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STARS Erotisches Kraftwerk

Die TV-Nordkette huldigt Hollywoods »Liebesgöttin« der 40er Jahre: »Salut für Rita Hayworth«.
aus DER SPIEGEL 4/1982

Die US-Atombombe, die auf dem pazifischen Bikini-Atoll detonierte, trug den Namen »Gilda« und das Pin-up eines strahlenden Hollywood-Idols - so huldigten, 1946, Nuklear-Techniker ihrer »Love Goddess« Rita Hayworth.

Sie war damals die weltweit verehrte »Liebesgöttin«, Titel-Schönheit aller Magazine, Spind-Heilige der GI's, die, heimgekehrt, massenhaft ins Kino stürmten, um die Angebetete in ihrem neuen Film zu bewundern, in »Gilda«. Sie war, wie »Life« schrieb, »eine amerikanische Institution geworden«. Ihre Gilda wurde zum Inbegriff magischer, verführerischer Sinnlichkeit, ihr Sex-Appeal erfüllte geheimste Schlafzimmer-Träume. Sie war ein erotisches Kraftwerk, eine unwiderstehliche Sirene - unnachahmlich, wie sie als Nachtclub-Sängerin die langen, schwarzen Handschuhe abstreifte und mit aufregendem Timbre ihr legendäres »Put the Blame on Mame, Boys« gurrte. »Gilda«, von Charles Vidor inszeniert, ist das Juwel einer elfteiligen TV-Hommage, die am kommenden Mittwoch, 27. Januar, um 22.05 Uhr, im Dritten Programm der Nordkette beginnt. Das Musical »Reich wirst du nie« (1941, mit Fred Astaire) eröffnet den »Salut für Rita Hayworth«; es folgt »Die Schönste der Stadt« von Raoul Walsh: zwei Filme, die den Hayworth-Kult begründeten und lovely Rita für eine knappe Dekade zu Hollywoods ergiebigster Einnahmequelle machten.

Sie war 1918, als Marguerita Carmen Cansino, in New York geboren worden, Kind eines spanischen Flamenco-Tänzers. Der strenge Vater drillte sie zur Vaudeville-Tänzerin, im mexikanischen Tijuana hüpfte die begabte Marguerita - ein pummeliger Teenie - über die Flitterbühnen zweifelhafter Etablissements. Der Backfisch strebte zum Film, nahm Sprechunterricht und lebte diät.

Ein Produzent entdeckte und förderte das Showgirl. Marguerita trug damals schwarzes, pomadisiertes, brav gescheiteltes Haar. Sie spielte in meist stummen Tanzrollen exotische Schönheiten in den Armen schmachtender Bolero-Jünglinge. Sie hatte in weit über 20 minderwertigen »B-Pictures« mitgewirkt, als sie endlich im »Engel vom Broadway« (1940) den Durchbruch schaffte.

Nun trat sie als Rita Hayworth auf, mit tizianrotem Haar, das in weichen Wellen über die Schultern fiel, in hüftbetonten Gewändern, die lose die Brüste umspielten. Mit dem Quick-Stepper Astaire schwebte sie 1942 durch »Ein schönes Mädchen wie Du«. In »Es tanzt die Göttin« wurde sie 1944 als Nachtclub-Terpsichore Rusty Parker, an der Seite von Gene Kelly, zum umschwärmten Cover Girl.

Rita Hayworth avancierte mit diesen Revue-Märchen zum Symbol, zum Idealbild der amerikanischen Frau. Prominente wie Howard Hughes oder Orson Welles (den sie in zweiter Ehe heiratete) hofierten sie. US-Soldaten eskortierten die »Venus des Atomzeitalters« bei Show-Auftritten. Und sogar Filmkritiker, die Hayworth-Filme oft »verwirrend« und »höchst unglaubwürdig« fanden, rühmten die »aufreizende, glamouröse Ausstrahlung« der lockigen Circe.

Aber schon die triumphale »Gilda« offenbarte den Verfall des Hayworth-Mythos. Die Zeit der vergötterten Pinup-Nymphen ging zu Ende, der Nimbus der Love Goddess verkam zu anrüchiger Erotik. Gilda war ein laszives, widerspenstiges Objekt der Begierde, eine S.176 durchtriebene Buhle, von Männern verachtet und zugleich idolisiert.

Orson Welles, der Ex-Gatte, stieß sie 1948 dann endgültig vom Sockel. Für die »Lady von Shanghai« kappte er ihre rote Mähne, färbte sie platinblond und steckte Rita in die Rolle eines rachsüchtigen, männerruinierenden Teufelsweibs.

Die Shanghai-Lady war ein Kassen-Desaster - die Herrschaft der »Sex-Bomben« Kim Novak, Ava Gardner, Elizabeth Taylor und Marilyn Monroe bahnte sich an. »Es ist sehr schmeichelhaft«, kommentierte die Hayworth, »daß ein ganzes Damen-Quartett nötig ist, um mich zu ersetzen.«

Doch sie blieb - ein affärenreiches Leben - weiter in den Schlagzeilen. Ihre Liaison mit dem orientalischen Nabob Prinz Ali Khan war erdumspannender Gesprächsstoff, der Papst rügte die Mesalliance, die US-Frauenvereine riefen zum Hayworth-Boykott.

Die Kinofilme, die Rita Hayworth später drehte, waren eher belanglos, die »Affäre in Trinidad« etwa (1952). In »Spiel mit dem Feuer« spielte sie 1957 eine heruntergekommene Abenteurerin, in »Zirkuswelt« (1964) eine alternde Drahtseilartistin mit zweifelhafter Vergangenheit. Die TV-Werkschau endet am 17. März mit dem 3-D-Film aus dem Marine-Milieu »Miss Sadie Thompson« (1954). Im vergangenen Jahrzehnt trat Rita Hayworth gelegentlich in TV-Shows auf, sie litt an chronischem Alkoholismus und an Schwund der Großhirnrinde. 1981 wurde sie entmündigt, ihre Tochter Yasmin erhielt die Vormundschaft.

Vor einigen Jahren, in San Francisco, war Rita Hayworth einmal von einem mitleidlosen jungen Menschen gefragt worden, wie sie sich morgens fühle, wenn sie in den Spiegel schaue und an die einstige Love Goddess denke.

Da lächelte sie robust und erwiderte: »Kein Problem, Honey, ich stehe immer erst nachmittags auf.«

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