Zur Ausgabe
Artikel 55 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Es ist etwas im Gange in der DDR«

SPIEGEL-Interview mit dem DDR-Filmregisseur Konrad Wolf
aus DER SPIEGEL 15/1980

SPIEGEL: Noch nie ist ein DDR-Film so groß in der Bundesrepublik gestartet worden. Wie erklären Sie sich das?

WOLF: Da müssen Sie schon die Herren fragen, die sich für den Film interessieren. Vielleicht weil der Film bei uns in der DDR eine sehr beachtliche Resonanz und während der Berlinale ein interessiertes und aufgeschlossenes Publikum gefunden hat.

SPIEGEL: Befürchten Sie eine falsche Rezeption des Films? Was könnte das hiesige Publikum mißverstehen?

WOLF: Eine falsche Rezeption fürchte ich nicht, vorausgesetzt, daß die Zuschauer nicht falsch programmiert werden. Schon während der Berlinale wurde der Film ja als Komödie angekündigt und wurde dann von einigen Rezensenten, wenn auch nicht unwidersprochen, als belangloser Unterhaltungsfilm disqualifiziert. Mir scheint, daß der Begriff der Unterhaltung oder die Tatsache, daß ein Film beim Publikum sehr gut ankommt, für manche schon etwas Diskriminierendes hat und man den gesellschaftlich engagierten und ernstzunehmenden Inhalt des Films geflissentlich unter den Tisch fallen lassen will. Aber ich vertraue auf die ganz naive und unmittelbare Aufnahmefähigkeit des Publikums, das sich vielleicht nicht so ohne weiteres beeinflussen läßt.

SPIEGEL: Ist in der DDR sehr anders über »Solo Sunny« geschrieben worden?

WOLF: Zumindest kam keiner auf die Idee, diesen Film als reine Komödie zu bezeichnen. Im Kino International in Berlin läuft er schon seit 10 Wochen ausverkauft, und das ist, zumindest für unsere Verhältnisse, fast sensationell. Daß man daraus aber schlußfolgern kann: Da hat sich der ansonsten auf dem hohen Thron sitzende Wolf mal herunterbegeben in die Tiefen des »billigen Publikumsgeschmacks« und versucht, durch die Hintertür sein gegenwartsbezogenes soziales Engagement durchzubringen -- auf solche Ideen ist man in der Tat nicht gekommen.

SPIEGEL: Verwundert es Sie, daß auch Springer-Zeitungen den Film überdurchschnittlich positiv bewerten?

WOLF: Gott, es fällt mir schon ein bißchen schwer, in die Köpfe und die Seelen dieser Leute einzudringen. Ich nehme das einfach mit leichtem Staunen hin, und damit hat es sich. Abgesehen davon, daß man natürlich gerade von dieser Seite aus versuchte, den Film herunterzuspielen.

SPIEGEL: Im Sinne jener Verharmlosung zur Komödie?

WOLF: Ja.

SPIEGEL: Worin liegt für Sie die programmatische Bedeutung der Titelfigur?

WOLF: »Programmatisch«, das widerstrebt mir, weil man damit in einen einzigen Film mit einer ganz bestimmten Geschichte gleich etwas hineininterpretiert, was er gar nicht tragen kann. Ich glaube, man sollte das etwas bescheidener und einfacher sehen. Ich sehe in dem Anspruch, den Sunny an sich und ihre Umwelt stellt, den Versuch, eigene Vorstellungen vom Leben und von ihrem Platz in diesem Leben durchzusetzen. Ich möchte doch etwas S.233 gar nicht so Neues, vielleicht auch gar nicht so Unbescheidenes, nämlich die Zuschauer und die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte aufmerksam zu machen, daß ohne die bewußte, behutsame, geduldige Förderung der Individualität des Menschen und seines Anspruchs auf Verwirklichung die Gesellschaft als Ganzes nicht funktionieren kann.

SPIEGEL: Jede Gesellschaft?

WOLF: Ja, Sie haben recht, jede Gesellschaft. Bloß ich glaube, die verschiedenen Gesellschaftssysteme geben den Menschen und der Entfaltung seiner Individualität unterschiedliche Chancen. Da besteht ganz objektiv keine Chancengleichheit. Ich glaube fest daran, daß allein der Sozialismus in der Lage ist, dieses Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, mag es noch so gespannt sein, zum gegenseitigen Nutzen zu führen, ja zu einer gewissen Harmonisierung. Wobei mir klar ist, daß das ein langer, schwieriger, manchmal auch steiniger Weg ist.

SPIEGEL: Ist es richtig, wie im Westen geschrieben wurde, daß Sunny wohl eher am Rande der heutigen DDR-Gesellschaft lebt?

WOLF: Nein, die lebt inmitten der DDR-Gesellschaft. Wissen Sie: Mitte und Rand, das sollte man Geographen überlassen, im besten Fall Soziologen, die vielleicht gerade noch berechtigt sind, vom Insider und Außenseiter, von Rand und Mitte zu reden. Ich lehne das ab. Es gibt für mich im Leben keine Randbezirke, Zwischenbezirke, Mittelbezirke. Es gibt für mich keine wichtigen Menschen, weniger wichtige oder gar unwichtige Menschen.

SPIEGEL: Man hat in der DDR-Presse wie in der westlichen Presse den neuen realistischen Zugriff Ihres Films auf die DDR-Wirklichkeit herausgestellt. Sehen Sie einen Unterschied darin zu zwei Filmen aus der DDR, die auch hier in den Kinos liefen, »Die Legende von Paul und Paula« oder »Das Versteck«?

WOLF: Ich sehe da keinen sehr wesentlichen Unterschied. »Paul und Paula« von Plenzdorf und Carow hat schon eine große Bedeutung in der Entwicklung der DEFA-Filme der letzten Jahre. Ich glaube, er hat eine Bresche geschlagen in der Zuwendung zur Wirklichkeit, zu der Wahrheit des Lebens. Aber auch in ästhetischer Hinsicht, indem er das Heitere, das Komische in unmittelbaren Kontext stellt zum Tragischen, Traurigen; indem er schließlich auch die Form der Legende, also eine poetische Form wählt.

Das alles setzte sich fort, unter anderem im »Versteck«, aber auch in einer ganzen Reihe anderer Filme, die jetzt herausgekommen sind. »Solo Sunny« steht da nicht allein. Filme entstehen immer in einem Umfeld, in einem Klima. Und jetzt bitte bezeichnen Sie mich nicht als Mystiker, wenn ich sage, daß ein Film wie »Solo Sunny« nicht hätte entstehen können ohne ein ganz bestimmtes gesellschaftliches, politisches Klima bei uns, das einen solchen Film nicht nur ermöglicht, sondern eigentlich zwingend herausfordert.

SPIEGEL: Was hat sich denn am Klima in der DDR verändert, das diesen Film mitbewirkt haben könnte?

WOLF: Eine ehrlichere, offenere Auseinandersetzung mit Alltagsproblemen der Leute, die in unserem Land leben. Ich meine das sozialpolitische Programm, das auf den letzten beiden Parteitagen beschlossen wurde, den enormen Wachstum im Wohnungsbau zum Beispiel oder Fortschritte in der Situation der Frau. Und dazu gehört auch die ganze Seite der moralisch-ethischsittlichen Entwicklung. In diesem großen Feld, das natürlich noch voller ungelöster Fragen und Probleme ist, entwickelt S.236 sich, wie mir scheint, ein neues, günstiges Klima. Es ist etwas im Gange, und es hat mich schon überrascht, inwieweit ein Film doch eine solche gesellschaftliche Wirkung, eine gesellschaftliche Bewegung -- ich will jetzt nicht sagen: lösen, aber auslösen und beeinflussen kann. Das ist in der Tat bei uns mit diesem Film eingetreten: immer neue Diskussionen, Gespräche, Versammlungen, Debatten und ungewöhnlich viele Leserbriefe, meistens sehr kontroverser Art.

SPIEGEL: Nun offeriert Ihr Film ja auch Zündstoff. Er zeigt keine heile Gesellschaft. Der Saxophonist in Sunnys Band ist ein aggressiver Macho, der »Diplomphilosoph« ist egoistisch und gefühlsarm, der Taxifahrer ein gutherziger Wohlstands-Depp, die Nachbarin eine Denunziantin. Sie zeigen keineswegs sympathische Identifikationsfiguren.

WOLF: Jetzt gleichen Sie manchen Kritikern bei uns, die geflissentlich die Dialektik, die Widersprüchlichkeit der Figuren übersehen. Wir wollten bewußt nicht wieder zu bekannten stereotypen Klischeefiguren zurückkehren. In jeder dieser Figuren stecken negative Haltungen, Charakterzüge, die Sie eben genannt haben, aber auch andere, positive, gesellschaftlich achtenswerte Züge.

Der Philosoph etwa lehnt eine bestimmte Wohlstands-Lebenshaltung ab, wenn auch mit einem kleinen Schuß von Snobismus. Der Taxifahrer hat nun mal seine Vorstellung von Glück, die er mit einer rührenden Beharrlichkeit umzusetzen versucht; nicht alle Menschen können nur so vor Geist und kulturellem Anspruch triefen. Ich weiß auch nicht, ob man so einfach übersehen kann, daß der Saxophonist zwar ausgebrannt ist, aber doch noch versucht, sich irgendwo an eine Glücksmöglichkeit festzuklammern. Daß solch ein Mensch auch andere, vielleicht achtenswerte Eigenschaften hat, das irritiert manche Zuschauer, die nur Klischeefiguren gewohnt sind ...

SPIEGEL: Diese emotionale Dialektik der Figuren funktioniert durchaus. Einmal aber operiert der Film doch am Rande der Denunziation, nämlich wenn eine Arbeiterin der Heldin etwas vorkrakeelt und glaubt, sie könne auch Sängerin werden. Wird die nicht etwas unmenschlich dem Gelächter preisgegeben?

WOLF: In der kategorischen Schärfe, wie Sie das sehen, glaube ich nicht. Man sollte auch nicht alles so tierisch ernst nehmen.

SPIEGEL: Warum ist der Film ein Jahr nach Fertigstellung liegengeblieben?

WOLF: Ein halbes Jahr. Ich weiß, daß es manche Spekulationen und Vermutungen gab, aber es waren simple Erwägungen der Spielplanpolitik. Ich habe dagegen auch etwas moniert, weil man ja möchte, daß ein fertiger Film möglichst bald auf die Leinwand kommt. Aber unsere Verleih-Strategen hielten es für besser, »Solo Sunny« als Auftaktfilm für das Jahr 80 zu starten.

SPIEGEL: Sehen Sie im Start Ihres Films in Westdeutschland eine neue Chance, sich miteinander zu beschäftigen?

WOLF: Na ja, das wird sich zeigen. Ich habe da keine übertriebenen Erwartungen, ich sehe das vielleicht etwas einfacher: daß die Zuschauer in der Bundesrepublik die Möglichkeit haben, einen Einblick zu bekommen in bestimmte Lebenssituationen und Probleme bei uns. Das dient der Verständigung, gewiß. Der Verständigung in einer Situation, in der in einem erschreckenden Maße Mißtrauen und sogar wieder Haß geschürt werden. Mit dem, was sich seit einigen Monaten abspielt, habe ich so meine Erfahrungen aus früheren Jahren: diese Psychose, diese Hysterie des Antikommunismus und die Stimmungsmache gegen die Sowjet-Union. Das kann man von welcher politischen Position auch immer beurteilen -- das führt zu nichts Gutem.

Ich meine nun nicht, daß ein Film oder überhaupt Kunst da etwas unmittelbar ändern kann. Aber sie kann in der direkten Kommunikation mit dem einzelnen Menschen dagegen angehen, kann dazu beitragen, daß man sich besser versteht, daß man Mißtrauen abbaut und daß die menschlichen Werte nicht verschütt gehen in dieser Zeit. Diese Hoffnung habe ich. Wenn ich sie nicht hätte, würde ich aufhören, Filme zu machen.

SPIEGEL: Sehen Sie in der augenblicklichen prekären Situation andere Möglichkeiten deutsch-deutscher kultureller Beziehungen?

WOLF: In dem Maße, in dem sich auch die politischen Beziehungen auf der Grundlage zumindest der gegenseitigen Achtung verbessern. Dann werden auch Kunst und Literatur helfen können, diese Beziehungen weiterzuentwickeln und zu vertiefen. Ich glaube, man kann nicht umgekehrt erwarten, daß Kunst und Literatur allein in der Lage wären, das herbeizuführen. Auf den Kontext kommt es an, auf Geduld und langen Atem. Bloß sollte man das freilassen von jeder politischen Spekulation. Man sollte nicht mit der Kunst, mit dem kulturellen Austausch durch die Hintertür einseitige politische Vorstellungen auf Schleichwegen durchbringen wollen. Das ist nicht nur naiv, es schadet eher.

SPIEGEL: Ihr Film ist in Ost und West emphatisch gelobt und bei den Filmfestspielen in Berlin mehrfach ausgezeichnet worden. Glauben Sie, hoffen Sie, daß »Solo Sunny« auch in Westdeutschland ein Kino-Erfolg wird?

WOLF: Für mich ist der Publikumserfolg eines solchen Films von großer Bedeutung. Ob nun bei uns, in der BRD oder in anderen Ländern. Die Ambition, Filme für leere Kinos zu machen, habe ich nicht] Ich kann nicht prophezeien, ob »Solo Sunny« in der BRD mit ähnlicher Zustimmung und Sympathie aufgenommen wird wie in der DDR oder im West-Berliner »Zoo-Palast«. Schön wäre es schon, wenn die westdeutschen Zuschauer ihren Spaß mit »Sunny« hätten und zugleich die Chance eines genaueren Einblicks in unser Leben wahrnähmen.

S.231Mit Renate Krößner.*

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 55 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.