Eremitage in Sorge vor Isolierung »Die Welt ist verrückt geworden«

Der Direktor der berühmten Eremitage in Sankt Petersburg wendet sich in einer emotionalen Botschaft an ausländische Förderer. Politisch bleibt der Museumschef dabei verdruckst.
Eremitage in Sankt Petersburg: »Schwierige Zeiten« für Freundschaften

Eremitage in Sankt Petersburg: »Schwierige Zeiten« für Freundschaften

Foto: Lukas Schulze - FIFA / FIFA via Getty Images

In der legendären Eremitage in Sankt Petersburg scheint die Sorge groß zu sein, die Gunst ausländischer Förderer zu verlieren. Mit emotionalen Worten richtete sich Michail Piotrowski, der Direktor des Museums, an die internationalen Freundeskreise – allerdings, ohne den Begriff Krieg oder den Namen Putin vorkommen zu lassen.

»Liebe Freunde, die Welt ist verrückt geworden, und sie wird nie wieder dieselbe sein. Die Dinge, die jetzt geschehen, sind unbegreiflich, sie sollten niemals geschehen...«, so schrieb Piotrowski, 77, am Samstag in einer Mail an die Fördervereine, die unter anderem in den Niederlanden, Großbritannien und Kanada bestehen.

Museumschef Piotrowski: Wärmste Grüße aus Kanada

Museumschef Piotrowski: Wärmste Grüße aus Kanada

Foto: Soeren Stache / picture alliance / dpa

Man müsse »in diesem Wahnsinn« die Ruhe bewahren, »denn unser Auftrag, die kulturellen Brücken zwischen den Nationen zu schützen, ist wichtiger denn je geworden«. Er forderte »anstelle von Gewalt« die Rückkehr zum Dialog. In einem weiteren Absatz appellierte der Museumsdirektor an die Freundschaft, »sie wird in schwierigen Zeiten auf die Probe gestellt«.

Zumindest die Antwort des kanadischen Freundeskreises ist bekannt, dessen Vorsitzender bestärkte die »Wärme und Zuneigung« für die Eremitage, die Sammlungen des Museums hätten schon »viele Leben in den Turbulenzen der Weltgeschichte hinter sich. Auch dieser Moment wird vorübergehen und die Brücken, die wir gebaut haben, werden so solide wie immer bleiben«.

Die Gründung der Eremitage geht auf Katharina die Große zurück, Gemälde von Leonardo da Vinci, Rubens und Rembrandt gehören zum Bestand. Bereits seit 1992 steht Piotrowski dem Museum vor, das früher sogar schon von seinem Vater geleitet worden war. 2014, im Jahr ihres 250. Jubiläums, wollte die Eremitage eine gewisse Weltoffenheit und Modernität demonstrieren und richtete die europäische Wanderbiennale Manifesta mit aus. Doch das zunehmend repressive Klima im Land sowie Putins Annexion der Krim überschatteten das Ereignis. Einige westliche Künstler zogen ihre Zusage zurück.

In der Eremitage wird Russland als frühe Weltmacht beschworen

Einer Solidaritätsbekundung der russischen Kulturelite für Putin und dessen Krim-Politik hatte sich Museumschef Piotrowski damals nicht angeschlossen und damit auch international für Aufsehen gesorgt. Aber ebenso wenig rief er die Kultur seinerzeit zum Widerstand auf, gegenüber dem SPIEGEL betonte er damals: »Es läuft da ein weltpolitisches Spiel, und es ist nicht Aufgabe der Kultur, dazu Ja oder Nein zu sagen.«

Doch die Eremitage ist sehr wohl Plattform für politische und andere Inszenierungen. Ende Januar 2022 nutzte der Staatskonzern Gazprom die Einweihung einer neuen und von ihm mitfinanzierten Dauerausstellung zu Peter dem Großen für eine unverhohlen patriotische Beschwörung der Geschichte. So sagte Gazprom-Chef Alexej Miller über den ersten russischen Kaiser: »Für ihn bestand der Sinn seines Lebens darin, Russland als führende Weltmacht zu etablieren, ein Reich zu schaffen. Und das hat er zu Lebzeiten auch geschafft.« Peter I. sei ein wahrhaft entschlossener Aktivist gewesen.

Im Mai soll der 350. Geburtstag Peter des Großen gefeiert werden – abwarten, wie die Stimmung unter den Förderern dann ist.

Die in Berlin ansässige, staatliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat bekundet, angesichts der Entwicklungen in der Ukraine »Projekte und Zukunftspläne« mit russischen Institutionen »auf Eis« zu legen. Weitere Museen könnten abrücken. Umso wichtiger sind für Piotrowski die Verbindungen zu den langjährigen Fördervereinen.

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