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FILMEMACHER Es war einmal in Altona

Mit »Kurz und schmerzlos« gelang dem Regisseur Fatih Akin ein multikultureller Thriller ohne platte Sozialkritik. Akin ist der Erfolgreichste einer Generation deutsch-türkischer Filmer, die mit Lakonie und Frechheit das deutsche Kino erobern wollen.
aus DER SPIEGEL 43/1998

Der Mann auf der Bühne hampelt vor Glück. »Hey, das letzte Mal, als ich hier drin war, lief ,Armageddon''«, brüllt Fatih Akin und springt mit ausgebreiteten Armen in die Luft, als wolle er die riesige Leinwand umarmen.

Auf der flimmerte gerade noch der Abspann von Akins erstem Spielfilm »Kurz und schmerzlos«. Erzählt wird darin die Geschichte von drei Freunden aus Hamburg-Altona: von Gabriel, dem Türken, von Bobby, dem Serben und von Costa, dem Griechen. Deutsche spielen in »Kurz und schmerzlos« nur Nebenrollen. Trotzdem, und das macht die Altona-Saga zur Überraschung der Kinosaison, ist der Film keineswegs ein selbstmitleidiges Machwerk über die Probleme von Ausländern, sondern ein cleverer Thriller mit Herz.

Akin, 25, gehört zu einer Gruppe junger deutsch-türkischer Filmemacher, die sich anschicken, das deutsche Kino aufzumischen. Und dabei verblüffende Einblicke liefern in das Leben jener rund zwei Millionen Türken im Land, die viele Deutsche nur als Besitzer von Gemüseläden und als Frauen mit Kopftüchern kennen.

»Ich will weg von diesem Ghetto-Ding: der arme, arme Türke«, sagt Akin. »Ich bin nicht arm dran, ich muß mich nicht ständig beklagen.« Statt dessen erzählen er und Kollegen wie Yüksel Yavuz oder Thomas Arslan von jener zweiten Generation, die zwar in Deutschland groß geworden ist, deren Eltern aber zu Hause in Hamburg, Berlin oder Essen die türkischen und kurdischen Traditionen aufrechterhalten haben. Von jungen Frauen und Männern, die ganz selbstverständlich zwischen zwei Sprachen hin- und herzappen und lässig mit beiden Kulturen leben.

Weil Akin aber lieber seinen Mittelfinger ausstreckt, als jemals belehrend den Zeigefinger zu erheben, behandelt »Kurz und schmerzlos« diese Themen nur am Rand.

Der Film beginnt mit einem großen Hochzeitsfest. Gabriel (Mehmet Kurtulus) ist gerade aus dem Gefängnis gekommen und trifft seine Freunde wieder. Bobby (Aleksandar Jovanovi''c) jault vor Begeisterung, als er ihn sieht, küßt und umarmt ihn und stellt ihm Alice vor: »Keine Szenebraut, kein blondes Stück Scheiße, sondern die Frau meiner Träume.« Costa (Adam Bousdoukos) taucht auf, leider in den falschen Klamotten. »Das ist die Hochzeit meines Bruders, du weißt, daß ich für dich bürge«, sagt Gabriel zu ihm.

Dann küssen und umarmen sie sich, und Gabriels Schwester Ceyda, die lange, feuerrote Haare hat, bringt einen ordentlichen Anzug für Costa. Er ist ihr Freund, beim Paffen auf dem Damenklo aber gesteht sie Alice, daß sie einen anderen hat. Aus dem Festsaal klingt türkische Popmusik herüber, und Bobby und Costa überreden Gabriel, kurz mit ihnen zu verschwinden. Im blumengeschmückten Brautwagen fahren sie Richtung Hafen und spendieren ihm zu seinem Comeback in der Freiheit eine Nummer mit einer Nutte.

Ein bißchen hat Akin sich diese furiose Eröffnung beim »Paten« abgeschaut. Francis Ford Coppola gehört zu seinen Vorbildern, aber noch viel mehr bewundert er Martin Scorsese. »In seinen Filmen ist soviel Glauben, soviel Wahrhaftigkeit, soviel Gefühl - das haut mich immer wieder um.« Und natürlich erkennt er biographische Parallelen: Scorsese, der Sohn italienischer Einwanderer, mixte ebenso wie Sergio Leone ("Es war einmal in Amerika") italienische und europäische Einflüsse ins amerikanische Kino, und Akin, der Sohn eines Gastarbeiters und einer Lehrerin, bereichert den deutschen Film nun um türkische Elemente.

Er sei, so berichtet er, »mit türkischen Videos groß geworden«. Kitsch und Pathos, die vielen Küsse und Umarmungen habe er durch diese Filme lieben gelernt. Diese Liebe zur türkischen Tradition sieht man seinem Film an, auch wenn er darin vom Lebensgefühl seiner Generation erzählt.

Als Gabriel mit seinen Freunden auf das Fest zurückkommt, wird gerade das Brautpaar beglückwünscht und geküßt, alle Gäste heften ihnen nach türkischem Brauch Geldscheine an die Kleider. Alice, Ceyda und die Jungs setzen sich gemeinsam an einen Tisch, und Bobby erzählt, daß er bei der Albaner-Mafia einsteigen will. Er versucht, Gabriel zum Mitmachen zu überreden. Aber Gabriel hat sich entschieden, keine krummen Dinger mehr zu drehen. Keiner will Streit, also gehen die Jungs auf die Tanzfläche, und Alice macht ein Foto von den dreien. Diesen Schnappschuß wird sich Gabriel am Ende des Films ansehen. Dann wird Bobby tot sein, weil er sich mit den Albanern eingelassen hat, und Costa schwer verletzt, weil er seinen Freund rächen wollte.

Akin erzählt in schnellgeschnittenen, immer düsterer werdenden Bildern, die Dialoge hämmern im HipHop-Rhythmus - und die Kamera geht dabei stets ganz nah ran, auch während der spektakulären Kampfszenen. »Ich versuche, meinen Filmen meine Identität zu geben«, sagt Akin.

Es war für ihn keine große Sache, das Drehbuch noch vor dem Abitur zu schreiben, denn es ist seine Geschichte, die seiner Kumpels und die seines Hamburger Kiezes. Allerdings hatte die Wirklichkeit für die Jungs ein Happy-End parat: Tomi, der Serbe, hat heute ein Sonnenstudio in Belgrad; Adam, der Grieche, spielt sich im Film selbst; und Fatih, der Türke, wird seit »Kurz und schmerzlos« als einer der talentiertesten unter den jungen deutschen Filmemachern gehandelt.

Die Frage nach der Identität ist für Yüksel Yavuz nicht so unkompliziert wie für Akin. Der deutsch-kurdische Filmemacher kam erst mit 16 nach Deutschland, beendete hier die Schule und blieb, auch nachdem sein Vater wieder in die Heimat zurückging. Er arbeitete in einer Fleischfabrik, studierte Volkswirtschaft und entdeckte den Film als erzählerisches Mittel, weil er seinem Neffen die Geschichte der eigenen Familie nahebringen wollte. »Ich würde nicht sagen, daß ich mich deutsch fühle, aber ich würde auch nicht sagen, daß ich noch Kurde bin«, sagt Yavuz.

In »Aprilkinder« erzählt er die Geschichte von Cem, der mit einer Cousine aus Kurdistan verheiratet werden soll, sich aber in eine deutsche Frau verliebt. Das

* Mit Erdal Yildiz.

Hochzeitsfest ist die Schlußszene dieses melancholischen Films, der nicht so rotzig und selbstverständlich wie »Kurz und schmerzlos« inszeniert ist, aber sehr genau den unterschiedlichen Hoffnungen und Ängsten der zweiten Generation nachforscht. Wie ein Schlafwandler steht Cem die Hochzeit mit seiner Cousine durch. Die Gäste scheinen ihn zu umzingeln, und als er die Braut küßt, beginnen ihre Gesichter vor seinen Augen zu tanzen.

»Es ist natürlich immer ein folkloristisches Zugeständnis, wenn man türkische Hochzeiten zeigt«, hält Thomas Arslan dagegen. »Eigentlich sollte man das vermeiden.« Aber auch sein Film »Geschwister« kommt nicht ohne aus, zu sehr symbolisiert dieses Fest Heimatverbundenheit und Zusammengehörigkeitsgefühl der Türken in Deutschland.

Das lakonische, kleine Meisterwerk zeigt das Leben einer fünfköpfigen deutsch-türkischen Familie in Berlin- Kreuzberg. Die Kamera spaziert mit den drei Geschwistern durch die Straßen ums Cottbusser Tor. Sie begleitet Leyla und deren Freundin nach Feierabend in einen Plattenladen, heftet sich an Ahmeds Fersen auf dessen Weg zu seiner Freundin, und sie ist ganz nah am Gesicht von Erol, als der von seiner Einberufung ins türkische Militär erfährt. Erol fühlt sich in Deutschland verloren, und eine wortlose Szene zeigt ihn, wie er allein ein türkisches Hochzeitsfest besucht.

Auf größere Distanz zur Kultur seiner Eltern und Großeltern geht Kutlug Ataman: Der türkische Regisseur besuchte Filmschulen in Paris und Los Angeles und lebt heute wieder in Istanbul. Mit Deutschland verbindet ihn ein knapp einjähriger Aufenthalt, während dessen er die Idee für »Lola und Bilidikid« entwickelte. Die Geschichte spielt unter türkischen Strichern und Transsexuellen in Berlin, in einer Szene, die es selbst im sittenstrengen muslimischen Istanbul so ähnlich gebe, versichert Ataman. Aber in Deutschland sind Filmförderung und Geldgeber liberaler, und so ist auch dieser Film ein deutsch-türkischer geworden.

Wenn der wie eine Frau gekleidete Türke Lola bei Rosie am Imbiß steht und seinen Hot Dog kaut, schleicht sich ein Berliner Tonfall in sein Deutsch. Aber abends in der Transvestitenbar, wo Lola mit zwei anderen Typen als »Die Gastarbeiterinnen« auftritt und zum Bauchtanz anrüchige Lieder singt, wird Türkisch gesprochen.

Das Hin- und Herpendeln zwischen Deutsch und Türkisch ist für die zweite Generation, die in Deutschland aufgewachsenen Immigrantenkinder, ganz und gar alltäglich. Und genau wie sie sind auch ihre Filme zweisprachig. »Wenn mir irgendein Wort nicht einfällt, benutz'' ich eben die andere Sprache«, sagt Fatih Akin. Allerdings nicht jenen Gangsterdialekt, den Moritz Bleibtreu als getürkter Türke in »Knockin'' on Heaven''s Door« berühmt machte: »Du gleich kriegen eins auf Fresse.« Vielen junge Türken ist Deutsch längst vertrauter als die Sprache ihrer Eltern. Und damit spielen sie auch in ihren Filmen: Akin beschreibt das so: »Hey, ich bin keine Randgruppe, ich kann euch unterhalten, ich kann euch zum Lachen bringen, und ich kann euch sogar verarschen.«

Nur von Ausländerfeindlichkeit erzählen all diese Filme bislang wenig. »Natürlich ist das ein wichtiges Thema«, sagt Yavuz,

»aber es ist schwierig, damit umzugehen,

* Oben: mit Nisa Yildirim, Baki Davrak (u.); unten: mit Savas Yurderi (2. v. r.), Tamer Yigit (3. v. r.).

ohne nur die Opferrolle auszuwalzen.« Akin fühlt »sich noch nicht reif genug« dafür, einen Film über Rassismus zu machen. »Außerdem verdienen diese Penner es nicht, daß ich mich zwei Jahre meines Lebens mit ihnen beschäftige und sie auch noch auf einen Sockel stelle.«

Statt mit platten Bildern wollen sie lieber beiläufig davon erzählen. Sie wollen kein leichtes Lob von Sozialpädagogen einstreichen, sondern weg vom Betroffenheitspublikum. Akin, Yavuz, Arslan und Ataman wünschen sich Zuschauer, die nicht deshalb ins Kino kommen, weil der Film von einem Deutschtürken gedreht wurde, sondern weil er gut ist. »Es ist ein Traum von mir«, sagt Akin, »daß sich irgend so''n Nazi in ,Kurz und schmerzlos'' verirrt und am Ende heulen muß, weil ein Grieche stirbt. Das wär'' geil.« Claudia Voigt

* Mit Erdal Yildiz.* Oben: mit Nisa Yildirim, Baki Davrak (u.); unten: mit SavasYurderi (2. v. r.), Tamer Yigit (3. v. r.).

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