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Autoren Erst beten, dann töten

Der Meister des »Magischen Realismus« kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Das neue Buch des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez ist die minutiöse Chronik einer Entführung - der Erzähler glänzt als Reporter. Das bis ins Detail recherchierte Werk ist auch ein lakonischer Kommentar zur politischen Situation Kolumbiens.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Bevor ihre Mörder sie abholten, machte Marina Montoya sich zurecht, so gut es ging. Sie sprühte etwas Parfüm hinter die Ohren, richtete ihre silberne Haarspange und zog sich einen frisch gewaschenen Pullover an. Die Bewacher zwangen sie, eine rosafarbene Wollmaske überzustreifen, Augenlöcher und Atemöffnung nach hinten gerichtet. Irgendwo am Stadtrand von Bogotá feuerten sie dann sechs Schüsse in ihren Kopf. Die Leiche ließen sie auf einem verlassenen Grundstück zurück.

Als man die Tote fand, hatte jemand ihr bereits die Schuhe gestohlen, die Kapuze war steif von getrocknetem Blut. Weil zunächst niemand den Leichnam identifizierte, ließ die Polizei ihn zusammen mit einer Kinderleiche in einem anonymen Massengrab verscharren.

Kühl und mit dem ihm eigenen Sinn für eindrucksvolle Details erzählt Gabriel García Márquez, 68, den Tod der alten Dame - die ergreifendste Szene aus seinem neuen Buch »Noticia de un secuestro« (Nachricht von einer Entführung)*. Das Grauen wird nicht gemildert durch die Gewißheit, daß es sich um das Werk eines Romanciers handelt: »Nachricht von einer Entführung« ist eine rein journalistische Arbeit. Jedes Detail hat der kolumbianische Nobelpreisträger recherchiert, nichts ist erfunden.

Drei Jahre lang sichtete der Schriftsteller Tausende von Zeitungsartikeln und führte mehr als 50 Interviews. Das Ergebnis ist eine literarische Reportage, die an seine Anfangszeit als Journalist anknüpft. Vor vier Jahrzehnten hatte García

* Gabriel García Márquez: »Nachricht von einer Entführung«. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 448 Seiten; 45 Mark. Erscheint am 20. September.

Márquez als junger Mann für die Zeitung El Espectador in Bogotá gearbeitet. Das neue Buch ist auch eine Huldigung an diesen Berufsstand, der in Kolumbien zu den gefährlichsten gehört. Im Reich der mörderischen Drogenmafia birgt jede Annäherung an die Wahrheit ein tödliches Risiko.

Mafia-Boß Pablo Escobar, der Chef des Drogenkartells von Medellín, hatte 1990 zehn Geiseln entführen lassen. Er wollte die Regierung zwingen, ein Dekret zu Fall zu bringen, das die Auslieferung kolumbianischer Drogenhändler an die USA erlaubte - dort sind die Gefängnisse sicherer. Die meisten seiner Opfer waren Journalisten, unter ihnen der Deutsche Hero Buss.

Zwei überlebten das Verbrechen nicht: Marina Montoya wurde auf Escobars Befehl regelrecht hingerichtet. Diana Turbay, Chefredakteurin einer politischen Zeitschrift und Tochter eines Ex-Präsidenten, starb bei einem Befreiungsversuch im Kugelhagel.

Aus langen Gesprächen mit Maruja Pachón, der damaligen Leiterin der staatlichen Filmgesellschaft Focine, die nach sechs Monaten freigelassen wurde, rekonstruierte García Márquez die Einzelheiten der Geiselhaft. Ihr Mann Alberto Villamizar vertraute ihm Details über die Verhandlungen mit Escobar und die politischen Verwicklungen an. Die ungeraden Kapitel des Buches schildern die Gefangenschaft aus der Sicht der Geiseln, die geraden den Kampf um ihre Befreiung.

Als Reporter enthält der Autor sich jeder Wertung. Wo die Wahrheit nicht eindeutig zu ermitteln war, wie beim Tod von Diana Turbay, gibt er die verschiedenen Versionen wieder und überläßt das Urteil dem Leser. Minutiös notiert er auch scheinbar Unwichtiges wie die Kaliber der Tatwaffen, sogar Einzelheiten aus dem Obduktionsbericht der Toten erspart er dem Leser nicht.

»Nachricht von einer Entführung« verzichtet auf die saftigen Bilder und den tropischen Überschwang, die García Márquez in seinem Meisterwerk »Hundert Jahre Einsamkeit« (1967) seitenweise servierte - was ihm für immer den Stempel aufgedrückt hat, der wichtigste Autor des »Magischen Realismus« in Lateinamerika zu sein. In einer phantastischen Mischung realer und mythischer Motive schilderte Márquez damals die Geschichte der Familie Buendía, in der von Generation zu Generation der Dschungel der Einsamkeit wächst. In seinem neuen Buch strebt er dagegen journalistische Genauigkeit an. Sein wichtigstes Arbeitsgerät ist die Löschtaste am Computer. Trotz solcher Askese schafft der Autor eine Dichte, die ihm zuletzt in seinem Roman »Chronik eines angekündigten Todes« (1981) gelungen war.

Spannung entsteht vor allem durch den Wechsel zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen den Todesängsten der Gefangenen und dem Kalkül einer Regierung, die die Staatsräson wahren möchte. Dem deutschen Leser drängen sich Parallelen zum Terrorherbst des Jahres 1977 auf, als Hanns Martin Schleyer entführt wurde.

Das Martyrium der Geiseln steht im Mittelpunkt des Buches. Jedes Opfer erträgt die Qualen monatelanger Gefangenschaft auf eigene Art. Maruja Pachón rebelliert bis zum Ende gegen ihre Bewacher. Zäh erstreitet sie sich kleine Vorteile: einen Rundgang im Hof oder eine Packung Zigaretten. Als ihre gläubigen Bewacher Rosenkränze herunterbeten, fordert sie die Verbrecher heraus: »Wenn Töten Sünde ist, warum tötet ihr dann? Soviel Rosenkränze um sechs Uhr abends ... wenn ich aber zu fliehen versuchte, würdet ihr das ... vergessen und mich erschießen.« Ein Gangster schreit wütend zurück: »Sie sind ja Atheistin!«

Marina Montoya, eine vornehme Dame aus der kolumbianischen Oberschicht, versucht vergeblich, ihre Leidensgefährten zu besänftigen. Jedes kleine Zugeständnis der Entführer wertet sie als Zuneigung, unterwürfig beugt sie sich allen Anweisungen. Am Ende läßt sie sich von den Killern in den Tod geleiten wie ein Kalb, das zur Schlachtbank geführt wird.

Die Entführer drehen fast durch, nachdem sie einige Monate in der beklemmenden Enge des Verstecks ausgeharrt haben. Die Ungewißheit, ob ihre Bewacher ihnen morgens nur Tee bringen oder sie zur Erschießung führen, zerrt an den Nerven der Geiseln. Ihre einzigen Kontakte zur Außenwelt sind Fernseher und Radio: Über eine populäre Talkshow übermitteln die Familien den Entführten verschlüsselte Botschaften.

Aber die Gefangenschaft hat auch tragikomische Momente. Kein Deutscher könne ohne Bier leben, sagt Hero Buss seinen Entführern - prompt bringen sie ihm einige Flaschen. Vor seiner Freilassung überredet er einen Wächter, die Entführten beim Kartoffelschälen zu fotografieren.

In den meisten lateinamerikanischen Ländern führt »Nachricht von einer Entführung« seit Monaten die Bestsellerlisten an, allein in Argentinien waren die ersten 100 000 Exemplare innerhalb von zehn Tagen ausverkauft. In der ungeschminkten Darstellung der kolumbianischen Tragödie, der endlosen Spirale von Gewalt und Gegengewalt, Lüge und Gegenlüge sehen viele lateinamerikanische Intellektuelle ein düsteres Vorzeichen für die Zukunft des Kontinents.

Wie ein Epilog zum Buch wirkt die politische Krise um den gegenwärtigen Präsidenten Ernesto Samper, der sich seinen Wahlkampf teilweise vom Cali-Kartell finanzieren ließ. Die von Korruption zerfressene und moralisch ausgehöhlte kolumbianische Demokratie ist der Drogenmafia inzwischen praktisch ausgeliefert. Hätte Pablo Escobar, wie seine Konkurrenten aus Cali, mehr Politiker geschmiert, statt einen privaten Terrorkrieg gegen die Regierung zu führen, wäre er vermutlich heute noch am Leben.

Escobar weckte in García Márquez definitiv das »anthropologische Interesse an der Macht«, wie er sagt - ein Thema, das schon in seinen Romanen anklingt. Er hatte beabsichtigt, den Drogenboß für sein Buch zu interviewen. Doch der Kontakt kam zu spät zustande: Am 2. Dezember 1993, einen Tag nach seinem Geburtstag, wurde Escobar bei der Flucht aus seinem Versteck in Medellín von der Polizei erschossen.

García Márquez zeigt aber nicht nur die monströsen Züge des Kokain-Paten. Escobar war auch ein treusorgender Familienvater, bei Geschäften gab er sich verbindlich. An Marujas Ehemann Alberto Villamizar schrieb er ausgesucht höfliche und wohlformulierte Briefe. Mord war für ihn nur Teil des Geschäfts, Geiseln opferte er wie Bauern in einem Schachspiel.

Wie der alternde Diktator im García- Márquez-Roman »Der Herbst des Patriarchen« (1975), so geht auch Escobar schließlich an einer Mischung aus Einsamkeit und Hybris zugrunde. Sein erstes Kokain-Flugzeug läßt er wie ein Denkmal ausstellen. Hunderte besuchen seinen Privatzoo bei Medellín, wo er Nilpferde und Giraffen hält. Wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden, so droht er einmal, will er die historische Altstadt des von García Márquez heißgeliebten Cartagena in Schutt und Asche bomben.

Schon aus diesem Grund empfindet der Autor keine Bewunderung für den Drogenboß, wie Newsweek ihm unterstellte. Sympathien zeigt García Márquez allenfalls für den jungen Präsidenten César Gaviria, der die Geiselkrise meistern muß.

Daß ihn die Mächtigen im Grunde faszinieren, beschert García Márquez immer wieder Ärger: Vor allem mächtige Kritiker verzeihen ihm seine Freundschaft etwa zu Fidel Castro nicht. Bewunderer mißverstehen sein Interesse dagegen als politischen Ehrgeiz. In Kolumbien ist der Schriftsteller, der früher von der Oberschicht angefeindet wurde, inzwischen eine moralische Instanz.

Als die obskure Geheimorganisation »Würde für Kolumbien« jüngst César Gavirias Bruder entführte, war eine ihrer Forderungen, daß García Márquez für die Präsidentschaft kandidiere. »Es sah aus, als ob ich die Fortsetzung meines eigenen Buches leben sollte«, entsetzte sich der Schriftsteller und suchte Zuflucht in seinem mexikanischen Domizil.

Gesellschaftliche Verantwortung nimmt er lieber als Künstler wahr: Er unterstützt eine Filmschule für Nachwuchsregisseure in Kuba, die er zum Teil mit seinen Interview-Honoraren finanziert. Jüngst gründete er ein Institut für Nachwuchsjournalisten.

Als Referenten lud García Márquez dorthin kürzlich den Amerikaner Terry Anderson ein. Zum Thema Entführung kann dieser Mann interessante Erfahrungen beisteuern: Während seiner Zeit als Korrespondent der Nachrichtenagentur AP im Libanon hielten schiitische Extremisten ihn sechseinhalb Jahre als Geisel.

* Gabriel García Márquez: »Nachricht von einer Entführung«. Ausdem Spanischen von Dagmar Ploetz. Verlag Kiepenheuer & Witsch,Köln; 448 Seiten; 45 Mark. Erscheint am 20. September.* Nach ihrer Freilassung 1991.

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