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DDR Ernste Mahnung

aus DER SPIEGEL 12/1971

Seit sieben Jahren ist die DDR für westdeutsche TV-Kameraleute tabu. Doch wenn der Hamburger Reporter Wolfgang Venohr anreist, ist der Schlagbaum offen.

Diese Gunst hat sich Venohr, 45, Chefredakteur der Produktionsgesellschaft »Stern TV«, mit seinen fairen Fernseh-Dokumentationen über Ostblock-Staaten, zwei DDR-Features eingeschlossen, redlich verdient. Seine »Impressionen von einer Jubelfeier«, die er 1969 beim 20jährigen Staatsjubiläum in Ost-Berlin sammelte, und sein wohlwollender LPG-Bericht »Die Erben der Barone« hatten den Genossen so gut gefallen, daß sie Ihm letzten Sommer gestatteten, in Ihrem Staat weiterhin zu filmen, wie"s ihm gefiel.

Doch jetzt, im Report »Halb Preußen -- halb Sachsen« (ARD, Freitag, 19. März, 20.15 Uhr), schlägt Venohr herbere Töne an: Er kritisiert die »Vergangenheitsbewältigung und Traditionspflege« der SED.

Die Deutsche Demokratische Republik, das hat der TV-Mann in Ost-Berlin und Leipzig, In Dresden und Stralsund beobachtet, »wirkt in vielem 'deutscher' als die Bundesrepublik«. Sie hat -- preußisch in der Tradition, kleinbürgerlich Im Geist -- bei allem Sozialismus das alte Deutschland konserviert.

Noch immer zieht, wie zu Kaisers Zeiten, Unter den Linden eine feldgraue Garde im Stechschritt und mit gezogenem Säbel vor der »Neuen Wache« des Klassizisten Karl Friedrich Schinkel auf. Und wenn die »Nationale Volksarmee« ins Manöver zieht, schmettert dazu der Yorksche Marsch.

Im Dresdner Café »Luisenhof« fiedelt der Stehgeiger, genau wie einst, seine Pußta-Weisen -- Langhaarigen und Krawattenmuffeln ist der Zutritt verboten. Und für viele DDR-Bürger erweckt der »Herr Doktor« ebensoviel Ehrfurcht wie einst der preußische »Herr Kommerzienrat«.

Diese Republik, so etwa sagt Venohr, ist noch immer ein Staat von Untertanen. Sie ist, auch das zeigt er, »eine Mischung aus preußischer Pflichterfüllung und sächsischer Betriebsamkeit«. Und das soll sie, nach dem Willen der Partei, auch bleiben. »Ohne die jahrhundertelange preußische Erziehung zur Pflichterfüllung«, räumen SED-Funktionäre ein, »hätten wir mit unseren Menschen nicht erreicht, was wir erreicht haben.« Walter Ulbrichts Traditionspflege, zu der auch der Wiederaufbau historischer Gemäuer zählt, hat sich ausgezahlt.

Freilich, ein bißchen eklektizistisch und willkürlich springt die DDR mit Ihrer Erbmasse schon um. Ihre »revolutionären Vorbilder« sind der Bauernführer Thomas Müntzer (1489 bis 1525), die Freiheitskämpfer von 1813, die sich gegen den »Imperialismus Napoleons« erhoben, die Bürger-Rebellen von 1848, die Spartakisten von 1918.

Auf dem Friedhof der Märzgefallenen von 1848 in Ost-Berlin indes ist auch jene »ernste Mahnung« zur deutschen Einheit in Stein gehauen, der sich einst Regierungschef Otto Grotewohl verpflichtet fühlte:« Ich möchte lieber Erwerbsloser in einem wiedervereinigten, als Ministerpräsident in einem geteilten Deutschland sein.«

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