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ZAHNMEDIZIN Erschreckende Not

Die Zahnärzte wollen Karies-Vorbeugung in der Praxis von den Krankenkassen mit zusätzlich 200 Millionen Mark jährlich honoriert haben. Eine Krankenkasse in Heilbronn beweist: Es geht auch billiger.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Vor dem Bayerischen Landesgesundheitsrat beklagte der Präsident der Bayerischen Zahnärztekammer, Erich Pillwein, den desolaten Gebißzustand des bundesdeutschen Nachwuchses: »20 Prozent der Dreijährigen, 80 Prozent der Schulanfänger haben Zahnfäule.«

Die Schuld an dem Desaster lastete der Standesführer allerdings nicht der eigenen Zunft, sondern »dem Gesetzgeber« an. Für Kariesprophylaxe, zürnte Pillwein, sei kein Geld da, der »finanzielle Aufwand des Staates« für die »Aufklärung von Eltern und Erziehern« über die schlimmen Folgen mangelnder »Mundhygiene« völlig unzureichend. Trotz »Bemühungen der Zahnärzte«, die »neue Initiativen« sogar aus eigener Tasche zahlten, hätte die Zahl der Zahnstummel sogar zugenommen.

Das war vorauszusehen. Die von Pillwein gerühmten zahnärztlichen Bemühungen dienten bisher mehr der standespolitischen Imagepflege, weniger konsequenter Kariesprophylaxe. Sie boten Show statt Schutz:

Da wurde (im Rheinland) in Kindergärten und Schulen ein aus dem PR-Etat von Zahnärztekammern oder -vereinigungen finanzierter transportabler »Zahnputzbrunnen« auf- und wieder abgebaut. Da wurden (in Hessen) mit Schautafeln bestückte »Aufklärungsbusse« über Land geschickt und von der Industrie gespendete Zahnbürsten ans zufällig anwesende Volk verteilt. Da wurde (in Bayern) auf Publikumsmessen in der Provinz ein »zahnärztlicher Ausstellungsstand« samt einem vom örtlichen Dentalhandel jeweils kostenfrei entliehenen »Behandlungsstuhl« installiert und Kindern, so die Mütter wollten, zum Nulltarif in den Mund geschaut.

Nutzen aus solch »uneigennütziger Betreuung« ("Zahnärztliche Mitteilungen") zogen nur die Showmanager. Selbstzufrieden verbreitete die Standesführung auch, daß sogar Bayerns Landesvater Franz Josef Strauß (auf der Landshuter Heimatmesse) seine photogenen Jacketkronen zahnärztlichen Blicken preisgegeben habe und »die Besucher das Auftreten der Zahnärzte zu würdigen und zu respektieren wußten«.

Wer seine Sprößlinge unter zahnärztlicher Obhut vor Karies schützen oder eine Zahnfäule stoppen will, kommt mit Dankesworten allein nicht davon. Er muß zahlen, und zwar nach den »Leistungssätzen« der zahnärztlichen Standesführung - pro »Prophylaxefall« bis zu mehreren hundert Mark.

Weil »wir ethisch-prophylaktisch denken«, so der Vorsitzende des »Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte«, Julius Herrmann, und »die Not erschreckend ist«, haben die zahnärztlichen Berufspolitiker das »therapeutische Angebot der Zahnarztpraxis« von sich aus erweitert: Sie kreierten ein 10-Punkte-Programm »individueller kariesprophylaktischer Behandlungsmaßnahmen«, das in der »Gebührenordnung für Zahnärzte« zwar nicht vorkommt, für das sie aber »analoge Bewertungen« erfanden.

Wer es als Privatpatient in Anspruch nimmt, erhält nach der »Befunderhebung« (bis zu 60 Mark) sowie dem »Anfärben und Demonstrieren der Beläge« (bis zu 24 Mark) vor allem »praktische Unterweisung« im Zähneputzen (bis zu 120 Mark) und »Ernährungsberatung zur Vermeidung von Karies« (bis zu 180 Mark), »eventuell mit schriftlichen und individuellen Ratschlägen«.

Auch der Aufklärung und »Motivierung des Patienten« wird sich auf dessen Kosten angenommen. Das geschieht (für bis zu 180 Mark) einmal »mit individueller Erläuterung der Anatomie der Zähne und der Mundhöhle« sowie »individueller Auswahl und Demonstration der Mittel zur Reinigung« und »im Wiederholungsfall«, kürzer gefaßt, für bis zu 60 Mark jeweils.

Auch die beiden das Prophylaxeprogramm abschließenden »zahnärztlichen Leistungen« sind nicht billig: Die »Lokalapplikation« mit Fluorid-Tinktur kostet bis zu 48 Mark »pro Kiefer«, »Material« extra, die »Versiegelung von Fissuren, Zahnhälsen oder ähnliches« bis zu 36 Mark »pro Zahn«.

Seit Monaten fordern die zahnärztlichen Standesvertreter die gesetzlichen Krankenkassen nun auf, diesen Beitrag zur »zahnmedizinischen Lebensqualität« ("Freier Verband") auch als »Sachleistung« für Kassenpatienten auf Krankenschein einzuführen. Sie haben sich auch bereits ausgerechnet, was die allgemeine Verbreitung ihres Vorsorgeprogramms den 30 000 Kassenzahnärzten zusätzlich bringen würde: mindestens 200 Millionen Mark pro Jahr.

Die Krankenkassen, die aus den Mitgliedsbeiträgen schon jetzt fast 14 Milliarden Mark jährlich für die zahnärztliche Versorgung der Kassenpatienten aufbringen, lehnen solch einen Beitrag zur Einkommensverbesserung der Zahnärzte ab. Vernünftige Kariesprophylaxe, so meinen sie, sei auch billiger zu haben; Zahnputzübungen und Ernährungsratschläge S.148 müßten nicht als zahnärztliche Leistungen honoriert werden.

In anderen europäischen Ländern, beispielsweise der Schweiz, Schweden, Dänemark, Norwegen, Holland, Frankreich, England, Österreich und in der DDR, ist längst in der Praxis erprobt und wissenschaftlich bewiesen, wie Zahnfäule zu verhindern ist. »Zahnschäden«, sagt etwa der Zürcher Universitätsprofessor für präventive Zahnheilkunde, Thomas M. Marthaler, »sind vermeidbar« - wenn vom Milchzahnalter an nach jeder Mahlzeit, vor allem nach jedem süßen Happen, die Zähne drei Minuten lang systematisch gereinigt werden und der Zahnschmelz durch Zufuhr von karieshemmenden Fluoriden zusätzlich regelmäßig gehärtet wird.

Werde beides von kleinauf, zunächst durch Unterricht im Kindergarten, später in der Schule, so eingeübt, daß es schließlich zur festen Gewohnheit wird, könne Zahnfäule nicht auftreten.

Eine Krankenkasse in der Bundesrepublik, die AOK Heilbronn, zog jetzt aus diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen die Konsequenz und nahm die Kariesprophylaxe für Drei- und Zwölfjährige selbst in die Hand. Denn, so sagt AOK-Direktor Otto Egerter: »Wenn es wissenschaftlich erwiesen ist, daß man zur Zahngesundheit nur drei Dinge braucht, nämlich eine Bürste, Fluorid-Applikation und Mundbecher, dann machen wir das und tun alles, daß das regelmäßig angewandt wird.«

Die Kasse stellte zwei talentierte zahnärztliche Fachhelferinnen ein, schickte sie zur Zusatzausbildung zu dem Zürcher Professor Marthaler und dann zum praktischen Zahnpflegeunterricht in die kommunalen und konfessionellen Kindergärten sowie in die Schulen.

Schulamtsdirektor Kurt Möhrle war zur Unterstützung der AOK-Aktion »Gesunde Zähne« bereit: Im »Bildungsplan für die Grundschulen« ist ohnehin vorgesehen, Kindern von der ersten Klasse an beizubringen, »wie Zähne gepflegt und behandelt werden«. Mangels geeigneter Lehrkräfte war bisher aus der vorgeschriebenen wöchentlichen Unterrichtsstunde nichts geworden - das von der AOK mit Zahnbürsten, Bechern und Fluorid-Gelee ausgestattete Damen-Duo daher willkommen.

AOK-Ernährungsberaterinnen klären in Heilbronn nun bei Elternabenden und im hauswirtschaftlichen Unterricht über zahngesunde Kost und den richtigen Umgang mit Naschwerk auf. Zudem gelang es der Kasse, die Zahnärzte am Ort zum Mitmachen zu bewegen und die zahnmedizinische Kontrolle in der Anti-Karies-Aktion zu übernehmen. Hans Lasotta, Vorsitzer des zahnärztlichen Kreisvereins Heilbronn, sah ein: »Wir Zahnärzte sind da gefordert.«

Um die Kinder ihrer Mitglieder zum halbjährlichen Kontrollgang in eine Zahnarztpraxis zu animieren, wo ihnen außerdem Fluoridtabletten verschrieben werden, entwarf die Heilbronner AOK ein »Zahnpflegescheckheft«, das über die Kindergärten und Schulen verteilt oder direkt nach Hause zugestellt wird.

Wer beim Zahnarzt war, kann den vom Doktor abgestempelten Scheck an die Kasse zurückgeben und nimmt damit an einer Verlosung von Spielzeug, Luftmatratzen und Fahrrädern teil.

Es funktioniert. Die Heilbronner Zahnärzte sind zufrieden, selbst »wenn's da keine gesonderten Hunderter als Honorierung gibt« (Lasotta). Sie rechnen so ab, wie es in der Gebührenordnung vorgesehen ist, über die Leistungsposition »Beratung«. Kosten für die AOK: zweimal sieben Mark pro Jahr und Prophylaxefall.

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