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Entschluß zur Tat

Italiens Reformbewegung der »Demokratischen Psychiatrie«
aus DER SPIEGEL 15/1980

La liberta e terapeutica«, Freiheit heilt, hieß die Parole einer Gruppe italienischer Psychiater, die in den sechziger Jahren begonnen hatte, Italiens bis dahin gefängnisartige Irrenhäuser zu öffnen, mit dem Ziel, sie schließlich abzuschaffen und durch ein humaneres System der psychiatrischen Krankenversorgung zu ersetzen.

Den Anfang machte der Venezianer Franco Basaglia, heute 55, im norditalienischen Görz (Gorizia), nahe der jugoslawischen Grenze. In der Provinzhauptstadt am Isonzo hatte er 1961 die Leitung der örtlichen Heilanstalt übernommen -- und war entsetzt angesichts der »ungeheuerlichen Zustände«, die er dort vorfand.

Schritt für Schritt bereitete er die Rückkehr der zum Teil seit Jahrzehnten internierten Patienten ins Normalleben vor. Zunächst öffnete er den »camerino«, die geschlossene Abteilung, die einem Straflager glich, später die ganze Anstalt; Besucher hatten fortan stets freien Zutritt.

Um die Kranken wieder an den Alltag in der Außenwelt zu gewöhnen, wurden sie etwa zu Einkäufen oder Cafe-Besuchen in die Stadt geschickt. Alle Anstaltsangelegenheiten ließ Basaglia in Klinik-Vollversammlungen von Patienten, Pflegern und Ärzten gemeinsam diskutieren.

In Triest, wo er 1971 Direktor der Nervenklinik »San Giovanni« wurde, setzte Basaglia sein Experiment fort. Seine Mitarbeiter mieteten, anfangs unter ihren eigenen Namen, Appartements, in denen Patienten-Wohngemeinschaften entstanden. Zugleich trugen Basaglia-Schüler wie Domenico Casagrande oder Agostino Pirella die Reformideen der »Psichiatria Democratica« weiter; auch in vielen anderen Städten, so in Arezzo, Perugia und Ferrara, setzten sie die Befreiung der internierten Psycho-Patienten durch.

Unterstützt von Italiens Kommunisten, aber auch von christdemokratischen Politikern, erwirkten die Basaglia-Anhänger 1978 ein Gesetz, das ihren Reformvorstellungen nun in ganz Italien Geltung verschaffen soll. Es sieht die Auflösung aller psychiatrischen Heilanstalten vor; die Psycho-Patienten sollen künftig in den allgemeinen Krankenhäusern oder in dezentralisierten Psychiatrie-Stationen versorgt werden.

Wichtige Anstöße für sein Reformkonzept hatte Basaglia um 1960 vor allem aus Großbritannien bezogen. Dort hatten damals die Vordenker der sogenannten Antipsychiatrie, etwa Ronald D. Laing und David Cooper, Versuche unternommen, die sozialen und familienbedingten Ursachen der zuvor für »uneinfühlbar« gehaltenen Psychosen wie Schizophrenie aufzudecken und daraus neue Therapieformen abzuleiten.

Mit den theoretischen Finessen der Antipsychiatrie hat sich Basaglia freilich nie aufgehalten. Ihm liege nichts daran, erklärte er, »den Bestand an Ideologien um eine weitere zu vermehren«; für sich selber lehnt er die Bezeichnung Antipsychiater »kategorisch ab«.

Als Moralist und Praktiker, der ungern Bücher schreibt, findet er es wichtiger, die erkennbar schlimme psychiatrische Wirklichkeit »zu modifizieren, umzuwandeln und zu verändern«. In den Anstalten, so Basaglia, »macht sich der Psychiater entweder mitschuldig, oder er entschließt sich zur Tat«.

Für den Tatmenschen Basaglia sind Begriffe und Theorien allenfalls provisorische Leitfäden, auch Krankheitsbegriffe und Diagnosen: Er hält es für überflüssig, psychische Leiden mit einem »Krankheitsetikett« zu versehen und sie dann zu »katalogisieren«; es genüge, meint er, »die Bedürfnisse eines jeden Patienten zu erkennen und ihnen Geltung zu verschaffen« -- im Grunde »eine einfache Situation«.

Auch sonst läßt Basaglia sich nicht gern festlegen. Trotz seiner radikalen Reformarbeit hält er sich nicht für einen Revolutionär: »Mit Revolutionen«, glaubt er, sei in der Psychiatrie »nichts zu erreichen«; Fortschritte gebe es nur durch geduldige, »langsame Entwicklungsarbeit«.

Dabei hat sich Basaglia, zwischen allen Stühlen, immer wieder der Attacken seiner zahlreichen Gegner zu erwehren, von rechts wie von links: Die einen zogen ihn wiederholt vor Gericht; die anderen, revolutionäre Heißsporne, beschimpften auf einem Kongreß in Triest ihn und sein Team als korrupte »Clique von Linksintellektuellen« -- und brachen Basaglia eine Rippe.

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