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Erbarmen mit dem lieben Gott

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über den Rummel zum Bach-Jahr 1985 *
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 2/1985

In den letzten Monaten mehrten sich die Zeichen, daß er über uns kommen würde.

Es war Musik von ihm, zu der sich Herbert von Karajan und seine abtrünnigen Philharmoniker Ende September in Berlin wieder die Hände zum Bunde reichten; es waren Töne von ihm, mit denen sich in »Menschlichkeit und christlichem Geist« neuerlich Vermählte am Silvesterabend wieder im Fernsehen zeigten. Johann Sebastian Bach geisterte als Friedensengel von der Berliner Philharmonie in den zweiten Kanal.

Sein Name prangte auf dem Schild, das der Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel Mitte November an die Stelle nagelte, wo der Gänsepeter-Brunnen steht und die Reinsburgstraße auf die Hasenbergsteige trifft: Seitdem heißt er »Johann-Sebastian-Bach-Platz«, der Winkel vor der »Internationalen Bachakademie«, dem Hauptquartier aller Kantoren und Kontrapunktiker.

Sein Antlitz schmückte den Weihnachtstitel von »Newsweek«, als das amerikanische Nachrichtenmagazin »diesem deutschen Provinzler« und seinem weltweiten Echo in einer Cover-Story huldigte. Ihm zu Ehren komponierte Münchens Musikpapst Joachim Kaiser für die Festtagsnummer der »Süddeutschen Zeitung« ein »Präludium zur großen Feier« aus 430 Druckzeilen, in denen er dekretierte: »Niemand sollte sich genieren, einen Johann Sebastian Bach rückhaltlos zu feiern.«

Und er, Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), war tatsächlich, kaum zu fassen, der Schöpfer jener 33 Orgel-Präludien, die der Harvard-Professor Christoph J. Wolff kurz vor Heiligabend aus einem braunen, ledergebundenen Notenkonvolut in der Bibliothek der amerikanischen Yale-Universität ans Kerzenlicht brachte - rund 2000 Takte authentischer Bach, von denen man jahrhundertelang keinen Schimmer hatte.

Das Wunder, weltweit mit gläubigem Staunen als Sensation bewertet (und als musikhistorische Sternstunde überbewertet), ließ die irdischen Heerscharen der Bach-Gemeinde in die Knie gehen - ein Wink des Himmels war dieser Fund, daß sich das Kalenderblatt nun endgültig vom Orwell-Jahr 1984 zum Bach-Jahr 1985 wenden würde und daß der britische Schwarzseher mit Big Brother dem Schrecklichen würde abtreten müssen zugunsten des reinsten, erhabensten und gottesfürchtigsten, also des schlechthin deutschen Komponisten.

Deutsch als frommes Oberhaupt einer (mit 20 Kindern) richtigen Großfamilie. Deutsch als strenger Schulmeister mit dem gütigen Blick unter der Allongeperücke und dem Rohrstock schlagfertig in der Hand. Deutsch vor allem als Kunstschaffender, der, so die Legende, hienieden in einem Jammertal darbte und dennoch allzeit dem Herrn ein Hosianna sang, und der, so die Wahrheit, viel lästigen Kleinkram um die Ohren hatte und gleichwohl Klänge für die Ewigkeit erfand - der heilige Vater aller protestantischen Kirchenmusik, der Mose aller neuzeitlichen Tonsetzerei, Bach der Allmächtige.

Am 21. März 1985 jährt sich sein Geburtstag zum 300. Mal, und schon ist zu einer internationalen und multimedialen Völlerei angerichtet, die alle vergleichbaren Jubiläen - etwa das Mozart-Jahr 1956 oder die Bayreuther Schalmeien

um den Nibelungen-»Ring« (1976) und seinen Juwelier Richard Wagner (1983) - um ein Vielfaches übertönen wird. Nicht einmal Bach, der »Liebe Gott der Musik« (Claude Debussy), dürfte heil davonkommen, wenn sich die sogenannte Kulturwelt erst mal ans Feiern macht.

Und sie feiert, zu allem Überfluß, ja nicht nur Allvater Bach, sondern auch dessen aufs Jahr gleichaltrige Kollegen Georg Friedrich Händel und Domenico Scarlatti, zudem den 400. Geburtstag von Heinrich Schütz und den 100. Geburtstag und den 50. Todestag von Alban Berg.

Mochten Europas Butterberge auch in den Himmel wachsen - diese geballte Ladung gewichtiger Jubiläen konnten nicht einmal der Europarat in Straßburg und die EG-Kommission in Brüssel übersehen. Sie riefen denn schon im April 82 das Jahr 1985 zum »Europäischen Jahr der Musik« aus.

Illustre Schön- und Schwarmgeister wie Rolf Liebermann, Dietrich Fischer-Dieskau und Walter Scheel ("Hoch auf dem gelben Wagen") machten sich an die Planung der für angemessen erachteten Veranstaltungen. Als ginge es um olympischen Hochsprung, formierte sich auch in der Bundesrepublik ein Nationalkomitee, das »alle Mitbürger, Medien, Institutionen und Verbände« aufrief, aus voller Brust einzustimmen - das ganze Volk ein einziger Gotthilf Fischer, ganz Europa eine kontinentale Singgemeinschaft.

Mit Werken von Bach wird das europäische Musik-Jahr am Dienstag in Bonn offiziell eingeläutet, und schon rüstet auch der andere Teil des Vaterlandes, das Musik-Genie aus der Zeit des Absolutismus mit allem sozialistischen Pomp zu hofieren.

Scharen von Werkschaffenden wienern seit Monaten in Leipzig das barocke Bürgerhaus des Bach-Freundes Georg Heinrich Bose auf Hochglanz, in das in diesem Jubeljahr, wenn 80 Prozent der ursprünglichen Deckenbalken ersetzt und echte alte Ziegel auf dem Dach verlegt sein werden, die »Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Johann Sebastian Bach«, das Bach-Archiv, die Neue Bach-Gesellschaft und das Bach-Komitee feierlich Einzug halten wollen.

In Köthen, wo Bach mehrere Jahre Dienst tat, wurde eine neue Gedenkstätte eingerichtet, in Arnstadt, wo er als Organist tätig war, wird das »Haus zum Palmengarten« hergerichtet. In Eisenach muß sogar ein riesiger Besucherstrom umgeleitet werden: Die alljährlich 100 000 Bach-Pilger werden künftig auf der Suche nach dem Geburtshaus des Komponisten nicht mehr an den Frauenplan geführt, wo noch bis vor kurzem Bachs Wiege vermutet wurde, sondern in die Lutherstraße 35, wo DDR-Forscher neuerdings das Geburtshaus ausgemacht haben.

Für Mitte März, zum V. Internationalen Bach-Fest in Leipzig, sind über 50 Chor-, Orchester- und Kammerkonzerte mit mehr als 90 Bach-Kompositionen angekündigt; eine international besetzte Wissenschaftler-Konferenz will sich über »Johann Sebastian Bach - Weltbild, Menschenbild, Notenbild, Klangbild« ins Bild setzen; und die lutherische Landeskirche von Thüringen hat einen Kompositionswettbewerb über Themen von Bach ausgeschrieben.

Dennoch - Stuttgart, wo die Bundesdeutschen ihr gigantisches Bachanal inszenieren, kann da spielend mithalten. Die ortsansässige Bach-Akademie hat natürlich auch einen Kompositionswettbewerb ausgeschrieben. Dann gibt es immer mal wieder kleinere Seminare über »Bach und das 20. Jahrhundert«, und Mitte September steht endlich eine Art akademisches Woodstock bevor:

Zwischen der Ausstellung »300 Jahre Johann Sebastian Bach« mit Autographen, Drucken und Instrumenten »in signifikanter Auswahl« und 55 Konzerten voll Wohltemperiertem werden sich 1000 Noten-Köpfe aus aller Welt über das griffige Thema »Alte Musik als ästhetische Gegenwart« die Köpfe zerbrechen.

Niemand schützt Bach vor den Liebkosungen der Bachianer, keiner hat Erbarmen mit dem lieben Gott der Klangwelt. Aus dem Radio droht eine wahre Springflut barocker Weisen, die ARD plant am 16. März eine Art Rocknacht für den Olympier, »Bach nach acht«, wo gleich nach der Tagesschau und so lang wie neun Folgen »Dallas« dem »fünften Evangelisten« (Albert Schweitzer) ein

kunterbunter Abend bereitet wird, mit Gloria und Tingeltangel.

Bei so viel Budenzauber im Ersten sind auch die Mainzer Spaßvögel nicht mehr zu halten. Sie wollen sich, nach »umfangreichen logistischen Vorarbeiten«, die Schlimmstes befürchten lassen, am 22. September gleich in fünf Stuttgarter Bach-Konzerte live einschalten, etwaige Pausen mit Konserven-Musik ausfüllen und das Ganze mit Plaudereien nach Art des Hauses garnieren.

Bevor so auch dem gutmütigsten Bach-Verehrer Hören und Sehen vergeht, müssen zumindest die Branchen auf ihre Kosten gekommen sein, die auf Hören und Sehen angewiesen sind: Plattenpresser und Buchdrucker. Sie haben sich denn auch am frühesten und am mächtigsten ins Zeug gelegt.

Bach-Kalender, Bach-Lexikon, biographische Abrisse und Wälzer, edelgebunden und wohlfeil gelumbeckt, Laber von den Märchenonkeln und Hochgestochenes vom akademischen Stehpult - es fehlt an nichts, vor allem nichts Überflüssiges. Das einzige Buch, das sachlich und korrekt informiert und mit einer opulenten Fülle wichtiger Dokumente und meisterhafter Photos viel bietet, sind Bachs »Lebensbilder«, die der Karlsruher Musikprofessor Walter Kolneder und der Kölner Photograph Karl-Heinz Jürgens zusammengestellt haben. _(Walter Kolneder (Text), Karl-Heinz ) _(Jürgens (Photos): »J. S. Bach - ) _(Lebensbilder«. Gustav Lübbe Verlag; 224 ) _(Seiten; 167 Abbildungen; 78 Mark. )

Auf solch größere Überlebenschancen dürfen die meisten Plattenfirmen mit ihren Jubelgaben kaum hoffen: Zu wahllos ist ihr Programm, zu pompös ihr Angebot. Übernommen hat sich vor allem die Deutsche Grammophon. Ihre »Neue Bach-Edition« mit 130 Langspielplatten in 12 Geschenkkassetten wird zwar als »die größte musizierte Werkausgabe, die dem größten aller Komponisten je gewidmet wurde«, angepriesen, ist aber, bei näherem Hinhören, nur ein stereophoner Freßkorb voll Kraut und Rüben und ein paar Delikatessen.

Bach mit dem keuschen Habitus puristischer Konfirmanden (Musica Antiqua Köln) folgt da auf Bach im virtuosen Bluthochdruck des merkwürdig seelenlosen Stargeigers Nathan Milstein; selbst auf den hochgeschätzten, 1981 gestorbenen Bach-Spezialisten Karl Richter ist kein Verlaß: Seine frühen Kantaten-Aufnahmen sind schlüssige Beispiele eines vitalen, doch klug kontrollierten Bach-Stils; in der späten »Matthäus-Passion« geht es dagegen so hoch her, als sei der Garten Gethsemane die Spielwiese von Tristan und Isolde.

Da greift man lieber bei der »Special Edition« von Teldec zu den fast schon verlockend pingeligen Bach-Exerzitien des Originalklang-Fetischisten Nikolaus Harnoncourt oder zum »Orgelwerk«, für dessen 23 Langspielplatten der Brite Peter Hurford, ganz Gentleman am Spieltisch, gleich acht verschiedene Instrumente auf drei Kontinenten mit Händen und Füßen traktiert hat. Aber Hurfords Bienenfleiß ist noch gar nichts gegen den Schaffensdrang von Helmuth Rilling, Dirigent und Leiter der Stuttgarter Bach-Akademie.

Vor 15 Jahren hat dieser Stabführer seinen Dauerlauf durch Bachs Gotteswort begonnen, nun ist er am Ziel: 194 sakrale Kantaten liegen auf 100 Langspielplatten vor, vom Stuttgarter Hänssler-Verlag zum »Jahrhundert-Paket« geschnürt, 998 Mark, »Teilzahlung möglich«. Wem das zuviel wird, dem bietet sich eine Auswahl-Box mit »geistlichen Kostbarkeiten«, wem der Kantaten-Rilling nicht reicht, der findet den Dirigenten noch bei CBS, wo er auch »alle oratorischen Werke« abgeliefert hat.

Klein aber feinsinnig wirkt neben all dem zentnerweisen Bach die Feier-Gabe des Branchen-Zwerges Delta Music im rheinischen Königsdorf. Ist schon die »Capriccio«-Werbeplatte für diese mit 22 Aufnahmen vernünftig begrenzte »Edition Bach Leipzig« ein außergewöhnlich informativer Appetizer aus Werkstattgesprächen, Probenmitschnitten und Musikbeispielen, so vermitteln einzelne Einspielungen gar verblüffende Premieren.

Die Brandenburgischen Konzerte beispielsweise musiziert das brillante »Neue Bachische Collegium Musicum Leipzig« nicht nur nach den fast totgespielten Noten, die Bach seinerzeit dem Markgrafen von Brandenburg widmete, sondern auch nach unbekannten, aber authentisch überlieferten Früh- und Spätfassungen, bei denen sich die beliebten Evergreens in wohltuend frischen Farben zeigen.

Und die populären Orchestersuiten, sonst meist zu gravitätischen Prunkstücken versteinert, führen die Spielleute vom Collegium so unbeschwert auf, daß sie klingen wie ehedem im Zimmermannschen Coffeehaus zu Leipzig - als gehobene Unterhaltungsmusik.

Walter Kolneder (Text), Karl-Heinz Jürgens (Photos): »J. S. Bach -Lebensbilder«. Gustav Lübbe Verlag; 224 Seiten; 167 Abbildungen; 78Mark.

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