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»Es fehlt das Gefühl für die Großstadt«

Die West-Berliner »Internationale Bauausstellung« (IBA) steht vor der Pleite - städtebaulich und finanziell. Gutachter urteilten vernichtend über die bisherigen IBA-Planungen und -Entwürfe. Wirtschaftsprüfer monierten Verschwendung - ein Nachschlag von 3,2 Millionen Mark ist nötig, um den Konkurs fürs erste abzuwenden.
aus DER SPIEGEL 46/1981

Bonner und Berliner waren guter Hoffnung, als sie zur Vorbereitung einer »Internationalen Bauausstellung Berlin 1984« (IBA) vor mehr als zwei Jahren eigens eine Planungsgesellschaft gegründet hatten: die »Bauausstellung Berlin GmbH«.

Das Büro der Gesellschaft wurde mit einer halben Hundertschaft ausgesuchter Architekten und Planer besetzt. Ihrer harrte eine große Aufgabe: Sie sollten, unabhängig vom Behördenapparat und mit einer zu erwartenden Investitionssumme von drei Milliarden Mark, exemplarische Pläne zur Sanierung der West-Berliner Innenstadt entwickeln.

Ende Oktober gab es für den Senat ein böses Erwachen: Die Elite-GmbH entpuppte sich, gleich in zweifacher Hinsicht, selber als Sanierungsobjekt:

* Wirtschaftsprüfer kontrollierten die Kassen der Gesellschaft und konstatierten: reif zum Konkurs. Bereits am 31. Juli hatte die GmbH ihren Etat 1981 in Höhe von 12,66 Millionen Mark um mehr als 3,4 Millionen überzogen.

* Sachverständige untersuchten die Vorschläge der IBA-Planer für den Stadtumbau und kamen zu dem fast einhelligen Urteil: Murks. Die zweijährige Planung erwies sich als wirklichkeitsfremde Reißbrettspielerei.

Als Hauptschuldige an der zweifachen Pleite gelten die Planungsdirektoren und Geschäftsführer der IBA, die Architekten Josef Paul Kleihues und Hardt-Waltherr Hämer. Vor allem im Zuständigkeitsbereich von Kleihues, bei den Neubauprojekten, steht das Planungsresultat offenbar in krassem Widerspruch zum verschwenderischen Aufwand.

West-Berlins neuer Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz, der 37jährige Jurist Volker Hassemer, war denn auch nicht bereit, sich ohne weiteres mit der Hinterlassenschaft aus der Ära des IBA-Erfinders Harry Ristock abzufinden. Nicht ungeprüft will er den Berlinern und ihrer geschundenen Stadt zumuten, was Kleihues und Kollegen sich als »City-Band« zwischen Kreuzberg und Tiergarten ausgedacht hatten (SPIEGEL 37/1981).

Hassemer brachte, wie er betonte, die IBA »überhaupt erst mal nach Berlin": Er machte die Planung öffentlich. Im Reichstagsgebäude veranstaltete er ein mehrtägiges Hearing. Über 30 Experten für Grünes und Verkehr, Kultur und Stadtgeschichte, Finanzen und Bevölkerungsstruktur sowie Vertreter der betroffenen Bezirke referierten vor einem Gutachter-Gremium.

Die Anhörung wurde zum Tribunal. Dem Planverfasser wurden mangelnde S.238 Ortskenntnisse vorgehalten, ein Berliner Architekt vermißte das »Gefühl für eine Großstadt«. Der Entwurf eines bewohnten Boulevards an einer Hochleistungsstraße mit durchschnittlich 2600 Fahrzeugen in der Stunde wurde »unverantwortlich« genannt. Resümee: Kleihues praktiziere nicht Städtebau, sondern »Stadt-Design«.

Die Planungsbeauftragten der Bezirksämter kamen sich angesichts der Kleihues-Pläne vor wie auf einem anderen Stern: Sie hatten den »Gesamtplan« mitsamt seinen »7 essentials« - wie der Verlegung einer Markthalle oder der Verhinderung eines Straßendurchbruchs - bis dahin noch nie gesehen.

Sie beklagten das Fehlen jeglicher Koordinierung: Niemand wisse, welche Bebauungspläne aufgrund der IBA-Entwürfe notwendig würden. Sie prophezeiten ein »Fiasko": Für eingeplante Fernheizungen beispielsweise müßten doch beizeiten Straßen aufgerissen werden.

Schwer wog auch ein Vorwurf von Ökologen: Kleihues ignoriere die Notwendigkeit von Grünzügen. Die idyllischen Ufer des Landwehrkanals wolle er mit Abgasen verpesten. Sogar IBA-eigene Grünpläne habe er »überhaupt nicht zur Kenntnis genommen«. Der Architekt sei wohl kein Planer und habe »nur Architektur« im Kopf.

Doch auch die Architektur ist heftig umstritten. Bruno Zevi, Chefredakteur des italienischen Fachblatts »L''architettura«, meldete sich aus Rom mit einem in fünf Sprachen abgedruckten offenen Brief, in dem er nicht nur die »skandalösen« Wettbewerbspraktiken der IBA anprangerte, sondern auch die Ergebnisse von rund 30 Wettbewerben verriß.

Die von Kleihues berufenen IBA-Juroren hätten Gebäude prämiiert, »die wie Gefängnisse, Kasernen oder Irrenhäuser« aussähen: »anonym« und »reaktionär«, zwischen »eiskaltem Akademismus« und »Bauernstil« angesiedelt - »trostlose, nekrophile Kästen«.

Sogar einfachste Voraussetzungen für menschenwürdigen Wohnungsbau vermissen Kritiker bei den Kleihues-Entwürfen. So erlaubte sich der Architekt Günther Kühne im West-Berliner »Tagesspiegel« die Frage an den selbstbewußten Bau-Professor: »Schon mal was vom Sonneneinfallswinkel gehört?«

Kleihues adelt sein Schaffen gern mit dem Begriff »ästhetische Überhöhung«; doch die Vertreter der Wohnungsbau-Kreditanstalt (WBK) konstatierten zuerst einmal eine Überhöhung der Kosten: IBA-Wohnungen seien rund 30 Prozent teurer als vergleichbare Behausungen an gleicher Stelle. Gründe: Vor- und Rücksprünge an den Fassaden, aufwendige Fenstergestaltung, unrationelle Grundrisse, Tiefgaragen.

Bei den Ideenwettbewerben der IBA, so der Vorwurf der WBK, ließen Teilnehmer wie Juroren die Wirtschaftlichkeit außer acht.

Kleihues wird nicht müde, den »Vorwurf, daß wir zu teuer geplant« hätten, »schlechterdings eine Lüge« zu nennen - so am 2. Oktober in der ZDF-Sendung »Aspekte«. Noch 13 Tage nach Abschluß der Buchprüfung bei der IBA verwies er, anläßlich einer Grundsteinlegung, von neuem auf seinen »Grundsatz einer an Sparsamkeit orientierten Architektur«.

Doch die Wirtschaftsprüfer von der Wibera AG bewerteten Soll und Haben bei der IBA anders. Ihr »Bericht über die Sonderprüfung bei der Bauausstellung Berlin GmbH«, von Bausenator Rastemborski einstweilen unter Verschluß gehalten, dokumentiert eine gehörige Portion Schlamperei.

»Wegen der Art der (vorgefundenen) Unterlagen« seien genaue Feststellungen »nicht möglich«, monierten die Prüfer. So bestünden »keine einwandfreien Aufzeichnungen darüber, wieweit über die einzelnen Wirtschaftsplanpositionen verfügt wurde«.

»Verstöße gegen wesentliche Punkte der Allgemeinen Bewirtschaftungsgrundsätze«, so das Fazit der Prüfer, seien der IBA-Geschäftsführung anzulasten - »kein Kavaliersdelikt« (Rastemborski vor der Berliner Presse).

Um Millionenbeträge wurden die Planungsetats überschritten, beispielsweise der Posten »Wettbewerbe des Bereichs Stadtneubau« um 1,047 Millionen Mark im Jahre 1980. Und allein bei dieser Position ("Preisgelder, Preisgerichte u. a.") ist die IBA derzeit noch mit 1,4 Millionen Mark im Zahlungsrückstand.

Für eine Wanderausstellung von Entwürfen waren im Wirtschaftsplan 105 000 Mark angesetzt, dazu für Kataloge 85 000 Mark. Nach erster Grobrechnung entstanden tatsächliche Gesamtkosten in Höhe von 760 000 Mark.

Auch ihren Jahresetat an Bewirtungsspesen in Höhe von 40 000 Mark ("der laut ausdrücklichem Hinweis im Wirtschaftsplan nicht überschritten werden darf") hatte die Geschäftsführung schon am 31. Juli um 4858,33 Mark überzogen. Nicht immer fanden sich auf den Belegen Namen und Anzahl der bewirteten Personen.

Bewirtet wurde, mit Steuergeldern, oft fürstlich. Während der Aufsichtsrat S.240 bei seinen Sitzungen brav Brötchen vom Pappteller kaut, ließ Kleihues für die Beratungen der Preisrichter von der Feinkostküche Nöthling auffahren.

Wie ruppig wirtschaftliche Probleme bei der IBA behandelt wurden, verrät ein »Protokoll« über eine Geschäftsführer-Sitzung am 28. April 1981: »Prokurist Pramel weist auf die angespannte Finanzlage hin und fordert Einsparungen im Bereich Wettbewerbe bei Stadtneubau. Professor Kleihues verläßt die Sitzung; daher keine Beschlüsse.«

Ausgerechnet am »Weltspartag«, am Freitag vorletzter Woche, genehmigte der Aufsichtsrat der IBA einen Nachschlag für aufgelaufene Rechnungen von 3,2 Millionen Mark - nur so läßt sich der Konkurs abwenden.

Die angekündigten »personellen Konsequenzen« hielten sich in Grenzen. Der bisherige kaufmännische Geschäftsführer Hans-Joachim Knipp kehrt in die Bauverwaltung zurück; er wird durch den Leitenden Baudirektor Jürgen Nottmeyer ersetzt (der den Milliarden-Bau des Kongreßzentrums ICC betreute).

Kleihues und Hämer wurden »aus der kaufmännischen Verantwortung entlassen« und »auf die Planung zurückverwiesen«, behalten aber ihre Titel als Geschäftsführer der GmbH.

Es war, wie so oft in West-Berlin, »eine politische Entscheidung« und, laut Rastemborski, »nach Lage der Dinge die einzig sich anbietende Möglichkeit«.

Der Senator glaubt auf die Dienste der maroden GmbH nicht verzichten zu können, wenn er den Berlinern bis zu den nächsten Wahlen im Jahre 1985 Gebautes bieten will. Er hat sich auf das Ausstellungsjahr 1984 festgelegt und will dabei »keine Blamage erleben«.

Deshalb hofft er, daß die Parlamentsausschüsse in Bonn und Berlin den Nachschlag für die IBA »rasch« genehmigen. Deshalb will er Flächennutzungs- und Bebauungspläne »beschleunigt« bearbeiten lassen. Deshalb drängt er schließlich auch seinen Kollegen Hassemer, das Gutachter-Verfahren über die IBA-Planung »kurzfristig einer endgültigen Klarheit zuzuführen«.

Doch Hassemer läßt sich bei der Festlegung seiner Stadtentwicklungspolitik auch vom Parteifreund nicht drängen. Für diese Woche hat er ein Symposion mit Vertretern von Fachverbänden angesetzt. Mitte Dezember erwartet er die Expertisen der Gutachter. Danach sind »die politischen Entscheidungsgremien an der Reihe«. »Auf dem Boden dieser Entscheidungen« werde die IBA »arbeiten müssen und können«.

Bis dahin scheint dem Senator Rastemborski und seinem Planer Kleihues offenbar jede Baugrube recht, um IBA-Aktivitäten zu simulieren. Ende letzten Monats trafen sie sich bei der Grundsteinlegung für ein Wohnbauvorhaben, das der Immobilien-Hecht Karsten Klingbeil an der Mauer in Kreuzberg betreibt.

Der Namensgeber der Unternehmensgruppe Klingbeil (54 Gesellschaften) genießt in der Bau- und Finanzbranche den Ruf eines Abschreibungskünstlers und spendablen Geschäftspartners (SPIEGEL 6/1977). Den Bauauftrag für ein Frankfurter Flughafen-Hotel honorierte er mit einer Millionenspende für die hessische SPD. Der CDU-Politiker Peter Lorenz trug bei seiner Entführung einen mit »Klingbeil« gezeichneten Scheck über 10 000 Mark bei sich.

Eine »städtebauliche Katastrophe« ("Tagesspiegel") richtete Klingbeil mit der Wohnüberbauung des Sportpalast-Geländes und eines Großbunkers in Berlin-Schöneberg an. Spitzname der Anlage: »Sozialpalast«.

Bei der Kreuzberger Grundsteinlegung dankte Rastemborski dem Unternehmer für »gewolltes politisches Handeln« und die »Investitionsbereitschaft privaten Kapitals«. Kleihues verlieh dem Abschreibungsobjekt (Steuervorteile für Investoren: 171 Prozent) das IBA-Emblem und deklarierte es als »Voraus-Projekt«. S.242 Dabei wird der ursprünglich kleeblattförmig gedachte Komplex durch die IBA-Planung eher beeinträchtigt: Weil Kleihues in direkter Nachbarschaft ein Spital ansiedeln will, bleibt vom geplanten Kleeblatt nur ein Torso.

Doch in einem essentiellen Punkt gebührt dem Vorhaben schon IBA-Würde - es ist teuer. Durchschnittliche Baukosten pro Quadratmeter Sozialwohnfläche: über 4000 Mark.

S.235Für Wohnblocks am Checkpoint Charlie, von dem Italiener Aldo Rossi(l.) und dem Amerikaner Peter Eisenman.*S.238Oben: bei einer Stadtrundfahrt der IBA-Gutachter;*unten: bei der Grundsteinlegung für den Klingbeil-Bau.*

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