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TITANIC Entzückend, Baby

Ein Safe der »Titanic«, von Tauchern gehoben, soll in einer Live-Fernsehshow geknackt werden. Wissenschaftliche Großtat oder ein Fall von Grabschändung?
aus DER SPIEGEL 36/1987

Für Werbe-Dollar reckte der US-Schauspieler Telly Savalas den markanten, nackten Schädel schon immer bereitwillig vor die Linsen der Kameras, mal für Rasierklingen und Dauerlutscher, ein andermal für Kleinwagen und Kleidung, für Whiskey und - aparterweise - für eine Haarkur.

Am 28. Oktober nun sieht Serien-Star »Kojak« ("Einsatz in Manhattan") seinem wohl größten Werbeeinsatz entgegen. Im Casino von Monte Carlo, in einer weltweit ausgestrahlten Fernsehshow unter dem Titel »Return to the Titanic … Live«, soll Savalas Bergegut vom Boden des Atlantiks präsentieren: Teller und Tassen, Pretiosen und Nippes, allerlei Schiffszubehör und einen verrosteten Safe, der vor laufenden Kameras geöffnet werden soll, um seinen Inhalt preiszugeben. Einsatz Kojak - »entzückend, Baby«.

Als »Docutainment« - hier eine Prise Dokumentarfilm, da ein Häppchen Show - kündigten Mitarbeiter des französischen Meeresforschungsinstituts Ifremer und ihre Finanziers das TV-Spektakel mit Beutestücken von der »Titanic« an. Es ist der Versuch, ein zweifelhaftes Unterfangen als wohltätige Unternehmung zu verkaufen: Die Franzosen, von Kritikern als »Grabschänder« geschmäht, die rücksichtslos das stählerne Mausoleum der »Titanic« plündern, möchten sich gern als »Archäologen« stilisieren, als Wissenschaftler, die für die Menschheit stumme Zeugnisse vom Sterben des Ozeanriesen bargen.

75 Jahre lang, seit der Luxusliner am 15. April 1912 auf seiner Jungfernfahrt, nach der Kollision mit einem Eisberg, sank, ruhte das Wrack der »Titanic« »in der Einsamkeit der See, weitab von der menschlichen Selbstgefälligkeit und Hoffart, die sie plante« (wie der britische Schriftsteller Thomas Hardy 1914 formulierte). Doch das Grab der »Titanic«, die zum Symbol für die Hybris des Menschen im Zeitalter der Technik wurde, erwies sich als nicht tief genug.

Seit Ende letzten Monats stöbern die französischen Schatzsucher am Grund des Atlantiks, 560 Kilometer vor Neufundland, nach Überresten des Luxusdampfers. Dabei gilt den Finanziers, vertreten durch die britische Schein-Forschungsgesellschaft Oceanic Research & Exploration Ltd., alles als wertvoll, was die meereskundlichen Leiharbeiter auf dem schlammigen Boden der Tiefsee nur aufklauben können.

In bislang mehr als zwei Dutzend Tauchfahrten drangen die Ifremer-Forscher mit ihrem Tauchboot »Nautile« zu dem in 3800 Meter Tiefe liegenden Wrack vor. Jeweils etwa vier Stunden kreuzte die dreiköpfige Crew des Spezialbootes über einem ausgedehnten Trümmerfeld am Meeresgrund: Tausende von Gegenständen liegen verstreut in einem Umkreis von nahezu vier Kilometer Radius um die »Titanic« - als er in die Tiefe sank, ist der Rumpf des Schiffsriesen in zwei Teile zerborsten.

Quadratmeter um Quadratmeter haben die Piloten der »Nautile« mit den Lichtkegeln ihrer Scheinwerfer, die sich einige zehn Meter in die ewige Nacht der Tiefsee bohren, den Meeresboden und die Teile des Wracks abgetastet. Mehr als 300 Gegenstände haben die französischen Schatzsucher mit den ferngelenkten Greifklauen ihres Tauchbootes schon geborgen:

▷ 160 Teller und Tassen sowie vier Flaschen Wein;

▷ Schiffszubehör wie Wasserhähne, Möbel, eine Glocke, eine Positionslaterne und eine Winde;

▷ silberne Platten und Bettlampen, goldene Taschenuhren und Haarnadeln, Dollarmünzen und verklumpte Bündel von Dollarnoten;

▷ eine Ledertasche, in der sich vermutlich Schmuck und Geld befinden - sie muß im Labor konserviert werden, ehe ihr Inhalt untersucht wird;

▷ ein kleinerer der »Titanic«-Safes, mutmaßlich der Tresor des Zweiten Zahlmeisters - dieses Show-Stück soll während der TV-Zeremonie am 28. Oktober geöffnet werden.

Als der amerikanische Meeresforscher Robert Ballard und seine Kollegen von der Woods Hole Oceanographic Institution im September 1985 das »Titanic«-Wrack aufspürten, waren die Franzosen vom Ifremer-Institut einträchtig mit von der Partie gewesen. Doch dann gab es Zwist mit den europäischen Kollegen: Die Franzosen hatten 1985 die Bilder und Videoaufzeichnungen des spektakulären Unternehmens meistbietend verscherbeln wollen, die US-Wissenschaftler gaben die Aufnahmen unentgeltlich frei - »wir haben viel Geld verloren«, klagten daraufhin die Franzosen.

Im Sommer 1986 tauchte Ballard zum Wrack, um seine Forschungsarbeiten abzuschließen und eine Mahntafel anzubringen: »Jeder, der nach uns hierher kommt, möge diesem Schiff seinen Frieden lassen«.

Zu spät. Mit ihrer neuerlichen Expedition zur »Titanic« holen die Franzosen Versäumtes nach: Gut sieben Millionen Mark investierten die Sponsoren; noch bis zum 9. September, so der Kontrakt zwischen der Ifremer und der Briefkasten-Forschungsfirma Oceanic Research, werden die »Nautile« und ihr Mutterschiff »Nadir« den Boden des Atlantiks nach Beute abkämmen.

Gegen den Vorwurf der wissenschaftlich bemäntelten »Leichenfledderei« setzen sich die Ifremer-Geldgeber zur Wehr. »In aller Würde«, versicherte George Tulloch, Ex-BMW-Händler aus der US-Stadt Greenwich und Teilhaber der Oceanic Research, würden die Gegenstände aus dem nassen Massengrab zur Schau gestellt. Wurden nicht auch die Gräber der Pharaonen von Archäologen erforscht? In einer Klausel der Verträge legten die »Titanic«-Schatzsucher fest, Beutegut dürfe nicht an Privatpersonen verkauft werden. Inzwischen werden von Sammlern schon »Zehntausende von Dollar« für einzelne Fundstücke geboten, wie Mitarbeiter des französischen Forschungsinstituts berichten.

Die Kapitalgeber der Expedition hoffen gleichwohl auf Rendite - das Geschäft mit der Neugier soll es bringen: Erstmals mit dem geplanten TV-Spektakel Ende Oktober, aber dann, von 1988 an, auch mit Wanderausstellungen rund um die Welt wollen die Sponsoren Gewinne erzielen. Unterdes rechnen die französischen »Unterwasserforscher« noch weiter in die Zukunft. »In zwei bis drei Jahren«, so erklärte Eric Isphording, einer der Sprecher der Ifremer, »dürfte es Roboter geben, die auch durch die Wände des Wracks in dessen Inneres einzudringen vermögen.«

Dann wird das Geschäft mit den Souvenirs aus der Tiefe noch einmal aufblühen: Die selbsternannten französischen »Meeresarchäologen« - oder ihre Nachahmer - scheinen entschlossen, den Mythos »Titanic« bis zum letzten Niet auszuschlachten.

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