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MUSIKER »Es muss swingen«

Der Posaunist Albert Mangelsdorff über die Krise des Berliner Jazzfestes, die Hörgewohnheiten des Publikums, Vogelgesang und seine Zukunftspläne
Von Peter Bölke und Hans Hielscher
aus DER SPIEGEL 44/2000

SPIEGEL: Herr Mangelsdorff, der Jazz hat eine große Vergangenheit, aber viele Kenner trauen ihm keine Zukunft mehr zu. Stirbt der Jazz?

Mangelsdorff: Er wird totgesagt, seitdem ich spiele - also seit über 50 Jahren. Und diesen Nachrufen kann ich überhaupt nicht zustimmen. Denn Jazz ist eine vitale Musik, die von Künstlern auf der ganzen Welt gespielt wird. Der Jazz stirbt nicht. Im Gegenteil: Er wird immer munterer.

SPIEGEL: Der Fortbestand des Berliner Jazzfestes soll aber in Frage stehen. In diesem Jahr sind Sie zum letzten Mal als künstlerischer Leiter für dieses wichtigste deutsche Festival verantwortlich. Lassen Sie ein Trümmerfeld zurück?

Mangelsdorff: Nein. Wie es aussieht, kann das Festival weitergehen. Für das nächste Jahr ist die Finanzierung gesichert. Die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin hat ihre Bereitschaft signalisiert, das Fest zu sponsern.

SPIEGEL: Und wie verhält sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk, speziell das Fernsehen?

Mangelsdorff: Das Fernsehen hat sich vom Jazz weitgehend verabschiedet. Wenn überhaupt, dann kommt diese Musik nur noch zu sehr später Stunde ins Programm. Das ist sehr bedauerlich und nicht richtig. Denn die öffentlich-rechtlichen Anstalten

haben den Auftrag, eine Vielfalt von Programmen auszustrahlen.

SPIEGEL: Passt Jazz den Fernsehleuten nicht ins Konzept, weil er keine Quoten bringt?

Mangelsdorff: Klassische Musik bringt sie auch nicht, aber von der hat man sich nicht im gleichen Maße zurückgezogen wie vom Jazz.

SPIEGEL: Könnte das auch damit zusammenhängen, dass dem Jazz immer noch ein Schmuddel-Image anhängt? Gebrauchsmusik für Bars und Bordelle?

Mangelsdorff: Ich hatte eigentlich angenommen, dass dieses Schmuddel-Image überwunden sei. Heute haben Musikhochschulen Jazzklassen, es gibt Stipendien für junge Jazzmusiker, das Goethe-Institut schickt Jazzbands als Kulturbotschafter in die Welt. Und wer hätte sich in den fünfziger Jahren vorstellen können, dass Jazzmusiker in Deutschland Orden verliehen bekommen?

SPIEGEL: Wie Sie das Bundesverdienstkreuz.

Mangelsdorff: Ja. Deshalb sehe ich einen großen Widerspruch: Während die Akzeptanz des Jazz enorm zugenommen hat, findet er immer weniger Platz in den öffentlich-rechtlichen Medien. Auf Tourneen mache ich die Erfahrung, dass Jazz eine Menge Leute anspricht. Unsere Konzerte sind eigentlich überall gut besucht.

SPIEGEL: So richtig in Mode ist derzeit allerdings nur der Swing. Bands spielen im Stil der dreißiger und vierziger Jahre, und Jugendliche tanzen dazu. Wie finden Sie diesen Nostalgie-Boom?

Mangelsdorff: Der Swing war eine wichtige Station des Jazz und damals vorwiegend Tanzmusik. Dass ihn heute Menschen wiederentdecken, finde ich wunderbar. Vielleicht wird damit bei manchen das Interesse für andere Stilarten geweckt.

SPIEGEL: Wie definieren Sie Jazz?

Mangelsdorff: Da ist in erster Linie der Swing - nicht die Stilart, sondern das rhythmische Element Swing, das dieser Musik innewohnt. Dazu kommt die Improvisation. Jazz gibt dem Künstler die Möglichkeit, sich ganz persönlich auszudrücken. Ich beurteile Musiker danach, wie sehr sie diese Möglichkeiten nutzen.

SPIEGEL: Ist gerade die Improvisation beim Jazz vielleicht etwas, was die Leute abschreckt? Wenn Beethovens Neunte gegeben wird, wissen sie genau, was auf sie zukommt.

Mangelsdorff: Für einen Zuhörer ist es doch enorm reizvoll, wenn er immer wieder etwa Neues präsentiert bekommt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er dadurch abgeschreckt wird. Jazz war natürlich leichter mitzuvollziehen, als immer über bekannte Melodien improvisiert wurde. Aber man sollte doch annehmen, dass sich auch die Hörgewohnheiten verändern.

SPIEGEL: Vielleicht überschätzen Sie das Publikum. Viele Jazzfreunde verunsichert zusätzlich, dass auf Festivals Tango-Virtuosen, Klezmer-Musiker und alle möglichen Folkloregruppen auftreten.

Mangelsdorff: Ich habe nichts dagegen, wenn Musik geboten wird, die eher ethnischer Natur ist. Im Programm des Berliner Jazzfestes hatte ich vergangenes Jahr einige Klezmer-Gruppen. Ich hatte sie unter vielen danach ausgesucht, inwieweit sie eine Art Klezmer-Jazz spielen. Sie improvisieren, der Rhythmus swingt.

SPIEGEL: Der Jazz kommt aus Amerika. Dort fanden Sie, als einer von ganz wenigen Europäern, schon in jungen Jahren höchste Anerkennung. Haben Sie nie erwogen, dorthin zu gehen?

Mangelsdorff: Sicher. In den sechziger Jahren hatte ich sogar schon meinen Sohn auf eine amerikanische Schule geschickt - quasi zur Vorbereitung. Aber je mehr ich in die Szene drüben hineinriechen konnte, umso weniger hatte ich den Drang überzusiedeln. Mich hat abgeschreckt, dass in den USA selbst namhafte Jazzmusiker in Cafés oder gar zum Dinner spielen müssen, um zu überleben.

SPIEGEL: Haben Sie das erlebt?

Mangelsdorff: Ja, auf einer Tournee kam ich in Boston in einem Hotel an. Ein Plakat verkündete, dass Teddy Wilson in der Bar spielt. Ich bin sofort dorthin gegangen und sah den würdigen älteren Herrn am Piano. Er spielte seine wunderbare Musik. Aber kein Mensch hat ihn beachtet. Es gab auch keinen Applaus - ein schlimmes Beispiel dafür, wie der Jazz in Amerika missachtet wird.

SPIEGEL: Wo entsteht heute der bessere Jazz: in den USA oder in Europa?

Mangelsdorff: Im Jazz spielt Amerika immer noch eine wichtige Rolle. Aber inzwischen ist in Europa und anderswo auf der Welt auch viel Eigenständiges entstanden. Und tatsächlich spielen ungleich mehr Amerikaner in Europa als Europäer in den Staaten. Viele amerikanische Musiker verdienen ihr Geld hier.

SPIEGEL: Werden sie vom Publikum überschätzt?

Mangelsdorff: Das kommt vor. Als Leiter des Jazzfestes ist mir aufgefallen, dass Amerikaner immer wieder überzogene Gagen fordern. Darunter sind Musiker, die zu Hause durch irgendwelche Clubs für Kleckerbeträge tingeln, für die manche Europäer niemals auftreten würden. Aber vielleicht hängen diese übertriebenen Gagenvorstellungen mit dem tollen Renommee unseres Jazzfestes in den USA zusammen. Musiker, die eingeladen werden, denken wohl, hier sei das große Geld zu verdienen.

SPIEGEL: Einen Nachfolger für Sie gibt es noch nicht. Was werden Sie nach fünf Jahren als Leiter des Berliner Jazzfestes machen?

Mangelsdorff: Ich werde wieder mehr Zeit zum Komponieren und zum Spielen haben. Neben meinen Soloauftritten gehöre ich etlichen Gruppen an - etwa dem United Jazz + Rock Ensemble und dem Dauner-Mangelsdorff-Quintett. Außerdem übe ich auch heute noch täglich auf meinem Instrument, mindestens zwei Stunden.

SPIEGEL: Um Ihre Mitmenschen nicht zu behelligen, haben Sie früher viel in der freien Natur geübt. Kamen Sie dabei auf Ihr Hobby: die Ornithologie?

Mangelsdorff: Vögel interessieren mich seit meiner Kindheit. Als ich 12 oder 13 war, verständigte ich mich mit einem Freund aus der Nachbarschaft durch einen Erkennungspfiff aus einem Glenn-Miller-Stück. Eines Tages hörte ich unser Signal, aber mein Freund war weit und breit nicht zu sehen, wohl aber eine Amsel, die unseren Ruf nachgeahmt hatte.

SPIEGEL: Umgekehrt haben Sie später Stücke komponiert, in denen Vogelgezwitscher das Leitmotiv bildete, etwa »Meise am Fenster«.

Mangelsdorff: Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen habe ich die Laute der Vögel immer als Musik wahrgenommen. Bei Amseln kann man Melodien hören, die durchaus in unser Tonsystem passen. Andere Vögel sind damit nicht zu erfassen. Ich habe über die Jahre eine Menge Material auf Band aufgenommen, das ich endlich bearbeiten müsste. Ich hoffe, dass mir das gelingt, solange ich es noch kann.

INTERVIEW: PETER BÖLKE, HANS HIELSCHER

* »Swing Kids« mit Robert Sean Leonard, Tushka Bergen (1993).

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