Margarete Stokowski

Verschärfte Abtreibungsgesetze Sie hätte gerettet werden können

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
In Polen haben die Abtreibungsgesetze jetzt vermutlich zum Tod einer Frau geführt. Wenn Sie jetzt denken, das geht Sie nichts an, weil es weit weg ist: Auch in Deutschland ist die Situation nicht gut.
Bild von verstorbener Izabela bei einer Demo: Es gibt einen Krieg gegen Menschen mit Uterus

Bild von verstorbener Izabela bei einer Demo: Es gibt einen Krieg gegen Menschen mit Uterus

Foto: NurPhoto / Getty Images

Je härter Abtreibung kriminalisiert wird, desto mehr gelten Schwangere nur als Gefäß für ein potenzielles Kind. In Polen protestieren zurzeit Zehntausende gegen das Abtreibungsgesetz, das Schwangerschaftsabbrüche nahezu vollständig verbietet und nun vermutlich zum ersten Mal zum Tod einer Frau geführt hat: Die 30-jährige Izabela war in der 22. Schwangerschaftswoche, als sich zeigte, dass ihr Fötus keine Überlebenschancen hat. Die Ärzte warteten, bis der Fötus selbst starb, statt ihn zu entfernen. Izabela starb an einem septischen Schock auf dem Weg in den Operationssaal, wo der Leichnam aus ihrem Uterus entfernt werden sollte.

Sie hätte gerettet werden können. Sie könnte noch leben, sie könnte jetzt ihre Fehlgeburt betrauern, und ihr erstes Kind hätte noch eine Mutter – wenn die zuständigen Ärzte ihr ein Recht auf Leben und Gesundheit zugestanden hätten.

Der Direktor des Krankenhauses, in dem sie Izabela sterben ließen, sagte in einem Fernsehinterview, im Moment der Krankenhausaufnahme sei die Situation nicht so kritisch gewesen, als dass man »irgendwelche hysterischen Handlungen« hätte vornehmen müssen. In Nachrichten an ihre Mutter schrieb Izabela: »Das Kind wiegt 485 Gramm. Dank des Abtreibungsgesetzes muss ich erst mal liegen bleiben. Und ich kann nichts tun. Sie warten, bis es stirbt oder etwas anfängt [d.h., eine Geburt] und wenn nicht, kann ich mit einer Sepsis rechnen.« Kurze Zeit später war sie tot.

Die zuständigen Ärzte sind nun suspendiert worden, die Staatsanwaltschaft ermittelt, denn bei akuter Lebensgefahr für die Schwangere müssen Ärzte auch in Polen eigentlich handeln. Aber das kann nichts daran ändern, dass Polen zu einem Schurkenstaat geworden ist, der sich an einem Krieg gegen Menschen mit Uterus beteiligt: »Es gibt einen Krieg gegen meinen Körper und einen Krieg gegen meine Rechte«, so drückte es Paxton Smith, eine 18-jährige Highschool-Absolventin in Texas, vor einigen Monaten aus, als sie ihre Abschlussrede dafür nutzte, die Abtreibungsgesetze in ihrem Land zu kritisieren.

Es ist ein Krieg, in dem die Rechte eines Embryos oder Fötus mehr zählen als die Rechte der Schwangeren. Selbst wenn es wie im Fall von Izabela keine Chance gibt, dass ein lebensfähiges Kind geboren wird.

Ein Politiker der polnischen Regierungspartei PiS, Marek Suski, kommentierte den Tod der Frau mit den Worten: »Menschen sterben, das ist Biologie.« Es sei eben leider so, dass Frauen bei Geburten manchmal sterben. Die zynische und verlogene Leichtigkeit, mit der hier der Tod einer Frau kommentiert wird, die noch leben könnte, steht in extremem Gegensatz zu dem Anspruch von Abtreibungsgegner*innen, die sich gern »Lebensschützer« oder »pro life« nennen. Wobei ihnen aber das bereits geborene Leben – nämlich die Schwangere – vollständig egal ist.

Polen ist für viele Deutsche nur das leicht rückständige, kurios katholische Land, aus dem die günstigen Pflege- und Reinigungskräfte kommen, aber was in Polen gerade mit Frauen- und LGBTQI-Rechten passiert, ist eine reale Hölle, die nicht so weit entfernt ist – weder geografisch noch politisch. Und je weniger ein Staat sich um die Rechte von Schwangeren kümmert, je mehr Gesetze es gibt, die Schwangerschaftsabbrüche erschweren, desto mehr werden diejenigen bestärkt, die solche Abbrüche als »Kindesmord« sehen .

Eine grundlegende Gesundheitsversorgung ist nicht mehr sichergestellt

Man kann lange, wahrscheinlich unendlich lange, darüber streiten, bis zu welcher Schwangerschaftswoche Abtreibungen unkompliziert möglich sein sollten. Aber diese Frage sollte nicht davon ablenken, dass die Kriminalisierung von Abtreibungen erstens Menschenleben kosten kann und zweitens auch eine Gefahr für diejenigen Schwangeren ist, die das Kind eigentlich austragen wollen, wie im Fall von Izabela.

Auch in Deutschland wird es für Schwangere, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollen oder müssen, immer schwerer. Es gibt Regionen, in denen es für Schwangere sehr schwierig ist, einen Termin für einen Abbruch zu bekommen, auch weil Ärztinnen und Ärzte sich zum Teil nicht auf die Liste derjenigen setzen lassen, die abtreiben, weil sie Angst vor Angriffen von Abtreibungsgegner*innen haben müssen. Dazu kommt das »Werbeverbot«, dass es Ärztinnen und Ärzten verbietet, über Abtreibungen öffentlich zu informieren.

Die Ärztin Alicia Baier wurde vor Kurzem angezeigt, weil sie in einem Interview über Methoden des Schwangerschaftsabbruchs  gesprochen hatte. Das Verfahren wurde zwar eingestellt, aber Baier spricht dennoch von einer »neuen Eskalationsstufe« : »Menschen, die sich im Bereich reproduktiver Rechte engagieren, sollen mundtot gemacht werden.« Wenn Abtreibung immer schwieriger wird, bedeutet das, dass für Menschen, die schwanger sind oder werden könnten, eine grundlegende Gesundheitsversorgung nicht mehr sichergestellt ist. Teresa Bücker  schrieb dazu auf Twitter: »Kleiner Reminder, dass eine Impfpflicht gerade als zu großer Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung bezeichnet wird, während § 218 StGB eine Austragungspflicht für Schwangerschaften enthält, die manche, u.a. die FDP, als guten gesellschaftlichen Kompromiss einstufen.«

Und während all diese Dinge passieren, schreiben Journalist*innen immer noch die Propaganda der Abtreibungsgegner*innen fort. In einem Text der Deutschen Welle  zu dem Fall in Polen hieß es: »Radikale Lebensschützer lassen nicht locker. Die Stiftung Pro Prawo do życia (Pro Recht auf Leben) hat soeben einen noch radikaleren Gesetzentwurf dem Parlament zugeleitet. Danach soll jede Abtreibung wie Kindestötung betrachtet und mit Gefängnisstrafen bis zu 25 Jahren geahndet werden.« Fällt da was auf? Die Bezeichnung »radikale Lebensschützer« wird verwendet, als sei sie nicht eine völlig absurde ideologische Verdrehung – in der Berichterstattung zum Tod einer Schwangeren.

Die Autorin Sibel Schick  schrieb vor Kurzem über ihre ungewollte Schwangerschaft, die sie abbrechen wollte: Als sie schon einen Termin für die Pflichtberatung ausgemacht hatte, die in Deutschland vor jeder Abtreibung steht, bekam sie plötzlich gesundheitliche Probleme und musste ins Krankenhaus: Eine beidseitige Lungenarterienembolie, wie sich später herausstellte: »Als meine ungewollte Schwangerschaft wenige Tage vor meiner Konfliktberatung eine beidseitige Lungenarterienembolie auslöste und ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wollten mich die Mediziner*innen nicht per Strahlung untersuchen. Das lag daran, dass sie kein Risiko eingehen wollten, nachträglich verklagt zu werden.«

Eine Pflegerin, die ihr Blut abnehmen wollte, habe gesagt, sie müsse sicherstellen, dass es »der Mama und dem Kind« gut gehe. Sie hätte sterben können, schreibt Schick. Eine Lungenembolie kann tödlich enden. Sie hätte sie vielleicht nicht bekommen, wenn sie schneller hätte abtreiben können. Und sie wäre schneller behandelt worden, wenn ihre Entscheidung zu einem Schwangerschaftsabbruch ernst genommen worden wäre. »Die Paragrafen, die Schwangerschaftsabbrüche und den Zugang zu Informationen kriminalisieren, müssen weg, damit wir leben können«, schreibt sie. Polen ist nicht so weit entfernt.

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