicht einmal zu heiraten wagte«, verfaßte ein »Journal intime« von insgesamt 16000 (in Worten: sechzehntausend) Seiten und beschäftigte sich so ausschließlich mit seinem »schmerzstillenden Mittel, seinem Echo, dem Behälter seiner intimen Erfahrungen, seinem psychologischen Wegweiser, seinem-Schutz gegen das Rosten der Gedanken, seinem Vorwand zu leben« (Amiel), daß er, nach Hocke, »dem Ich-Kult bis zum Persönlichkeitsschwund verfiel«.

Diese moderne Gattung des Bekenntnis-Tagebuches, wie Amiel sie pflegte, kam in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Mode. Damals schrieb der Schotte James Boswell, ein Freund von Jean Jacques Rousseau und zeitweiliger Liebhaber der Geliebten Rousseaus, sein rokoko-keckes »London Journal« (1950 erstmals veröffentlicht) und beklagte sich nach einer venerischen Infektion am 24. Januar 1763: »Was soll nun vorderhand aus meinem Tagebuch werden? Es muß wohl wüst und leer bleiben.« Doch Boswell beruhigte sich: »Jedenfalls werde ich bald wieder auf den Beinen sein, um auf ergötzliche Abenteuer auszugehen.«

Rousseau vor allem, der, von Freund Boswells Freimut möglicherweise nicht ganz unbeeinflußt, zwischen 1765 und 1770 seine »Bekenntnisse« niederschrieb ("Ich will den Menschen meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Wahrheit der Natur zeigen; und dieser Mensch, das werde Ich sein"), diente den Tagebuch-Autoren fortan als faszinierendes Vorbild.

Im Wetteifer mit Rousseau entkleidete Europa seine Seelen. »Ah, wenn dieses Buch jemals das Licht der Welt erblickt, so werden die ,Bekenntnisse' Jean Jacques' farblos daneben erscheinen«, rühmte der Dichter Charles Baudelaire sein Tagebuch mit dem Titel »Mein entblößtes Herz«. Und er notierte fünf Jahre vor seinem Syphilis-Tod in diesem Journal: »Ich habe meine Hysterie mit Entzücken und Entsetzen gepflegt. Jetzt bin ich immer dem Schwindel ausgeliefert, und heute, den 23. Januar 1862, ist mir ein seltsam vorbedeutendes Zeichen zuteil geworden. Ich spürte, wie ein Wehen von den Flügeln der Verblödung über mich hinstrich.«

Die beichtwütigen Introspekteure der Alten Welt, Protestanten mehr als Katholiken, Deutsche und Russen mehr als Romanen, blickten in ihre kleinen und großen Abgründe; sie wollten alles sagen und sagten es, so gut es ging. »Ohne Appetit bei Tisch. Nachher schnitt ich Miklen den Überrest seiner Hühneraugen fort; dabei ward mir sehr wohl«, bekannte die Fürstin Amalie von Gallitzin, eine Zeitgenossin Goethes.

»Mein inneres Elend wächst, ich wage nicht mehr in mich hineinzublicken«, erkannte 1834 der französische Schriftsteller Maurice de Guérin. Und der Königsberger E. T. A. Hoffmann ("Die Elixiere des Teufels") fragte sich: »Warum denke ich schlafend oder wachend so oft an den Wahnsinn?«

Hoffmann hatte, aus Furcht vor der Eifersucht seiner Frau, im Tagebuch ein gründliches - wenn auch nicht gerade geniales - System von Verschlüsselungen entwickelt: Er benutzte lateinische, italienische und französische Ausdrücke und schrieb besonders verfängliche Passagen in griechischen Buchstaben; sein geliebtes 14jähriges Julchen etwa ist als »Kth« chiffriert, ein gezeichneter Pokal bedeutet Alkoholgenuß, ein Vögelchen und ein Schmetterling stehen, je nachdem, für mehr oder minder weitreichende erotische Eskapaden.

Auch der Romancier Benjamin Constant, Zeitgenosse Napoleon Bonapartes, Freund der Madame de Stael und »der erste große Diarist Frankreichs« (Hocke), machte seine Eintragungen gelegentlich in griechischer Schrift, um sich und seine »Minette« vor Literatenklatsch und dem Spürsinn der politischen Polizei zu schützen.

Wichtiger aber noch als der Schutz vor der Umwelt mittels verbaler Verkleidung war für die konsequenteren Tagebuch-Halter der Schutz vor sich selbst und einer allzu eindringlich-masochistischen Selbst-Analyse. Zwar hatte der Roman-Autor Henri Beyle, genannt Stendhal, beschlossen, sein »Herz unters Mikroskop« zu legen und »alle Schwächen des Tieres schonungslos aufzudecken«; zwar rühmte sich der Schriftsteller Jules Renard: »Ich habe die Kühnheit, mich mir selbst ganz nackt unter die Nase zu halten.« Doch ganz ohne Selbsttäuschung wurde das Starren aufs Ich zu einer Angelegenheit für Selbstmörder und psychische Selbstverstümmler.

Kierkegaard und Kafka überstanden freilich die unbarmherzige Vivisektion ihrer selbst; der Italiener Cesare Pavese hingegen konnte mit seiner illusionslosen Ich-Schau und seiner Einsamkeit, dem »Urthema aller bedeutenden Tagebücher Europas« (Hocke), nicht fertig werden. »Alles ist ekelhaft. Keine Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben«, vermerkte er im August 1950 und ging hinüber.

Die Nacktheit wollte drapiert sein - durch Fehleinschätzungen und Irrtümer, durch Eitelkeit und Megalomanie, durch Verlegung der Hölle vom »hassenswerten Ich« (Pascal) in eine noch hassenswertere Außenwelt oder doch wenigstens durch distanzierende Selbstironie.

Wohl nicht ganz ohne Ironie diagnostizierte sich zum Beispiel der Brite Barbellion: »Ich fühle mich wie ein Stück überspannten Fadens oder ein unentwickeltes Negativ oder eine aufgespießte Qualle oder eine schlüpfrige Kaulquappe oder ein Rüsselkäfer in einer Nuß oder ein gebratener Aal. Mit anderen Worten und kurz gesagt: krank.«

»Mein (neues) Mieder«, schrieb 1881 die Malerin Marie Bashkirtseff, »steht mir wie einem Engel; eine göttliche Taille erhebt sich aus diesen Massen von Musselin.« Ihr Schweizer Kollege Paul Klee verwunderte sich: »Bin ich Gott? Ich habe großer Dinge soviel gehäuft in mir!«

Und während der alte Leo Tolstoi in einem Kleinst-Tagebuch, das er in seinen Stiefeln versteckte, furchtbare Anklagen gegen seine herzlich gehaßte Frau Sophia erhob, stimmte der Katholik Leon Bloy, »Bettler Gottes« und »im Fortissimo des Protests... nur mit Kierkegaard vergleichbar« (Hocke), seinen Haßgesang auf die Gesellschaft an und konstatierte im ersten Oktober des 20. Jahrhunderts »den abschließenden und endgültigen Abrutsch in Schande und Schmach einer scheinheiligen christlichen Gesellschaft, deren Niederbruch so vollkommen sein sollte, daß sie auf allen vieren in den stinkenden Kotmassen städtischer Kloaken und den Kotzlachen der Hunde auf den Straßen herumrutschen, um nach ihren verlorenen Schätzen zu stochern«.

Der wirklich endgültige Abrutsch kam etliche Zeit später. Joseph Goebbels am 2. März 1943: »Wir schaffen nun die Juden endgültig aus Berlin hinaus. Sie sind am vergangenen Samstag schlagartig zusammengefaßt worden und werden nun in kürzester Frist nach dem Osten abgeschoben. Leider hat sich auch hier wieder herausgestellt, daß die besseren Kreise, insbesondere die Intellektuellen, unsere Judenpolitik nicht verstehen und sich zum Teil auf die Seite der Juden stellen.«

Drei Jahre früher und ein Jahr vor ihrem Selbstmord nach einem deutschen Luftangriff trug die englische Roman-Autorin Virginia Woolf in ihr Tagebuch ein: »Nach London fahren, um bombardiert zu werden.«

Etwa zur gleichen Zeit vermerkte der Emigrant Klaus Mann in seinem Tagebuch eine »neue Selbstmord-Epidemie« unter deutschen Intellektuellen: »Ernst Weiß gehört zu den Opfern... Auch Walter Hasenclever hat sich umgebracht... Und Walter Benjamin.«

Und zwei Jahre danach: »Die Nachricht von Stefan Zweigs Selbstmord in Brasilien kam so völlig unerwartet... Warum? In seinem Abschiedsbrief ist vom Krieg die Rede. Der Krieg, Triumph der Barbarei, Durchbruch zerstörerischer Urinstinkte! Dem Humanisten graut. Ist dies noch seine Welt? Er erkennt sie nicht mehr.«

Als der Krieg zu Ende war und die zerstörerischen Urinstinkte wieder notdürftig domestiziert waren, erkannte auch Klaus Mann, vom mythosträchtigen Humanistenerbe des Vaters geprägt, seine Welt nicht mehr und brachte sich ebenfalls um.

Offenbar traute er jener »Kraft Europas« nichts mehr zu, die Hocke, allem »Mülleimer-Heroismus« zeitgenössisch-»seitenweltlicher Blechtrommler-Heroen« feind, noch heute mit einem Pathos rühmt, als gälte es, den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen in Empfang zu nehmen.

Im Vertrauen auf diese Kraft hofft jedenfalls der Eurovisionär Hocke unbeirrt, »daß Ich und Sein, Person und Umwelt, Glauben und Wissen einmal vereint werden könnten«.

* Gustav Rene Hocke: »Das europäische Tagebuch«. Limes Verlag, Wiesbaden; 1136 Seiten; 66 Mark.

Tagebuch-Autoren Hoffmann, Goebbels, Virginia Woolf, Constant, Klee: Lagerhäuser vor Torheiten

Kulturhistoriker Hocke Forschung im Labyrinth

Tagebuch-Autoren Tolstoi, Loyola, Marie Bashkirtseff, Klaus Mann, Bloy: Arsenale der Rache

Bekenner Rousseau, Freundir d'Epinay

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