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Erlischt das »Fegefeuer« im Kino?

aus DER SPIEGEL 18/1991

In Amerika war Brian De Palmas »Fegefeuer der Eitelkeiten« ein Reinfall: Zwei der drei Hauptdarsteller, nämlich Melanie Griffith und Bruce Willis, blieben, von bösen Vorahnungen getrieben, der Premiere fern; die meisten Kritiker spielten mit dem Film Schiffe versenken, und das buchstäblich: Newsweek sah die ganze Besatzung »mit dem Schiff untergehen«. Und New Yorks Ex-Bürgermeister Edward I. Koch, über die Stadt-Schändung erbost, rezensierte den New-York-Film im Wall Street Journal mit böser Ironie: »Wäre der Kommunismus nicht in jüngster Zeit so in Mißkredit geraten - der Film hätte ihm neue Sympathisanten zugetrieben.«

Regisseur Brian De Palma, Hollywoods brillanter Zyniker und ein Berserker der amerikanischen Obsessionen, hatte hoch gezielt und war tief gefallen. Nun kommt der Film nach Deutschland, wohin ihm sein amerikanisches Mißgeschick schon als Gerücht vorausgelaufen war, das heißt: Er liegt schon zerstört am Boden, noch bevor er zum neuen Start ansetzt. Wirklich?

Der Film »Fegefeuer der Eitelkeiten« ist De Palmas waghalsiger Griff nach dem gleichnamigen Roman. Tom Wolfe hatte mit seinem Erstling einen New-York-Roman von balzacschen Umrissen geschrieben: Am Fall und Purgatorium eines Börsenbrokers aus Manhattan hat er die Krankheit einer ganzen Gesellschaft in einem höhnischen Beispiel festgehalten - das berechnende, haßerfüllte, von Zwangsideen besetzte Nebeneinander der Rassen und Klassen, die gesellschaftlichen Schluchten, nicht weniger gigantisch als die der Straßen.

Das Buch, mit höchster Akribie und größtem Schwung geschrieben, traf das amerikanische Selbstverständnis mitten ins Herz. Oder soll man besser sagen: mitten ins Rechenzentrum?

Denn es handelt von Menschen, die in sozialen Berechnungen und Strategien aufgehen, fast ohne Rest, so daß das, was ihr Schicksal ist, nur durch einen Rechenfehler, durch eine kleine Unachtsamkeit am Computer sichtbar wird - dann allerdings mit katastrophalen Folgen und Weiterungen.

»Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt - es ist niemals gutzumachen«, heißt es in Kafkas Erzählung »Ein Landarzt«. Der Held des Wolfe-Romans, der Broker McCoy, verpaßt, als er seine Geliebte mit seinem Mercedes heimlich vom Flughafen abholt, eine Abfahrt nach Manhattan - das ist alles. Auf einmal ist er mit seinem blitzenden Luxuswagen und seiner glitzernden Freundin in der Bronx - auf einem verwüsteten Schlachtfeld des sozialen Bürgerkriegs. In Panik fahren die beiden einen schwarzen Wegelagerer um und begehen Fahrerflucht.

Weil beide anderweitig glücklichst verheiratet sind, gehen sie natürlich nicht zur Polizei: McCoy, der sich eben noch als »Master of the Universe« fühlte, weil er erfolgreich mit der heißesten und verderblichsten Ware überhaupt, mit Geld, handelt, gerät in die Mühlen einer Justizkampagne; an der New Yorker Misere kochen Demagogen und Karrieristen aus Polizei, Verwaltung, Kirche, Justiz und vor allem aus der Presse ihr Süppchen.

Der reiche gewissenlose Wasp aus der Wall Street, der einen sozial schwachen Schwarzen in der Bronx ohne Skrupel umfährt - dieses Propaganda-Klischee ist ein gefundenes Fressen. McCoy erlebt New York als Schlund: Er wird verschlungen und ausgespien. Aus dem »Meister des Universums« ist ein Haufen Elend geworden.

Brian De Palma hat nicht den Fehler gemacht, Tom Wolfes epischen Kosmos verfilmen zu wollen; ein Buch ist ein Gemälde, mit zahllosen Details und unzähligen kleinen, genauen Strichen, ein Film dagegen ein Plakat mit groben Umrissen, Vereinfachungen, grellen Farben und Signalen.

Der Film betrachtet den Sturz McCoys aus der Perspektive des Journalisten Fallow. Er ist der Aasgeier der Geschichte, der das Opfer ausweidet und sich damit in den Ruhm schreibt. Und der Film versucht Tom Wolfes epische Rasanz in satirische Schärfe zu übersetzen. Er beginnt mit einer schier atemberaubenden Kamerafahrt durch die Eingeweide des noblen Manhattan. Durch den Hintereingang geschubst, trifft der Star-Reporter Fallow zu seiner öffentlichen Ehrung ein, er stolpert vorbei an Heerscharen von Domestiken, die Getränke transportieren, Lebensmittel präparieren - ein unterirdisches Gewusel im Bauch von New York, eine filmische Fahrt, ähnlich imponierend und technisch waghalsig wie die in Martin Scorseses »Goodfellas«.

Schon hier wird sichtbar: De Palmas Satire arbeitet mit den suggestiven, »überfallartigen« Wirkungen der Kamera. Eben noch fummelt das Paar auf dem Weg vom Flughafen im komfortablen Mercedes, der kuschelig und aseptisch wie das Innere einer Konfektschachtel ist, da reißt uns die Kamera hinaus in eine unwirkliche, soziale Mondlandschaft aus Ruinen, Rost, brennenden Wracks, schemenhaften Gestalten. Den Zusammenprall kann der Film als optische Explosion gestalten.

Sicher, De Palmas Mittel, der amerikanischen Grellheit zu Leibe zu rücken, mit ihren Augen und Ohren schmerzenden Kontrasten und den daraus resultierenden Geschmacklosigkeiten, sind selber grell, laut, geschmacklos, »amerikanisch«. Aber der Film riskiert etwas, riskiert sich; sein satirischer Biß erinnert an Kubricks höhnische Vexierbilder - wie ich die soziale Bombe lieben lernte.

Eine Szene wie die, in der sich ein alter jüdischer Flugunternehmer in einem Lokal buchstäblich über die doofen arabischen Mekka-Touristen, an denen er sich eine goldene Nase verdient, zu Tode lacht, hat Swiftsches Format - sie ist groß vor Bosheit, Haß, Liebe und Trauer.

Vielleicht, so denkt man, während man die Bilder einer absolut geschmacklosen Beerdigung sieht, während man hört, wie dem Toten seine Lieblingshits als süßlicher Schlagermedley in den Sarg nachgesungen werden, vielleicht mochte das amerikanische Publikum sich in diesem Spiegel nicht sehen.

Vielleicht meinten viele auch, daß der Film dem Buch nicht gerecht wird. Das wird er sicher nicht. Glücklicherweise versucht er es gar nicht. Viel wichtiger ist: Wird er sich selbst gerecht?

Da ist die Besetzung. Neben Bruce Willis, der dem versoffenen, sich unter den Tischen der Kneipen wälzenden Journalisten Fallow (im Buch ein Engländer, im Film Amerikaner) mit Bravour durch alle Kläglichkeiten und Erniedrigungen folgt, neben Melanie Griffith, deren Geilheit ganz außen auf der Haut sitzt (schnell erregbar und nie wirklich erregt), spielt der amerikanische Sonnyboy und Unschuldsengel Tom Hanks ("Big") den traurigen Helden: ein schmales, sympathisches Bürschchen, das durch seinen machtvollen Reichtum am Anfang ebenso überfordert ist wie durch seinen sozialen Sturz auf die Müllhalde der New Yorker Gesellschaft.

Es ist klar, was De Palma vorschwebte. Er wollte ein kleines Würstchen, das sich, nach dem Plastikspielzeug, als »Master of the Universe« fühlt. Die Gefahr ist nur: Der Film hat hier fast so etwas wie einen sympathischen leeren Fleck. Tom Hanks ist so nett, daß er einem nicht mal leid tut. Die zweite Schwäche des Films ist sein Ende - es ist so, als hätte alle Beteiligten schließlich, angesichts der hohen Produktionskosten, doch der Mut verlassen, Amerika als zynische Vorhölle zu porträtieren.

Bis dahin zeichnet er alle mit einem gnadenlosen »Rassismus": die affektierten, blutleeren, arroganten Wasps, die schwarzen religiösen, vor Verlogenheit dröhnenden Geschäftemacher, die flinken jüdischen Karrieristen, voll zynischer Chuzpe.

Auf einmal aber driftet er mit dem Schlußplädoyer eines weisen schwarzen Richters (im Buch: die wunderbare Figur eines verbitterten jüdischen Richters, der mit Ekel seine Mitmenschen durchschaut und daraus einen trotzigen Heroismus zieht) in eine aufdringliche Moralpredigt ab; ein Happy-End, süßlich wie einst im nationalen Mai in Frank Capras optimistischen Amerika-Hurra-Filmen. Man ist in Hollywoods unerträglichster Nische gelandet - dort, wo immer noch die verlogenen Film-Schlüsse gezimmert werden.

Das amerikanische Publikum hat diese falsche Verbeugung nicht honoriert. Und dem Film ist sie leider nicht bekommen. Wer zeigt, wie über Leichen gegangen wird, darf nicht über seine eigene gehen wollen. Während er vorher zeigt, mit welch schnöden, verlogenen und demagogischen Mitteln jeder alles werden will, entlarvt er hier, daß auch ihm jedes Mittel recht schien, um doch noch ein guter, braver Erfolgsfilm zu werden. Das hat er nicht geschafft. Leider, und Gott sei Dank.

Hellmuth Karasek
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