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»Ethik verändert die Wirtschaft«

Der Kulturwissenschaftler und Soziologe Nico Stehr, 65, über den moralischen Markt
aus DER SPIEGEL 24/2007

SPIEGEL: Herr Professor, Sie behaupten in Ihrem neuen Buch »Die Moralisierung der Märkte«, dass sich das Verhalten von Käufern und Produzenten extrem ändere; Konsumenten zwängen Produzenten dazu, ihre Waren auch unter ethischen Gesichtspunkten herzustellen*. Sind vor allem die kulturellen Märkte von dieser Entwicklung betroffen?

Stehr: Nein, alle Märkte verändern sich radikal. Sicher ist es bei den Lebensmitteln, bei der Kleidung, bei der Unterkunft und auch beim Reisen am deutlichsten zu erkennen, aber auch die Finanzmärkte sind betroffen. Überall spielen moralische Kriterien auf einmal eine Rolle: Maximen wie Nachhaltigkeit, Fairness, Solidarität.

SPIEGEL: Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung dürfte in der Lage sein, elitäre Ansprüche an Produkte zu stellen.

Stehr: Natürlich wird der Trend zur Moralisierung zunächst einmal von Meinungsführern getragen. Aber der Einfluss der Meinungsführer führt zu einem sich selbst verstärkenden Prozess. Wenn Sie heute in einen Supermarkt gehen, dann können Sie kaum mehr Milch kaufen, die nicht als genfrei deklariert ist.

SPIEGEL: Wer ist mächtiger, die Produzenten oder die Konsumenten?

Stehr: Durch die Moralisierung der Märkte ergibt sich eine Veränderung der Machtbalance am Markt. Die Bedeutung der Konsumenten im Vergleich zu den Produzenten wird größer.

SPIEGEL: Dennoch sind viele Öko-Produkte teuer - wie verträgt sich das mit der Geiz-ist-geil-Mentalität?

Stehr: Heutzutage muss es nicht mehr saubillig sein. Der gestiegene Wohlstand verschiedener Haushalte deutet darauf hin, dass wir es uns leisten können, nicht nur auf den Preis zu gucken. Außerdem verkaufen Konzerne wie Aldi und Lidl immer mehr Bioprodukte, weil auch deren Kunden zunehmend solche Waren nachfragen.

SPIEGEL: Profiteure des Ethiktrends sind auch PR-Agenturen, die Firmen zu einem besseren moralischen Image verhelfen. In Amerika gibt es bereits den Begriff des Greenwashing.

Stehr: Ich glaube, die Macht von PR- und Marketingabteilungen wird überschätzt. Wir haben es auch mit einem historisch einmaligen Wachstum an Wissen zu tun. Konsumenten durchschauen zunehmend PR-Aktionen.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt die Politik bei der Entwicklung eines moralischen Markts?

Stehr: Es wird eines Tages dazu kommen, dass auf jeder Ware ein Aufkleber heften wird, der angibt, wie groß der CO2-Ausstoß bei der Herstellung und beim Transport der Ware war. Der Staat wird also einen verstärkenden Einfluss auf die Moralisierung der Märkte haben.

SPIEGEL: Lässt sich in einem globalen Markt überhaupt kontrollieren, ob bei der Produktion ethische und ökologische Kriterien eingehalten werden?

Stehr: Es wird im Zeitalter des Internet immer schwieriger, Machenschaften zu verschleiern.

SPIEGEL: In Ihrem Buch stellen Sie mit Ihrer Theorie von der Moralisierung der Märkte bisherige Gesellschaftstheorien in Frage. Was kritisieren Sie an herkömmlichen ökonomischen Theorien?

Stehr: Ökonomen gehen in der Regel davon aus, dass kulturelle und ethische Prozesse den Markt nicht tangieren, sie glauben, der Markt operiere ausschließlich nach seinem eigenen Code. Aber diese Auffassung gehört der Vergangenheit an. Wir sehen ja, dass Ethik den Markt verändert.

SPIEGEL: Wird die Welt ein bisschen besser?

Stehr: Das ist schwer zu beurteilen. Aber ich glaube sagen zu können, dass es eine Entwicklung ist, die ich nicht für schlecht halte.

INTERVIEW: SUSANNE BEYER, ALEXANDER JUNG

* Nico Stehr: »Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 380 Seiten; 14 Euro.

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