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Karrieren ehemaliger Nazis in der DDR Erst braun, dann rot

Antifaschismus war DDR-Staatsdoktrin. Tatsächlich hatten viele Spitzenpolitiker, Mediengrößen und Angestellte im öffentlichen Dienst eine Nazivergangenheit.
aus SPIEGEL Geschichte 3/2015
Horst Dressler-Andress (l.), Reichsrundfunk

Horst Dressler-Andress (l.), Reichsrundfunk

Foto: Scherl/ SZ Photo

Dieser Text gehört zur Reihe "Bestseller von SPIEGEL+", er ist zuerst erschienen in SPIEGEL Geschichte 03/2015.


Die DDR, schrieb der ostdeutsche Schriftsteller Jurek Becker 1994, habe "von ihrer ersten Stunde an mit einer Lüge gelebt": Sie habe für sich "eine Geschichte erfunden, die nie stattgefunden hatte – ihre Ahnherren seien die deutschen Antifaschisten".

Wo der Antifaschismus zum Gründungsmythos und zum politischen Alltag gehörte, konnte es keine Faschisten mehr geben. Frühere NSDAP-Mitglieder und hohe Offiziere der Wehrmacht, die im Arbeiter-und-Bauern-Staat lebten, hatten laut amtlicher Sprachregelung bewiesen, "dass sie aus der eigenen Vergangenheit wie aus der unseres Volkes die richtigen Lehren gezogen haben".

Angefangen hatte die heuchlerische Strategie schon 1946, als der SED-Parteivorstand einen Aufruf an die "kleinen Parteigenossen" erließ: "Komme zu uns! Denn was Hitler dir versprochen hat und niemals hielt, das wird dir die SED geben."

Parteiintern war die Anbiederung umstritten. Deshalb ließ die SED, vom sowjetischen KP-Führer Josef Stalin dazu angeregt, eine Satellitenpartei als Sammelbecken für ehemalige Nazis und Wehrmachtoffiziere gründen. Die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD), die sich am 16. Juni 1948 konstituierte, sollte einstige Mitläufer in die sozialistische Gesellschaft integrieren.

Aber auch die SED sog weiter ehemalige NSDAP-Leute auf. 1954 waren 27 Prozent aller Mitglieder der kommunistischen Staatspartei zuvor in der Hitler-Partei und deren Gliederungen gewesen. Und 32,2 Prozent aller damaligen Angestellten im Öffentlichen Dienst gehörten früher einmal nationalsozialistischen Organisationen an.

Ehemalige NSDAP- und SA-Mitglieder sammelten sich in paramilitärischen Verbänden wie der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und den Kampfgruppen der Arbeiterklasse. So berichtete der Erfurter Stasibezirksleiter im Januar 1955, "dass sich in einer GST-Einheit der gesamte ehemalige SA-Reitersturm organisiert" habe. Stasiminister Ernst Wollweber, ein Widerständler aus der KPD, teilte im April 1957 dem im SED-Zentralkomitee zuständigen Sekretär für Sicherheit, Erich Honecker, mit, dass die Kampfgruppe des VEB Reifenwerk Berlin zu 60 Prozent aus "ehemaligen Nazis" bestehe.

SED-Chef Walter Ulbricht rechtfertigte im Juli 1958 den nachsichtigen Umgang: "Wir fragen nicht danach, ob jemand früher Privatunternehmer oder Offizier in der Hitlerarmee usw. war, sondern wir sind in der Nationalen Front bereits so stark, dass eine Umerziehung auch rückständiger Kräfte absolut möglich ist."

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