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Ausstellungen »Entsetzliche Verdrehung«

aus DER SPIEGEL 5/1995

SPIEGEL: Herr Vitali, ist Caspar David Friedrich schuld am Holocaust?

Vitali: Schwachsinn.

SPIEGEL: Den hat immerhin der angesehene Londoner Independent verbreitet. Dessen Kunstkritiker meinte ja, die durch Hitler »in der Praxis« vollzogene »Reinigung der Welt« sei durch Friedrich schon auf der Leinwand vorbereitet gewesen. Der Ausstellung »Der Geist der Romantik in der deutschen Kunst«, die Sie jetzt nach München holen, warf er vor, diesen Zusammenhang zu vertuschen.

Vitali: Ich begreife nicht, warum der Artikel so ernst genommen worden ist und warum kürzlich auch noch das deutsche Fernsehen diesen Herrn einen solchen Dünnschiß hat von sich geben lassen, daß einem richtig elend werden konnte.

SPIEGEL: Gibt es denn gar keine Verbindung zwischen Romantik und Drittem Reich?

Vitali: Die Polemik erinnert mich an Heiner Geißlers alte Behauptung, vom Pazifismus der dreißiger Jahre führe ein direkter Weg nach Auschwitz. Wenn man solche Tiraden genügend dreht und wendet, kann man immer auch ein Quentchen Wahrheit darin finden, aber sie bleiben doch entsetzliche Verdrehungen.

SPIEGEL: Was heißt das für Friedrich und Hitler?

Vitali: Die Romantiker ersehnten eine Vereinigung mit dem Kosmos und die Geborgenheit in der menschlichen Gesellschaft, auch als nationale Befriedung - in ihren Bildern und Texten erscheint das als eine unerreichbare Utopie. Die Nazis haben dann dreist behauptet, in ihrem Staat sei dieses Glück erreicht. Das war eine willkürliche Pervertierung, ein absichtliches, komplettes Mißverständnis.

SPIEGEL: Jedenfalls scheint die Ausstellung, die wohl als deutsches Prestige-Unternehmen gedacht war, in London vor allem Ressentiments geweckt zu haben. Sie wollte nicht nur eine bestimmte Kunstepoche in Deutschland dokumentieren, sondern zugleich deren Nachwirkungen im gleichen Land - so, als ob in Deutschland permanent Romantik herrschte. Steckt dahinter nicht die arg romantische Idee vom spezifischen Volksgeist?

Vitali: Daran ist sicher etwas. Tatsächlich war aber die Romantik keine ausschließlich deutsche Erscheinung, und die deutsche Romantik hat auch internationale Folgen gehabt. Nur kann man nicht alles auf einmal zeigen. Unsere britischen Kollegen hatten ein verständliches Interesse daran, Kunstwerke aus zwei Jahrhunderten vorzustellen, die ihrem Publikum noch kaum bekannt waren.

SPIEGEL: Das Auswärtsspiel ist verloren. Können Sie hoffen, auf eigenem Platz, in München, die Scharte auszuwetzen? _(* Von Oskar Martin-Amorbach. )

Vitali: Vor heimischem Publikum kann und muß man natürlich anders spielen; das wollten wir schon, bevor in London die Kontroversen ausbrachen. Wir können größere Kenntnisse voraussetzen und darum die Ausstellung stärker nach Motiven gliedern, statt das Material chronologisch aufzureihen. Zugleich wird die Zahl der gezeigten Kunstwerke auf etwa 500 annähernd verdoppelt.

SPIEGEL: Wie leiten Sie den Besucher durch die Bilderflut?

Vitali: Er wird in einem zentralen Raum einen - für München entschieden verstärkten - Komplex aus Werken Friedrichs, Runges und anderer Romantiker sehen und von dort aus an acht unterschiedlichen Themensträngen entlang bis in die Gegenwart geführt werden.

SPIEGEL: Zum Beispiel an welchen?

Vitali: Ein Ausstellungskapitel wird »Hymnen an die Nacht - Traum und Unbewußtes« heißen, ein anderes »Nationale Mythen« behandeln, ein drittes dreht sich, unter dem Schlagwort »Chiffrenschrift«, um künstlerische Geheimzeichen. Am Ende steht dann die rätselhafte Steinordnung »Das Ende des 20. Jahrhunderts« von Joseph Beuys.

SPIEGEL: Mancher Kritiker hat sich schon in London heftig gewundert, was da alles, etwa von Dada bis zum Bauhaus, romantischen Geist ausstrahlen sollte.

Vitali: Deswegen werden wir den kunsthistorischen Längsschnitt auf Schwerpunkte konzentrieren, also beispielsweise den Expressionismus betonen und auch nicht fünf verschiedene Einzelwerke der »Zero«-Gruppe zeigen, sondern einen einzigen Lichtraum von Otto Piene.

SPIEGEL: Was ist das Romantische daran?

Vitali: Das wird in der Beziehung zu Friedrich und Runge ganz deutlich werden, für die das Licht und der Kreislauf der Tageszeiten mythische Bedeutung hatten. Es ist ein Glücksfall, daß wir aus Kassel Friedrichs einziges erhaltenes Transparentbild bekommen, das dort im Depot aufbewahrt war und jetzt für uns restauriert worden ist. Das Bild zeigt eine bergige Flußlandschaft im Morgenlicht oder bei Nacht, je nachdem, ob es von vorn oder von hinten beleuchtet wird.

SPIEGEL: Was ist von dem Kapitel »Nationale Mythen« zu erwarten?

Vitali: Dahin gehört Karl Friedrich Schinkels Gemälde einer gotischen Kathedrale genauso wie Lyonel Feiningers in Holz geschnittene »Kathedrale des Sozialismus« und Anselm Kiefers düsteres Architekturbild »Die Treppe«, das an unser Ausstellungsgebäude, das Haus der Kunst, erinnert.

SPIEGEL: Und Nazi-Kunst?

Vitali: Die bildet ein schwieriges Kapitel für sich. Es ist der Londoner Ausstellung ja nicht nur vorgeworfen worden, sie beschönige die politischen Konsequenzen der Romantik, sondern auch umgekehrt, daß sie überhaupt Beispiele von NS-Malerei zeigte.

SPIEGEL: Fanden Sie das überzeugend gemacht?

Vitali: Nein, das war mir zu halbherzig und zu verwirrend. In einem Raum mit dem Titel »Kunst im Dritten Reich« hingen Bilder einer mehr oder minder entschiedenen inneren Emigration - von Otto Dix und Franz Radziwill - zusammen mit Richard Oelzes in Paris gemalter Alptraumvision »Erwartung«, aber auch mit einem Familienidyll und einem Sämann von Nazi-Malern.

SPIEGEL: Wäre es nicht konsequent gewesen, solche Propagandawerke einfach wegzulassen?

Vitali: Schon 1985 sind die Londoner Veranstalter der Ausstellung »Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert« dafür geprügelt worden, daß sie die Politik ganz draußen hielten. Nein, ich finde es richtig, jetzt auch die Pervertierung und Instrumentalisierung romantischer Ideale miteinzubeziehen.

SPIEGEL: Wie halten Sie es in München?

Vitali: Hier in Hitlers »Haus der Deutschen Kunst« gab es gar keine andere Entscheidung: Wir mußten die Herausforderung annehmen. Also zeigen wir eine Gruppe von acht Nazi-Bildern mit deutlichen Motivbezügen auf die Romantik, Bilder, die alle schon einmal in diesem Haus zu sehen waren.

SPIEGEL: Werten Sie diese Schinken nicht unnötig auf?

Vitali: Nein, denn wir hängen sie in einen Korridor mit der Wandgliederung und den originalen Lampen von 1937, nicht in die eigentliche Ausstellung. Wir nehmen die Bilder aus dem Zusammenhang der Kunst heraus, um zu zeigen: Adolf Hitler ist kein legitimer Erbe Caspar David Friedrichs, sondern nur ein Erbschleicher. Y

* Von Oskar Martin-Amorbach.

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