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Design Erotisch und verstörend

Im amerikanischen Aspen wurden deutsche Designer als Europa-meister der Gestaltungsbranche gefeiert.
aus DER SPIEGEL 26/1996

Acht Redner und zehn Stunden hatten die Teilnehmer der 46. Internationalen Design Conference abgesessen und bisher wenig zu lachen gehabt. Alle Hoffnung auf unterhaltsame Information lag nun bei einem, der seit über 30 Jahren erfolgreich einen Ruf als Happening-Profi verteidigt.

Auf den Wuppertaler Kunst-Theoretiker Bazon Brock, 60, war auch in der dünnen Luft der Rocky Mountains Verlaß. Virtuos amüsierte er die Teilnehmer der Morgensitzung, daß Klatschsalven und Gelächter bis in die entlegensten Winkel des weitläufigen Aspen Institutes in Colorado hallten.

Eines aber brachte Brock den Gästen der International Design Conference in Aspen (IDCA) ganz ernsthaft nahe: »Alles, was die Deutschen machen, tun sie, um von allen geliebt zu werden, und wenn die Deutschen ,alle'' sagen, dann meinen sie die gesamte Menschheit.«

In Aspen galt es zunächst einmal, 1300 Besuchern aus 17 Nationen zu zeigen, was hinter dem ambitionierten Titel der Konferenz »Gestalt: Visions of German Design« in Wirklichkeit steckt. Erstmals seit 1951 wurde die traditionsreiche Veranstaltung nur von deutschen Firmen gesponsert und von Entwerfern aus der Bundesrepublik gestaltet. Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, sagt IDCA-Präsident Richard Farson, »haben die Deutschen alle anderen Europäer im Grafik- und Produktdesign abgehängt«.

Der Frankfurter Design-Manager Georg-Christof Bertsch, 37, brachte im Auftrag des Design Zentrums München Vertreter der multimedialen Generation nach Aspen, die »Ausblicke auf das nächste Jahrtausend« bieten sollten. So klickten sich während der fünf Konferenztage 8500 Interessierte aus aller Welt in die erstmals eingerichteten Web-Seiten ein.

In einem grauen Pavillon hatten Studenten das »Involving System« aufgebaut. An drei Modulen konnten Besucher Synthesizerklänge mit verschiedenen Rhythmen und beliebiger Musik von Schallplatten mischen. Draußen in den Freiluft-Cafés führten die Disc-Jockeys Jonas Grossmann, 26, und David Moufang, 29, den Gästen vor, daß Techno-Klänge der sanften Art sich sogar als Hintergrundmusik eignen. An einem Plakatzaun hingen Abbildungen von Produkten deutscher Gestalter.

Der Berliner Grafik-Designer Erik Spiekermann, 48, der mit seinen Meta-Design-Büros in Berlin, London und San Francisco 14 Millionen Mark Jahresumsatz macht, lockte mit frechen Sprüchen in rasendem Englisch die meisten Besucher ins Paepcke-Auditorium. »Man muß dem Publikum ins Hirn kriechen, nicht hinten rein.« Gemeinsam mit seiner amerikanischen Partnerin Terry Irwin, 42,

demonstrierte der fixe Typograph in einer

computerunterstützten Show, daß Bilder und Zeichen made in Germany ebenso innovativ wie kommerziell erfolgreich sein können.

Erst achtmal überließen die Amerikaner ihre traditionsreiche Konferenz einer anderen Nation. Auf diese Weise wollen die US-Gastgeber und das internationale Publikum nicht nur historische Hintergründe, »konomische Erfolge und neue Design-Konzepte kennenlernen, sondern mehr über Land und Leute erfahren.

Was »das Deutsche am deutschen Design« ist, sollte Ästhetik-Experte Brock daher in Aspen erklären. Als Antwort stellte er zwei Totempfähle auf die Bühne, an denen lauter germanische Götzen-Produkte deutscher Gestaltungskraft hingen, von der Pickelhaube über Birkenstock-Sandalen, Tempotaschentücher und Beamtengesetz bis zu Leibniz-Keks und Gartenzwerg.

Der Professor hätte sich gar nicht soviel Mühe machen müssen. Deutsch am deutschen Design wie an jedem anderen Produkt ist auch im Zeitalter von Techno und MTV noch immer die Gedankenschwere, gepaart mit jenem wagnerianischen Hang zur Selbstzerfleischung, unter fast völligem Verzicht auf Humor.

In dem exklusiven, 2400 Meter hoch gelegenen Skisportort, wo Filmstars wie Jack Nicholson und Don Johnson im Winter den Ajax herunterwedeln, erwartete die aus Europa, Australien und Asien angereisten Gäste, die 750 Dollar Eintritt bezahlt hatten, programmgemäß »das Aktuellste aus allen Feldern deutschen Designs«. Das war zwar vertreten, aber schwer zu finden. Zunächst bombardierten die von den Zentralräten deutscher Entwurfskunst, dem Design Zentrum München und dem Rat für Formgebung, in die USA entsandten Oldtimer der Gestalterbranche die Gäste mit einem Theorie-Stakkato, das locker die Hauptseminare sämtlicher Kunsthochschulen ausfüllen könnte.

So erläuterte etwa der Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Sozialphilosophie in Bergisch Gladbach, Bernd Guggenberger, ganz im Stil des guten alten Frontalunterrichts, wie »unsere sozialen Welten ihre lokalen Anbindungen verlieren, wodurch sie im wachsenden Maße virtuell werden und dieses zentrale Paradigma unserer Zeit den Rahmen des Designs für die Zukunft determiniert« - ein Gedanke unter vielen, die bei 25 Grad Außentemperatur in dem von Eliel Saarinen errichteten Bayer-Benedict-Zelt irgendwie nicht ganz zu Ende gedacht werden konnten.

Auch Praktiker verstanden es, die Erregung der am deutschen Design und Wesen durchaus interessierten Zuhörer in Grenzen zu halten. Erstmals durften Automobil-Vertreter neben den Künstlern der Grafik- und Produktentwerfer-Gilde die Bundesrepublik repräsentieren - optisch zweifellos ein Höhepunkt. Silbern, apfelgrün, postautogelb, nachtschwarz und rotweinrot lockten blinkende Kfz-Modelle in der klaren Bergluft Autofreaks zum Tachometer-Vergleich.

Im Saal stellte VW zehn Jungdesigner unterschiedlicher Nationalitäten vor; deren bescheidene Träume, etwa von einer Stoßstange, die beim Einparken wie ein Bade-Entchen quietscht, hatte Design-Manager Rüdiger Folten aber derart windschnittig zurechtredigiert, daß am Ende nur noch die Dankbarkeit rüberkam, bei Volkswagen arbeiten zu dürfen.

»Egal, wie ungerecht Klischees und Stereotypen über den Volkscharakter sind«, sagt IDCA-Chef und Psychologe Farson, der die Konferenz seit 1966 begleitet, »sie haben sich bisher als absolut zutreffend erwiesen.«

Das Programm der deutschen Veranstalter war mit Geschichtspflege und Eigenlob überfrachtet. Mehr als ein Dutzend Veranstaltungen waren dem Bauhaus, der 1968 geschlossenen Ulmer Hochschule für Gestaltung, dem Typographie-Papst Otl Aicher und der Selbstdarstellung designorientierter Firmen wie Braun, Siemens, Erco, Bulthaup überlassen. Veteranen der Klassischen Moderne, wie Braun-Chefdesigner Dieter Rams und Siemens-Gestalter Herbert H. Schultes, feierten sich selbst und das Ende der Postmoderne. »Help me, help me, ich kann nicht mehr, muß denn alles so trocken und langweilig sein?« lautete einer unter vielen Hilferufen, die Besucher auf die Tafeln für Botschaften in einem der Freiluft-Cafés kritzelten.

Muß es nicht. Wer ein wenig Spürsinn hatte, konnte in Aspen durchaus erfahren, wie schräg, multimedial und international erfolgreich junge deutsche Gestalter denken und arbeiten.

Seit anderthalb Jahren entwirft die Gruppe Art + Com um den Berliner Kommunikationswissenschaftler Joachim Sauter, 37, im Auftrag der Telekom ein interaktives Computerbild von der Erde. Durch die verschiedenen Informationsschichten der »Terravision« kann der Benutzer am Bildschirm abenteuerliche wie informative Raum- und Zeitreisen unternehmen.

Der Frankfurter Architekt Christian Möller, 37, verwandelt U-Bahnschächte, tote Räume und Gebäude in multimediale Stadtattraktionen. Zwei junge Möbelgestalter zeigten, daß Gegenwart und Tradition einander keineswegs widersprechen müssen. Axel Kufus, 38, Design-Professor in Weimar, und der Münchner Konstantin Grcic, 31, entwerfen Dinge, deren Sexappeal in der Schlichtheit liegt. Äußerst sachlich in der Form, manchmal verblüffend im Material, sind die Gebrauchsgegenstände nicht fürs Design-Museum, sondern für die industrielle Serienproduktion gedacht: Kuschelsessel aus meerblauen Autowaschstraßenbürsten, supereinfache Arbeitsstühle, die an Thonet-Vorbilder erinnern, Bügel mit integrierter Kleiderbürste, Allzweckeimer.

Der Kommunikationsdesigner Alexander Branczyk, Gestalter des Techno-Magazins Frontpage, und sein Kollege Thomas Nagel boten mit Bildern, Zeichen und Tönen ein multimediales Techno-Spektakel. Der schwarze Tänzer und Choreograph Stephen Galloway, seit 1986 bei William Forsythes Frankfurter Ballett und Art-director der Herrenkollektion von Issey Miyake, vereinigte beide Berufungen zu einer so erotischen wie verstörenden Inszenierung.

Beifallsstürme läste die Modenschau der Berliner Aktionsgruppe »Sabotage« aus. In wochenlanger, unbezahlter Eigenarbeit entstand eine Kleiderkollektion, die aus 30 Aspener Laien-Models seltsam ungestalte Mutanten machte.

Die amorphe Gruppe aus verschiedenen Altersstufen und Berufen führt auf sinnliche Weise vor, was sie unter Design versteht: eine Haltung, nicht weniger als einen Lebensentwurf. »Für uns ist Design kein Produkt, sondern ein Prozeß«, sagt Kommunikationsdesigner Michael Dodt, 33. Sabotage ist das Produkt.

* Mit deutschen Design-Produkten bei seinemVortrag.

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