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HISTORIKER Etwas in Gang gebracht

Erstmals wurde auf einer deutschsowjetischen Historiker-Konferenz in Leningrad auch über Stalins Fehleinschätzung der deutschen Politik der zwanziger Jahre diskutiert.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Das Essen war opulent, und Rußlands alkoholische Quellen sprudelten unentwegt: grusinische Weiß- und Rotweine und Wodka. Auf den Wellen der Newa, unterhalb des Hotels

* 1932 mit dem späteren Sowjet-Marschall Tuchatschewski (2. v. l.).

»Leningrad«, dümpelte der alte Kreuzer »Aurora«. dessen Kanonen in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1917 den Sturm auf das Winterpalais und damit den Sieg der Oktoberrevolution eingeleitet hatten.

An drei Tagen der ersten Aprilwoche hatten 14 deutsche und 24 sowjetische Historiker über die »deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen 1918 und 1932« diskutiert. Zum Schluß veranstalteten die sowjetischen Gastgeber im »Leningrad« zu Leningrad eine Fete -- ein echt russisches Eß-, Trink- und Redefest. Rund 40 Trinksprüche zählte Professor Wolfgang Mommsen, 44, einer der deutschen Teilnehmer -- seine eigene, improvisierte Laudatio auf Urgroßvater Theodor Mommsen nicht mitgerechnet. Professor Alexej L. Narotschnizki, Haupt der Gastgeber-Mannschaft, hatte seine Kollegen auf einen »echt warmen Abschluß« (Mommsen) eingestimmt.

Dabei war es in den drei Diskutier-Tagen des Kongresses um die heikelste Epoche in den deutsch-russischen Beziehungen gegangen. Unistritten sind Aufklärung und Bewertung vieler Schachzüge sowjetischer und deutscher Politiker der zwanziger Jahre -- so etwa:

Haben die Sowjets zwischen 1918 und 1920 und später nochmals 1923 trotz Lenins Versicherung, die Revolution sei kein russisches Exportgut, versucht, in Deutschland eine Revolution anzuzetteln?

* Haben Lenin und Stalin die Kommunistische Internationale (Komintern) als Instrument der russi-

* 1922 in Genua. Von links: Reichskanzler Wirth. Sowjet-Diplomaten Krassin. Tschitscherin.

sehen Außenpolitik mißbraucht? Haben sie, nach der Ermordung Rosa Luxemburgs, die KPD zu einer bloßen Satellitenpartei im Dienste der außenpolitischen Interessen Sowjetrußlands degradiert?

* Fraternisierte Sowjetrußland mit dem deutschen Monopolkapital und der Reichswehr -- zum Beispiel gegen Polen, zum Beispiel auch in Rapallo? (Wie kam es, daß die Reichswehr in Rußland Flugzeuge, Artilleriemunition und Giftgas herstellen durfte?)

* Welche Folgen hatte es, daß die Sowjets die deutsche Sozialdemokratie als den »Hauptfeind« der Arbeiterklasse, als »Zwillingsbruder« des Faschismus, als Stoßtrupp des französischen Generalstabs und des französischen Imperialismus diffamierte und dadurch sowohl die deutsche Arbeiterbewegung als auch den Widerstand gegen Hitler spaltete?

Bei der Leningrader Historiker-Konferenz kamen keineswegs alle diese Probleme ausführlich zur Sprache. Vor allem wehrten sich die sowjetischen Kollegen dagegen. die Politik der Kommunistischen Internationale in den Bereich des Konferenz-Themas (die staatlichen »deutsch-sowjetischen Beziehungen") einzubeziehen. Und tatsächlich machten die deutschen Historiker auch nur gelegentlich Ausfälle in dieser Richtung. Mommsen: Es wäre wohl »nicht sehr weise« gewesen, wenn man die Russen zum Thema »Kommunistische Internationale« allzu nachdrücklich befragt hätte.

Tatsächlich aber hat sieh die einschlägige deutsche und angelsächsische Geschichtsforschung in jüngster Zeit mehrfach mit eben diesem Thema beschäftigt. nämlich mit dem Zusammenspiel der sowjetischen Staatspolitik und der von ihr dirigierten Komintern-Politik vor allem in Deutschland. Über Stalins Fehleinschätzung, wonach Frankreich die Zentralmacht des westlichen Imperialismus und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands dessen Hauptwerkzeug sei, erschienen in Deutschland und Amerika mehrere Bücher.

Der Widerstand der sowjetischen Historiker dagegen, die Politik der Komintern zu thematisieren, ist begreiflich -- vor allem deswegen, weil am Rande einer solchen Diskussion notwendigerweise stets die Frage auftaucht, inwieweit die sowjetische Deutschland-Politik der zwanziger Jahre in die Entstehungsgeschichte der Hitlerschen Machtergreifung verstrickt sei.

Gleichwohl -- und trotz der sowjetischen Abneigung gegen das Komintern-Thema -- kamen Themen wie Stalins Fehleinschätzung der SPD oder die Geheimverträge der Reichswehr mit den Sowjets jedenfalls in deutschen Diskussionsbeiträgen immer wieder zu Worte. Auch wenn einige sowjetische Historiker dagegen protestierten, blieben ihre deutschen Kollegen dabei, nach Stalins Fehlern zu fragen. So erklärte der deutsche Equipe-Chef, der Göttinger Professor Werner Conze, schließlich: Die deutsche Geschichtsforschung kenne keine Tabus mehr -- weder auf deutscher Seite, aber auch nicht bei der Beurteilung der Politik anderer Mächte. »Wir haben die Russen höflich behandelt«, meint Mommsen, »haben ihnen andererseits aber auch nichts erspart.« Allerdings, deutsche Anspielungen auf die deutschsowjetische Polen-Politik übergingen die Russen mit »gespenstischem Schweigen« (Mommsen).

Der Leningrader Kongreß war »sehr auf Versöhnung und Verständnis gepolt«. Gleichwohl haben die deutschen Teilnehmer den Eindruck mitgebracht, daß der Kongreß zumal jüngeren sowjetischen Historikern zu denken gegeben hat. Der Kongreß, meint Mommsen, »hat sicher etwas in Gang gebracht«.

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