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MEDIZIN / SEXUALITÄT Entstelltes Bild

aus DER SPIEGEL 29/1970

Im Ärztehaus zu Hannover, dem Sitz der Niedersächsischen Ärztekammer, diagnostizierte ein Hamburger Mediziner bei seinen Zunftgenossen ein chronisches Leiden: Dr. Volkmar Sigusch, 30, bescheinigte Deutschlands Medizinern ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität.

»Hilflosigkeit und Ignoranz« kennzeichnen die Beziehung der deutschen Ärzte zum Sex -- zu diesem Ergebnis kam Sigusch, Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sexualforschung, in einem Referat, das er Ende letzten Monats während der »VI. Deutschen Klinikertage« in Hannover vortrug: Obgleich die Bedeutung sexueller Störungen längst bekannt sei, so kritisierte Sigusch, bleibe in der deutschen Schulmedizin die Sphäre der menschlichen Sexualität immer noch nahezu völlig ausgeklammert.

In seinem Vortrag bemängelt Sigusch,

>daß die Ärzte sexuelle Beschwerden Ihrer Patienten mangels Schulung häufig nicht zu erkennen vermögen oder die Sexualprobleme bewußt ignorieren;

* daß die Mediziner sexuelle Störungen oft mit Radikalkuren behandeln, die auf eine »militante« (Sigusch) Einstellung der Arzte gegen Sexualität überhaupt schließen lassen;

* daß die medizinische Forschung es bis heute versäumt habe, das Gebiet der Sexualität vorurteilsfrei zu erkunden (Sigusch: »In der Geschichte der Naturwissenschaften ein einmaliges Phänomen");

* daß die etablierte Medizin ihr Verständnis von Sexualität an den »Klischees der Gesellschaft« (Sigusch) ausrichte -- die Ärzte lassen sich nach Ansicht Siguschs »zu Dienstmännern der amtierenden Sexualideologie machen«.

Für die anachronistische Haltung der Ärzte, die sich in der Praxis »verheerend« auswirke, hat der Hamburger Sexforscher vor allem medizingeschichtliche Ursachen ermittelt: Die Medizinhistorie gleicht, wie Sigusch nachweist, weithin einer »Geschichte des Kampfes gegen Sexualität«.

Zu Beginn der neuzeitlichen Medizin, etwa Anfang des 18. Jahrhunderts, galt unangefochten die Lehrmeinung, daß nahezu alle Krankheiten Folge sexueller Betätigung seien. Insbesondere die Masturbation (geschlechtliche Selbstbefriedigung) wurde für die Entstehung zahlreicher Leiden verantwortlich gemacht -- das Krankheitsregister reicht von harmloser Verstopfung bis zu Rheumatismus, Schwindsucht, Blindheit und Wahnsinn.

Bis in die Mitte dieses Jahrhunderts rückten die Ärzte dem vermeintlichen Laster mit oft »brutalen« und »martialischen« (Sigusch) Mitteln zu Leibe: Sie konstruierten metallene Keuschheitsgürtel für Männer und Frauen, die jede Berührung der Geschlechtsorgane verhindern sollten; bei Männern durchtrennten sie die Vorhaut oder die Penisnerven« den Frauen entfernten sie die Eierstöcke oder die Klitoris. Gelegentlich nähten die Ärzte ihren Patientinnen sogar die Schamlippen zusammen (so geschehen noch 1938).

Zugleich, so konstatiert Sigusch, kultivierte die Schulmedizin kritiklos ein »entstelltes, verschüttetes Bild von Sexualität«, das sich bruchlos in

* Abbildung aus dem 19. Jahrhundert; Pyjama mit eingenähtem Korsett, einer bruchbandähnlichen Hüftbandage und einem Leder- oder Metallbehälter für das Geschlechtsteil.

christlich-konservative Moralvorstellungen einfügen läßt: Daß sexuelle Genußfähigkeit beim Menschen »wie beim Tier an die Konzeptionsfähigkeit gebunden« sei, lesen Studenten etwa in »Stoeckels Lehrbuch der Geburtshilfe«, das auch derzeit noch als Standardwerk der Frauenheilkunde gilt.

In den vielbenutzten Fachbüchern des 1968 verstorbenen Tübinger Gynäkologen August Mayer wird jede Geburtenkontrolle abgelehnt -- Kontrazeption, so Mayer, habe zur Folge, »daß ein Stück Heldentum der Frau auf ihrem ureigensten Schlachtfeld zunichte wird«. Mayer will solches Heldentum auch den Armen bewahren, für die -- etwa in den Entwicklungsländern -- Geburtenkontrolle zur Existenzfrage wird: Vom ärztlichen Standpunkt aus sei es »an sich unsachlich«, »wirtschaftliche Not mit medizinischen Mitteln zu behandeln«.

Bis heute, urteilt Sigusch, bleibe die deutsche Schulmedizin an die überholte »Reproduktionsideologie« fixiert, die Sexualität ausschließlich im Dienst der Fortpflanzung sieht; Sexualität als Selbstzweck, als Mittel nur zum Lustgewinn gelte den Medizinern als suspekt und werde als krankhaft diffamiert: So rechnen die DDR-Professoren Franz und Margarete Fleck in ihrem 1968 erschienenen Lehrbuch der Sexualerkrankungen nicht nur Masturbation und Homosexualität zu den »geschlechtlichen Abnormitäten und Verirrungen« -- für pathologisch halten die beiden Forscher auch Petting und außerehelichen Geschlechtsverkehr.

Daß die Ärzte generell geneigt sind, Sexualität »am ehesten als Krankheit, Perversion und Kriminalität« (Sigusch) zu begreifen, hat nach Ansicht des Hamburger Sexologen auch einen berufsspezifischen Grund: Meist begegnen die Mediziner der Sexualität dort, wo sie gestört und krankhaft erscheint -- bei den Insassen von Krankenhäusern, Nervenkliniken oder auch Gefängnissen. So kommt es dazu, wie Sigusch glaubt, daß die Ärzte häufig Sexualität schlechthin für ein bösartiges Übel halten und danach trachten, es zu bekämpfen.

Folgerichtig zielen die ärztlichen Versuche, Sex-Patienten zu behandeln, nicht selten eher auf die Vernichtung, weniger auf die Heilung des gestörten Geschlechtstriebs. Verfahren etwa, bei denen Homosexuelle mit Hilfe von Hirnoperationen oder Elektroschock-Kuren gleichsam umgepolt werden sollen, hält Sigusch für »makaber« -- er sieht darin das Bemühen einer sexfeindlichen Medizin, die ihre Patienten, notfalls gewaltsam, im Sinne der etablierten Moralordnung »zurichten« will (Sigusch).

Es sei an der Zeit, so forderte Sigusch in Hannover, daß sich die deutsche Schulmedizin von der herrschenden Sexualideologie freimache. Hoffnung auf einen baldigen Wandel freilich hegt der Sexforscher kaum: Es erscheine ihm fraglich, so bekannte Sigusch am Ende seines Vortrags, »ob die heute etablierten Ärzte zu einer kritischen Reflexion überhaupt noch in der Lage sind«.

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