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MÄNNERMODE Erst mal verdauen

Lassen sich Herren modisch kleiden? Der schicke deutsche Mann trägt italienische, der arrivierte trägt gern englische Etiketten. Nur die Hosen sind tabu.
aus DER SPIEGEL 19/1982

Männer, die auf sich halten, tragen in diesem Sommer weiße Stricksocken zu weit ausgeschnittenen Mokassins - so wie Jochen Holy (Mitinhaber der Metzinger Konfektionsfirma »Boss"), der Hamburger Trendpelz-Macher Dieter Zoern und der Düsseldorfer Herrenausstatter Dolf Selbach.

Selbach ist für die deutsche Herrenmode ein »opinionleader«, denn diese Branche schwelgt im englischen Kauderwelsch. Wörter wie »mix and match«, »active wear« und »look« rollen den Herrenmodemachern glatt über die Lippen.

Außerdem bevorzugt der Mann, der auf sich hält, jetzt Zweireiher mit sechs Knöpfen, von denen er nur den unteren schließt. Bei der Weste hingegen - vorzugsweise bunt - muß der unterste Knopf offen bleiben. Und beim ersten Sonnenstrahl soll der Modebewußte sich einen jener leichten Baumwoll-Anzüge kaufen, von denen sich der Einzelhandel guten Umsatz erhofft, dazu noch eine seidene Fliege. Wenn er sehr kühn ist, traut er sich sogar einen weichen Vatermörder-Kragen zu.

Die Modeindustrie jedenfalls ist fest entschlossen, sich auf diesen willigen, gut verdienenden Mann zwischen 30 und 45 zu stürzen und ihn fortan nie wieder loszulassen. Dahinter steht das Bestreben, die Männer aus den elysischen Gefilden einer sich nur allmählich ändernden Dauermode zu vertreiben und auf die Wildbahn des ständigen Wechsels zu hetzen. Das könnte auch gelingen.

Für Bewegung in der Herrenmode sorgt eine Handvoll meist italienischer Designer. »Sie attackieren den Markt vom Standpunkt der reinen Mode aus«, schrieb die »International Herald Tribune«. Darin haben sie Erfahrung, denn fast alle beliefern auch die Frauenmode ständig mit neuen Gags.

Tatsächlich ist es diesen Designern schon gelungen, nun auch Männer von der Notwendigkeit einer »Basis-Garderobe«, einer Vielzahl von angeblich absolut notwendigen Kleidungsstücken, zu überzeugen. Nach der Devise »mix and match« sollen die Männer diese Kleidungsstücke nach Geschmack austauschen und mischen.

Danach gehören in den Kleiderschrank des modebewußten Mannes: mehrere Business-Anzüge, darunter unbedingt ein Nadelstreifen. Der Business-Anzug, manchmal mit einem zitronengelben Hemd aufgepeppt, wird neuerdings von jüngeren Männern bevorzugt. »Wer bisher im Armee-Mantel herumlief«, sagt Thomas Friese vom Hamburger »Thomas-i-Punkt«, »macht jetzt auf business look.«

Weiter müssen im Schrank parat hängen: Hosen aus Flanell und Leder, Kaschmir-Sakkos im Glencheck-Muster, Pilotenblousons, Parkas und auch wieder lange Mäntel aus ganz weichen Stoffen. Strickjacken des italienischen Designer-Ehepaars Missoni, die gefütterten Wintermodelle zu rund 2500 Mark das Stück, haben schon den Rang eines Statussymbols erreicht.

Natürlich gehört zu dieser Ausrüstung ein Arsenal von Accessoires - Streifenhemden, Pullover (in Lachs und Rosa für Snobs), Twinsets mit Kringelmuster, bunte Gürtel und grelle Schals. Das meiste davon ist spätestens nach sechs Monaten total unmodern. »Trends verschwinden und kommen so schnell«, sorgt sich das New Yorker Textilblatt »Men's Wear«, »daß niemand - weder Käufer noch Kunden - mehr weiß, wohin es demnächst geht.«

Alan Flusser, Autor des »Insider's Guide to Buying and Wearing Men's Clothes«, warnt schon, daß Männermode zu sehr und »zu schnell wechselt in zu kurzer Zeit«. Selbst der 36jährige New Yorker Dandy, der stets eine gelbe Blume im Knopfloch trage, fühle sich als Opfer der Modemacher, »die jede Saison 'new looks' kreieren, welche sich auffallend von der vorherigen Saison unterscheiden - so wie sie es seit Jahren bei der Frauenmode machen«.

Den obersten Rang in der Designer-Pyramide hält der Mailänder Blazer-König Giorgio Armani, 46. Er ist für die Branche ein Halbgott, dem sie fast blindlings folgt. Er »revolutionierte« innerhalb von fünf Jahren zweimal den Sakko. Erst machte er ihn leicht, ohne steife Einlagen, aus weichem Stoff und oft ganz ohne Futter. Seither brüstet sich die Luxus-Konfektion, wie wenig ihre Sackos wiegen. Der deutsche »Regent« schafft ein Kaschmir-Jackett von 700 Gramm (für 1400 Mark). Das Mode-Magazin »Der Mann« frohlockte: »Ab S.230 in die Kleidersammlung mit den Beton-Sakkos!«

Danach fing Armani an, die Schultern wieder zu wattieren. Damit die Proportionen stimmten, machte er auch Revers, Hemdkragen und Krawatten breiter. Die deutsche Konfektion, technisch top und modisch ein Trabant, kopierte schnell. »Gerade Schultern«, hieß es nun auch bei Boss, »machen jünger.«

Bei Gianni Versace, dem zweiten Mailänder, tummelt sich die Avantgarde. Versace lieferte den schönsten Sommer-Anzug der Saison, einen hellgrauen Leinen-Glencheck, und dazu Hemden im gleichen Muster. Sonst erfindet er hauptsächlich immer neue Hosen. »An einer Jacke«, klagt der 35jährige mit dem schwarzen Stutzbart, könne man wenig anders machen, sie sei »das konservativste Kleidungsstück. Am meisten verändert eine Hose den Look«.

Das ist offenbar auch Karl Lagerfelds Devise: Der deutsche Modemacher in Paris, seit 18 Jahren für »Chloe« und für das Mailänder Pelzhaus »Fendi« tätig, will mit sehr weiten Knickerbockers erstmals auch Mode für Männer machen (nicht zuletzt, um damit sein Männerparfüm zu progagieren).

Besonders kreativ sind die Top-Designer derzeit bei dem, was sie »active wear« nennen - von Kaufhäusern in »Aktiv-Kleidung« eingedeutscht. In dieser Sparte werden für jede Saison neue Abenteurertypen ausstaffiert.

Derzeit sind vor allem Trapper und Trecker das Vorbild für »active wear«; dementsprechend sollen im Winter mit Watte gefütterte Thermo-Hosen den Verkauf anheizen. Aber auch Hochseefischer, Fallschirmspringer und Moto-Crossler sind als Schaufenstertypen für teure Lederblousons gefragt.

Die neue Mischmasch-Mode ermöglichte es den Designern, auch den lukrativen »Zwiebel-Look« von den Frauen auf Männer zu übertragen. Männer sollen nun Blousons über Sakkos, Westen, Pullis und Hemden würgen und sich obendrein noch große Umschlagtücher draufzurren.

Im Einzelhandel heißt die Parole daher: Kombinieren. Die Ausstatter bieten Sakko, Hose, Hemd, Schlips und Gürtel zusammen an und greifen auch gleich ins Regal nach Pullovern.

Das Modemagazin »Der Mann« gerät darob ins Schwärmen: »Karos mit Streifen kombinieren, das sieht einfach umwerfend aus.«

Damit sie jeden Trend auch rechtzeitig erkennen, reisen mittlerweile die Ausstatter wie die Hummeln zu den exklusiven Messen.

Die feinste ist die »Pitti Uomo« in Florenz. Die New Yorker Star-Kolumnistin für Männermode Clara Hancox entzückte sich da »an den mutigen Farben und diesen hinreißenden, trickreichen Details, die so ungeheuer kostspielig sind«. Dennoch, nur 4,8 Prozent des S.231 italienischen Männermode-Exports gehen nach Amerika, 31 Prozent in die Bundesrepublik. »Wir bewundern die Italiener sehr«, gesteht Frau Hancox, »aber um sie zu kaufen, sind sie uns zu exzentrisch.«

Noch elitärer ist die Stoffmesse Ideabiella im Grand Hotel von Stresa am Lago Maggiore. Dort breiten die Stoffkönige ihre Meterware aus; der Deutsche Boss ist - mit 1,7 Millionen Metern Luxusstoffen pro Saison - ihr größter Kunde.

Weil sie hoffen, damit auf jeden Fall richtig zu liegen, kaufen die Männer immer häufiger nach Etikett. Die Ausstatter an der Hamburger Binnenalster und entlang der Düsseldorfer Königsallee heften für die Anzüge und Hemden in den Schaufenstern deutlich sichtbar die Elitemarken an. Die deutschen Konfektionäre schmücken sich mit italienischen Designernamen. Daß diese oft unbekannt sind, stört nicht, Hauptsache es klingt nach italienischem Chic.

Für bekannte Namen sind die Konfektionäre bereit, hohe Lizenzgebühren zu bezahlen. Häufig genug, so berichtete jüngst das »Herrenjournal«, würden dabei »horrende Preise« für Dinge bezahlt, die »einen illustren Namen tragen und die mit Garantie dem illustren Namensgeber nie unter die Augen getreten sind«.

So hütet sich auch Günther Klasing, der schon 1964 für die Bielefelder Firma Windsor die Cardin-Lizenz erwarb, exzentrische Einfälle des Pariser Couturiers nachzunähen. Cardins spitze Pagodenschultern etwa kamen bei Windsor nie vor. Gelegentlich staunt zwar ein Cardin-Abgesandter, »daß Ihre Modelle aber ganz anders aussehen als unsere in Paris«. Doch die Lizenzgebühren aus S.234 Bielefeld schläfern solche Verwunderung bald wieder ein.

Auch mancher Ausstatter führt heimlich sublime Etikettenwalzer auf. So läßt der Mode-Fürst Selbach das Boss-Zeichen mit seinem eigenen Haus-Etikett übernähen. Aber in einem teuren Kaschmirmantel für 2500 Mark läßt er das Italien-Label »Kiton«, in einem plüschgefütterten Trench das Zeichen »by Giorgio Armani« drin. Peek & Cloppenburg hingegen sind stolz, bei einem Kaschmir-Sakko die gute Marke »Boss« vorzeigen zu können.

Alle Top-Designer, Armani, Versace, Cerutti eingeschlossen, bekennen sich zu einem großen Vorbild - dem unverwüstlichen englischen Gentleman. Sosehr sie auch an ihm herumschnippeln, missen wollen sie ihn nicht.

Die englischen Tailors ihrerseits zeigen wenig Neigung, die Designer-Sperenzchen der kontinentalen Herrenmode mitzumachen.

Wenn die italienischen Trendmacher die Schultern polstern, legen die Londoner allenfalls ein paar Gramm Watte zu. Ebenso unauffällig verbreitern sie um ein paar Millimeter die Revers oder kürzen ein paar Zentimeter an den Jacken. Sonst bleiben sie unverbrüchlich bei ihrem »tailored look« - der leicht taillierten Jacke mit den Seitenschlitzen und den engen Ärmeln.

»Der Engländer ist überzeugt«, so formulierte es der illustre Export-Verein »British Menswear Guild«, »daß sein Anzug perfekt ist, und das verleiht ihm absolute Sicherheit.«

Schon das Wort Designer weisen die Gentlemen an der Themse indigniert zurück. »Designer brauchen wir nicht«, betonen die Manager der Konfektionsfirma »Aquascutum«, »die Linie bestimmen die Zuschneider.« Huntsman und Henry Poole von der Maßschneider-Straße Savile Row verkünden: »Wir setzen keinen Modetrend.«

Selbst die Hemdenmacher »Turnbull & Asser«, deren Eckladen an der Jermynstreet das Mekka aller Hemden-Fans ist, schütteln sich nahezu bei dem Wort »fashion« und führen kein einziges Button-down-Hemd - sie setzen zur Zeit auf dreifarbige candy-stripes, Bonbon-Streifen auf weißem Grund. Nur Chester Barrie Ltd., die in Crewe gleich neben der Rolls-Royce-Fabrik ihre Luxus-Konfektion nähen, sind nachsichtiger. »Wir führen die Mode nicht an«, geben sie zu, »aber wir können natürlich auch nicht nachhinken.«

Dafür plündern die Designer schamlos den Fundus britischer Männergarderobe. Derzeit besonders gern kopiert oder variiert werden der »British Warmer« (ein dicker Mantel im Offiziersschnitt aus beigem Whipcord), das dunkelblaue »Reefer-Jacket« (eine Marine-Joppe) und der ewige Trench mit Achselstücken und Gürtel von Aquascutum, von Fans zärtlich »Bogey« genannt, weil Humphrey Bogart ihn immer in seinen Filmen trug.

Den Run auf Designer-Ware verfolgen die englischen Tailors gelassen. Sie warten auf jene Kunden, die sich jetzt mit den italienischen Looks abstrampeln - und irgendwann Bedürfnis nach Dauerhaftem haben werden. »Wenn ein Mann auf einer gewissen Höhe seiner Karriere angekommen ist«, erläutert die »Menswear Guild«, »will er wie ein Englishman aussehen.«

Natürlich wird der Männermode-Boom nicht allein von der Textilbranche gemacht. Er trifft auf das Bedürfnis einer Schicht, für die es plötzlich interessant geworden ist, sich über die eigene Kleidung zu beugen, so wie es für andere (oder dieselben) Männer bis vor kurzem noch schick war, die französische Gastronomie zu entdecken.

»Der Mann will was tun«, meint der Hamburger Thomas Friese, 44, von »Thomas-i-Punkt«. »Da er es nicht mehr mit dem Auto macht und nicht mehr mit dem Tausch von Frauen, versucht er es nun in kleinen Schritten mit der Kleidung.« Friese, der in Hamburg drei Trend-shops besitzt und um den Admiral's Cup segelt, verfolgt nun, wie »für den normalen gestandenen Mann Bekleidung ein Erlebnis wird«.

Der Düsseldorfer Selbach führt seine guten Umsätze mit italienischem Luxus darauf zurück, »daß Männer nun emanzipiert werden«. Einen anderen Grund für den Auftrieb in der Männermode sieht der französische Stylist Gerard Penneroux, der gerade »Monsieur Dior« aufmöbelt. »Es gibt den Männern ein enorm gutes Gefühl«, bemerkt der Pariser, »sich jetzt für teures Geld selber was zu kaufen.«

Denn bis vor kurzem kaufte ein Mann kaum einen Sakko ohne die dominierenden Ratschläge einer Frau. Und Frauen stehen fast bei der gesamten Herrenbranche im Ruf, am Mann das Geld einzusparen, das sie für sich selber ausgeben wollen. »Frauen führen Männer nur dahin«, sagt Ivy Stoll, Chefredakteur von »Der Mann«, »wo es billiger ist.«

Ivy dagegen glaubt, daß »ein Mann mit viel mehr Geschmack auswählt, wenn er selber einkauft«. Ivy: »Das kostet dann allerdings auch mehr.« Deshalb lobt die Zeitschrift »Der Mann« (Untertitel: »Magazin für Mode und Lebensart") einen Mann, der das Preisschild von einem Kaschmir-Pulli abreißt, ehe er nach Hause kommt: »Seine Frau soll ja nicht lesen, sondern mit edler Wolle schmusen.«

Verfehlt wäre, zu glauben, daß Deutschlands Herren demnächst modisch an der Spitze mitmarschierten. Der Slogan des Deutschen Herrenmodeinstituts ("Zieh dich an - Mann!") zielt auf keinerlei Details. Und Kritik gilt nun auch Männern, die es modisch übertreiben. Ivy Stoll meint, das mangelnde modische Feingefühl verführe den Deutschen leicht dazu, »blind mitzumachen, was in der Diskussion ist« - derzeit gelbe Pullover und Polos.

An ein Kleidungsstück aber läßt der deutsche Durchschnittsmann niemanden rühren - seine Hose. Er ist strikt gegen Hosen mit Bundfalten und will seine alten Hosen behalten, die eng auf Schenkel und Hüfte liegen (Fach-Jargon: »Gesäßbetont und kurze Leibhöhe"). »Für einen Deutschen«, hat Günther Klasing erfahren, »ist eine Hose, die oben weit ist, nicht sexy.«

Alle Top-Designer haben unisono ein Ideal - den Fiat-Chef Agnelli. Der trägt S.237 nur graue Flanellanzüge und weiße Seidenhemden. Auch die deutsche Herrenbranche hat einen Helden - den CDU-Politiker Leisler Kiep. Selbach: »Er hat so einen Dressman-Charme.« Den Kampf der beiden makellos gekleideten Kandidaten Leisler Kiep und Klaus von Dohnanyi um den Bürgermeistersessel von Hamburg erklärte »Die Welt« zum »Krieg der Nadelstreifen«.

Die Rangnächsten sind der Bauernführer Heereman, der Fernseh-Unterhalter »Blacki« Fuchsberger und jene erlesene Riege von Walter Scheel bis Wolff von Amerongen, deren Hemdenmanschetten maßgeschneidert drei bis vier Zentimeter aus dem Jackenärmel ragen - damit auch die Manschettenknöpfe ins Blickfeld rücken - und deren Hemdenkragen im Rücken anderthalb Zentimeter aus der Jacke vorstehen.

Westdeutschlands politische Elite steht im Bundestag unverdrossen grau in grau. Nur der Abgeordnete Philip Rosenthal leuchtet gelegentlich mit einem giftgrünen oder apfelsinenfarbigen Schlips vor dunkler Hemdenbrust. Rosenthal verachtet die typischen Ausstatter-Kombinationen als »Fertig-Menüs« und erklärt: »Sich selber alles zu mixen, das ist Kleiderspaß.«

In Frankreich bemächtigte sich die Mode des neuen Staatsoberhauptes. Im Wahlkampf ließ Mitterrands PR-Berater das Image seines Kandidaten vom Stylisten Marcel Lassance »entstauben und verjüngen«. Der verpaßte Mitterrand 30 neue Anzüge - die Schultern wattiert, die Hosen mit Bundfalten, niedrige Hemdenkragen für seinen dicken Hals -, und »Vogue Hommes« photographierte alles sofort ab. »Früher hatte er was von einem Fuchs an sich«, lobte der Stylist danach das Werk, »jetzt haben wir einen Schäfer aus ihm gemacht.«

Als Lech Walesa im Herbst - kurz vor seiner Verhaftung - in Paris seine Gewerkschaftsfreunde besuchte, ließ ihn das Rechts-Magazin »Paris-Match« ebenfalls beim neuen Mitterrand-Schneider Marcel Lassance einkleiden. Da ließ sich auch Cardin nicht lumpen. Er stiftete dem Polen ebenfalls Anzug, Hemd und Krawatte - was den linken »Matin« zu dem Apercu vom »bestgekleideten Arbeiter der Welt« veranlaßte.

Natürlich erkennt die Branche, daß die Designer das Geschäft stimulieren. »Sie wissen, daß sie den Createur brauchen«, erklärte hochmütig Pierre Cardin, »weil sonst ihr Umsatz einschläft.« Die Branche weiß aber auch, daß Männer sich zum modischen Dressurakt nicht so gut eignen wie Frauen.

»Männer fürchten sich davor, anders auszusehen«, meint der Amerikaner Jeff Sayre, der in Paris rustikale Sakkos aus irischem Tweed näht. »Frauen haben in der Mode Sinn fürs Theater.«

Für den »Point« ist es das Hauptanliegen der Männer, ja nicht aufzufallen. »Sie fürchten die Meinung ihres Direktors, wenn sie Angestellte sind, und die Meinung ihrer Angestellten, wenn sie Direktor sind.«

Ob die Designer in der Männermode noch weiter aufdrehen, ist nicht sicher. Um den Markt nicht zu erschrecken, senden sie neuerdings sanfte Botschaften aus. »Die Neuheiten in den letzten Jahren, S.238 das war genug«, erklärte Armani. Gerard Penneroux mahnt: »Der Mann muß erst mal verdauen, was wir jetzt machen.«

Wie sehr die Designer von ihren eigenen Schöpfungen selber überzeugt sind, kann man ihnen jedenfalls nicht ansehen.

Armani trägt bei der Arbeit meist blaue T-Shirts zu Jeans und zum Ausgehen immer nur einen Blazer. Der Römer Valentino, der gerade für Männer Twinsets mit knalligen Inka-Mustern vertreibt, begnügt sich »mit einem schönen Schlips, einem seidenen Einstecktuch, das ist genug«. Valentino: »Keinerlei Extravaganzen, die hasse ich.« Und Pierre Cardin zieht, »wenn mir eine Krawatte gefällt, monatelang ein und dieselbe an«.

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