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AFFÄREN Etwas abgezapft

Der Jazz-Redakteur Joachim Ernst Berendt, vor einem Jahr als künstlerischer Leiter der Berliner Jazztage zurückgetreten, bestimmt weiter über das Programm des Festivals -- auch zu seinem persönlichen Vorteil.
aus DER SPIEGEL 41/1972

Noch einmal hatte er, wie üblich, in einer Presseerklärung seine Verdienste um das »wichtigste Jazz-Ereignis der Welt« verbreitet. Dann war Joachim Ernst Berendt, im Juni letzten Jahres, als künstlerischer Leiter der Berliner Jazztage zurückgetreten -- aus Ärger über seine Kritiker und ein Expertengremium der ARD.

Das Redakteursgremium, schrieb Berendt, 50, damals an acht ARD-Intendanten und -Programmdirektoren. die sein Festival alljährlich mit sechsstelligen Summen unterstützen, habe »weitgehend jede fruchtbare Programmarbeit paralysiert« (SPIEGEL 29/1971). Zugleich empfahl er, als Nachfolger »einen Mann der jüngeren Generation zu wählen, der sich persönlich auch nicht so sehr in der Schußlinie befindet wie ich selbst«.

Der Mann konnte gefunden werden. Verantwortlich für die nächsten Berliner Jazztage im November dieses Jahres ist der Basler Pianist, Komponist und Arrangeur George Gruntz, 40. Die Kasse verwaltet freilich noch immer der Konzertveranstalter Ralf Schulte-Bahrenberg; fürs Programm entwickelt nach wie vor Joachim Ernst Berendt die Konzeption. Und das bedeutet, daß Gruntz eigentlich kaum etwas zu sagen hat.

So hatte der Jazzmusiker beispielsweise vor, sieben prominente Klavierspieler in einem »einmaligen Pianisten-Orchester« auf rund 40 Tasteninstrumenten wie Cembalo, Clavinet, Hammondorgel. Elektroklavier »mit all ihren Verfremdungseinrichtungen« zusammenspielen zu lassen. Schulte-Bahrenberg aber entschied: »Das ist zu teuer und musikalisch zu riskant.« Daraufhin mußte Gruntz seine Kollegen wieder ausladen, obgleich ein Teil der Verträge schon abgeschlossen war.

Auch die Big Band des Posaunisten und Olympia-Komponisten Peter Herbolzheimer (SPIEGEL 37/1972), eine »auf dem Kontinent fast einmalige Besetzung« mit einem »völlig neuartigen Klang« (Kritikerurteile), brachte Gruntz gegen den Widerstand Berendts nicht ins Programm. Ein Grund: Berendt ist mit Herbolzheimers Plattenfirma MPS überquer.

Solange Berendt. im Hauptberuf festangestellter Redakteur des Südwestfunks, nebenbei als Produzent für die in Villingen ansässige »Musikproduktion Schwarzwald« (MPS) tätig war, hatte diese Firma jeweils bis zu zehn Jazzgruppen im Berliner Festival. Teils wurden die Konzerte direkt für MPS-Platten mitgeschnitten; dafür zahlte die Firma den Organisatoren pro Platte 2000 Mark und übernahm einen Teil der Musikergagen und Reisespesen. Für jede Aufnahme erhielt Berendt außerdem zwischen 1500 und 2000 Mark Produzentenhonorar.

Rund 100 Langspielplatten, die der Promoter aus Baden-Baden seit 1964 für MPS produzierte, brachten ihm an Honoraren- und Lizenzen (fünf Prozent vom Großhandelspreis) fast eine Viertelmillion Mark. Ende letzten Jahres jedoch platzte der lukrative Deal. MPS-Chef Hans Georg Brunner-Schwer: »Berendts ständige Nörgeleien und Querelen waren unerträglich geworden.« MPS-Produzent Willi Fruth: »Eine seiner Meisterleistungen bestand darin. Musiker zu engagieren, die hundertprozentig nicht zusammenpaßten

Berendt ("MPS ist nur eine kleine Firma und nicht sehr erfahren in professionellen Dingen) meint umgekehrt, daß der Jazz aus dem Schwarzwald nun nicht mehr auf sein Berliner Festival paßt. Denn es sei, schrieb er am 2. März an Brunner-Schwer. »auf die Dauer unbefriedigend, die ewig gleichen Namen des deutschen Jazz in ständigem Wechsel zu offerieren«.

Immerhin, so deutete er an, würde er gegen Geld und eine neuerliche Produzententätigkeit mit sich reden lassen: »Wenn sich MPS erneut bei den Berliner Jazztagen engagiert, werden die Gebühren um ein Mehrfaches teurer als bisher.« Und: »Es darf keine (Platten-)Produktion von den Berliner Jazztagen erscheinen, die nicht in allen Details meiner Kontrolle unterliegt.«

Wenn also Herbolzheimer bei den Jazztagen zu spielen wünsche, müsse MPS nicht nur -- wie angeboten -- 5000 Mark zum Festival-Budget zuschießen, sondern die vollen Kosten von 8000 Mark übernehmen. Denn, so Berendt im März: »Durch die Vorbereitungen meines Jazz-Festivals auf der Olympiade in München ... wissen wir nunmehr auch, daß die amerikanischen Firmen für derartige Aufnahmen allein an Mitschnittgebühren Beträge zahlen, die in Dollars höher liegen als das, was MPS bisher in DM bezahlt hat.«

Tatsächlich war das von Berendt und seinem Partner Schulte- Bahrenberg diesen August im Rahmenprogramm der Olympischen Spiele veranstaltete Festival »Jazz Now« durch Zuschüsse der öffentlichen Hand, die Beteiligung von Funk- und Fernsehsendern sowie das Engagement amerikanischer Plattengesellschaften ein gutes Geschäft, »Für Berendt und mich«, sagt Schulte-Bahrenberg. »ist ein Gewinn von etwa 50 000 Mark übriggeblieben.«

Vielleicht auch mehr. Denn einem Gesamtetat von 350 000 Mark (allein je 150 000 Mark Subvention vom Olympischen Organisationskomitee und Mitschnitthonorar von drei Sendern) standen relativ geringe Ausgaben gegenüber. Schulte-Bahrenberg sagt: Je 150 000 Mark hätten Musikerhonorare (inklusive Flugspesen) sowie die örtlichen Kosten verschlungen. Aber wieso so viel? Die Musiker der beiden Hauptkonzerte haben doch auf Anweisung der US-Plattenfirmen CBS und CTI umsonst gespielt.

Auch ihr Berlin-Festival hatten Berendt und Schulte-Bahrenberg schon immer aus Zuschüssen und Funk-Gebühren finanziert. Ein Fünftel des 500 000-Mark-Etats, gab Schulte-Bahrenberg Ende 1970 bekannt, werde durch Eintrittskarten gedeckt, ein Fünftel spende der Berliner Senat, drei Fünftel schössen Funk und Fernsehen (für die Mitschnittrechte) zu.

1972 will sich die Stadt Berlin ihre Jazztage 130 000 Mark kosten lassen Die Beiträge der Sender summieren sich auf 161 000 Mark fürs Fernsehen und auf 70 000 Mark für den Hörfunk

zuzüglich einer beantragten Zuwendung von 59 000 Mark aus Mitteln der senatseigenen »Funk- und Fernsehbrücke«, die dem armen SFB zu einem TV-Jazzkonzert verhelfen soll.

Ob diese 59 000 Mark jedoch bewilligt werden, ist noch unsicher. Denn vor seiner Zusage. so der Beamte Gerhard Sieggrün zum SPIEGEL. wolle der Senat dieser Tage noch einmal das Finanzgebaren der Festival-Organisatoren überprüfen. Dem Beamten, der nach jedem Festival im Büro Schulte-Bahrenberg die Abrechnung mit den Belegen vergleicht, ist nämlich aufgefallen, daß die Einnahmen aus Schallplatten-Mitschnitten und die sonstigen Beteiligungen der Plattenindustrie nicht in der Bilanz erscheinen.

Aber auch bei der Buchhaltung von Musikerhonoraren widerfährt den Organisatoren gelegentlich ein Mißgeschick. Das Ensemble »Association P. C.« beispielsweise mußte nach seinem Auftritt im November vergangenen Jahres 7200 Mark quittieren, obgleich lediglich eine Gage von 3500 Mark gezahlt worden war. Schulte-Bahrenberg erläuterte, ein US-Musikant habe seine Quittung nicht unterschrieben, und die Differenz müsse in den Büchern ausgeglichen werden.

Einen solchen Vorfall wollen allerdings die wenigsten Musiker, sofern sie davon Kenntnis erhalten, »an die große Glocke hängen« (so ein Mitglied der »Association P. C."). Denn Berendt, der mit dem einflußreichen US-Impresario George Wein zusammenarbeitet, ist im Jazz-Business ein zu mächtiger Mann.

Als etwa im April dieses Jahres eine Gruppe namhafter europäischer Free-Jazz-Musiker, die sich von den Jazztage-Organisatoren aus kommerziellen Gründen vernachlässigt glaubte, bei den ARD-Sendern um Subvention eines Gegenfestivals einkam, reagierte das Veranstalter-Trio mit einer Strafmaßnahme: »Man sollte nicht versuchen«, so Gruntz, »hinter unserem Rücken irgendwie etwas abzuzapfen. Jetzt wird der Hahn hier auch zugemacht. Das soll wohl bedeuten: Musiker, die diese Petition unterschrieben haben, werden bei den künftigen Jazztagen ignoriert. Wer engagiert wird, muß sich schon heute vertraglich verpflichten, nicht etwa umsonst auch bei Veranstaltungen des Gegenfestivals zu musizieren.

Denn auch ohne Subvention wollen sich die Free-Jazzer das Recht nicht nehmen lassen, während der Berliner Jazztage -- parallel zu den offiziellen Konzerten -- in der Akademie der Künste zu improvisieren. Auch die Herbolzheimer-Big-Band spielt in Berlin. Ihre Plattenfirma MPS hat für den Tag des ersten Festival-Konzerts den Saal der Berliner Musikhochschule für eine Gegenveranstaltung gebucht.

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