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PRODUZENTEN Etwas vom guten Geist

aus DER SPIEGEL 39/1952

Nicht daß die Filmaufbau-Leute in Göttingen etwa vorhatten, den Bundespräsidenten persönlich vor ihre Kamera zu bemühen. Auch sollte für Theodor Heuss kein Double gesucht werden. Benötigt wurden lediglich das präsidiale und die üblichen Bundes- und Landes-Plazets für den Plan der Filmaufbau GmbH., die 48 Stunden vor einem Heuss''schen Staatsbesuch zum Gegenstand einer Filmhandlung zu machen.

Die Ereignisse dieser zwei Tage hat sich Autor und Regisseur Rolf Thiele keineswegs einfach ausgedacht. Als Vorlage diente ein Augenzeugenbericht von einem Besuch, den Bundespräsident Theodor Heuss im Spätherbst 1951 der Universität und Stadt Göttingen abstattete.

Vier verhandlungs- und spesenreiche Monate benötigten die Chefs der Filmaufbau, Hans Abich und Rolf Thiele, um alle für die Film-Ausfallbürgschaften zuständigen Instanzen und Personen zu überzeugen, daß ihr Lustspiel »Der Präsident kommt"*) das Staatsoberhaupt popularisiere, ohne die Staatsform lächerlich zu machen. Dann erst kam der erste Plan, einen über die üblichen Wochenschau - Aufnahmen hinausgehenden Filmkontakt zwischen dem Vater des Volkes und den Millionen Kinobesuchern in Westdeutschland herzustellen, unter Dach und Fach.

Zu den Organisatoren der Göttinger Visite des Bundespräsidenten gehörte der städtische Kulturreferent Dr. Karl Pfauter, während ein Polizei - Inspektor namens Knigge Dekorum und Sicherheit zu wahren hatte.

Als alles vorüber war, besuchte Kulturreferent Pfauter seinen Freund Rolf Thiele und spitzte ihn an: »Du, hier liegt ein Filmstoff doch wirklich auf der Straße.« Und dann berichtete er, mit Hintertreppen-Tratsch und Vorzimmer - Geflüster, alle Einzelheiten und Hintergründe des Besuches. Rolf Thiele: »Was mir der Pfauter

*) Der Titel mußte auf Drängen des Schorcht-Verleihs vorläufig in »Ein hohes Tier kommt in die Stadt« geändert werden, da der Verleih glaubt, den Film mit dem Titel »Der Präsident kommt« nicht so gut verkaufen zu können. da erzählte, war ein Film.« Das Drehbuch ging ihm entsprechend leicht von der Hand. Was dann auf 217 Scriptseiten unter dem Titel »Der Präsident kommt« Bonner Ministerialbeamten viel Kopfzerbrechen machte, war nichts weiter als die ausgesponnene, neutralisierte, entlokalisierte Filmfassung des Pfauterschen Berichtes. Autor Thiele schwört: »Ich habe alles nur gemildert«

Aber selbst diese Versicherung hielt einen niedersächsischen Landeskonservator, der sich als Sachverständiger zu dem Drehbuch äußern mußte, nicht davon ab, in dem Film eine »Verunglimpfung unserer Staatsform« zu erkennen.

Dabei ist das Drehbuch so harmlos-liebenswürdig, wie es ein Präsidenten-Besuch zu sein pflegt: im Stadtrat geht es darum, ob der Anlaß die Anschaffung von zehn neuen Fahnen rechtfertigt oder ob man sich mit einem »Fahnenrollkommando« begnügen sollte, das im motorisierten Einsatz den verfügbaren Flaggenschmuck hinter dem Präsidenten ab- und vor ihm wieder aufmontiert.

Die Kinder spielen zur Abwechslung mal nicht »Räuber und Schanditen«, sondern »Der Präsident kommt«. Die Kleinstadt-Radikalinskis von links und rechts bestellen - natürlich bei der gleichen Druckerei - flammende Flugzettel, die noch vor dem Erscheinen des Präsidenten durch eine Aktion der Stadt-Autoritäten bei den untersten und jüngsten Gliedern des Verteiler-Apparates unschädlich gemacht werden - für 50 Pfennige Taschengeld liefern die Straßenjungen ihre Zettelpakete beim Rathaus-Pedell ab.

Die Gerüchtemacher und Klatschtanten nehmen sich des Präsidenten - Besuches gierig an. Mit dem beachtlichen Ergebnis, daß die irregeleiteten Schaulustigen und Honoratioren den hohen Gast zu einer Hochzeit in der Kirche anstatt vor dem Rathaus erwarten. Als sein Schatten vor dem dienernden Bürgermeister (Paul Dahlke) auftaucht, ist der Film zu Ende. Theodor Heuss wird sich nicht über sein Leinwand-Double ärgern müssen.

Worum es den Göttinger Filmleuten bei ihrer Lustspiel-Rekonstruktion des Präsidenten-Besuches geht, das formuliert Autor Abich so: »... etwas von dem guten Geist des Bundespräsidenten ins Kino zu bringen.« Der Film soll eine »indirekte Verbeugung« vor ihm sein, vor einem Mann, der ohne Massenrummel und Prunkentfaltung, ohne Tribünen - Gesten und »Großveranstaltungen« auf seine Art populär ist.

Deshalb scheut der Film auch keine Erinnerungs - Rückblenden auf die Zeit der zehntausend Fahnen, der zigtausend Heil-Rufer, der einstimmigen Beschlüsse und des großen Brimboriums. Rolf Thiele: »Warum so ängstlich mit Vergleichen?« Es dauerte sehr lange, bis man sich in Bonn zu dieser Haltung durchringen konnte. Im Hause Robert Lehrs wurde sogar befürchtet, der Bildvergleich zwischen dem zackigen Gestern und dem zivilen Heute könne der Demokratie Abbruch tun.

Aber als Abich und Thiele ihr Vorhaben in der Villa Hammerschmidt, dem Domizil von Theodor Heuss, ventilierten, wurde ihnen die Reaktion des Bundespräsidenten übermittelt: »Die können sich ruhig über mich lustig machen, aber hoffentlich mit Geist und Witz.«

Da fühlten sich Abich und Thiele stark genug, den Kampf mit den Bürgschafts-Instanzen aufzunehmen. Es wurde eine Abnutzungsschlacht. Das Fazit ihrer Erfahrungen ist auch eine Erklärung dafür, warum die deutschen Filme fast durchweg so müde und wenig originell, so abgestanden wirken.

Resümieren die Filmaufbau-Chefs: »Wir begannen im April, in vorösterlicher Stimmung,

das Drehbuch zur Begutachtung in Frankfurt bei der Treuhand und in Bonn vorzulegen. Alle waren unbeamtenmäßig nett und aufgeschlossen. Alle waren positiv bemüht. Aber gerade dieses Bemühtsein kostete uns Monate. Jeder fühlte sich angesprochen, jeder hatte eine andere Vorstellung, alle hatten ein wenig Furcht. Wie soll auch ein Ministerialrat die Verantwortung für ein Lustspiel übernehmen, in dem sein Staatsoberhaupt im Titel erscheint und eine, wenn auch unsichtbare, Hauptrolle spielt? Natürlich fehlt da der Mut zum Blankoscheck. Pfingsten ging ins Land, es wurde Hochsommer, es kam die Urlaubszeit, und wir hingen immer noch in der Luft.«

Als die Bonner Hürde genommen und die Bundesbürgschaft erteilt war, begann der Tanz in Hannover. Denn für die Landesbürgschaft muß eine »originäre Entscheidung« gefällt werden. Schließlich hatte die Urlaubsseuche so weit um sich gegriffen, daß ein Herr aus der Abteilung »Höheres Schulwesen« federführend wurde. Er hatte vermutlich zum ersten Male ein Drehbuch in der Hand. Es bedurfte der akademischen Rhetorik der beiden Ex-Studenten Abich und Thiele, um die Bedenken des Schulmannes zu zerstreuen.

Überall begegneten sie den gleichen Schwierigkeiten. In ihren Worten: »Der gute Wille überwuchert einfach das Sachverständnis. Wenn es sich um eine Klamotte handelt, lassen die Bürgschaftsleute ihre philosophischen Bedenken zu Hause. Ist es ein Film, der ein bißchen aus der Reihe tanzt, holen sie sie hervor. Was bei uns Schamhaftigkeit vor der großen Phrase, vor dem Pathos ist, halten sie für Frivolität. Und dabei meinen sie es wirklich gut.«

Abich und Thiele, beide 34 und wohl die unfilmischsten Filmleute in Deutschland, trösten sich: »Wir sind eben Außenseiter und können also nur eine außenseiterische Behandlung erwarten.« Trotzdem sind sie »ein wenig traurig«. Denn: »Ein Film wie ''Nachtwache'' (den sie zusammen mit der Münchner NDF drehten) würde heute kaum die Bürgschaftsmaschinerie passieren.«

Ihr Außenseitertum besteht darin, daß sie drehen, was sie wollen und nicht, was das Publikum will, beziehungsweise was der Verleiher glaubt, als Publikumsgeschmack erkannt zu haben. Zu ihrem eigenen Erstaunen

hat sie diese Eigenwilligkeit keineswegs in den Ruin geführt. Sie arbeiten schuldenfrei. Den Gewinn von »Nachtwache« steckten sie allerdings in »Es kommt ein Tag«, der Maria Schell und Dieter Borsche bekannt machte, aber erst jetzt das Geld zurückbringt.

»Primanerinnen« (SPIEGEL 40/51), ein Nachwuchs-Experiment, wurde ein runder Geschäftserfolg. Auf die ganz großen Einnahmen, wie sie etwa die Berolina aus dem »Schwarzwaldmädel« bezieht, spekulieren die Göttinger nicht. Sie sind froh, wenn so viel hereinkommt, daß sie ihren »Selbstbehalt« - zehn bis zwanzig Prozent der Gesamtherstellungskosten - für den nächsten Film aufbringen können.

Ihre Firma marschiert deshalb krisenfest mit leichtem Personalgepäck. Der Stamm zählt sieben Köpfe. »Und das ist noch beinahe zu viel«, meint Hans Abich, der selber die Produktionsleiter - Geschäfte besorgt. Sein Kompagnon Thiele schreibt und inszeniert, so daß Autoren- und Regisseur-Honorare wegfallen. So kommt es, daß »Der Präsident« schon der fünfte Film in den fünf Jahren der Filmaufbau ist, während andere idealistisch-unerfahrene Firmengründer wie Paul Verhoeven, Karl Heinz Stroux oder Heinz Rühmann ihre ersten Schritte auf dem glatten Nachkriegsparkett längst mit Liquidation, jahrelanger Verschuldung bis zur brutalen Auspfändung, wie im Falle Rühmann, büßen mußten.

Auch die Filmaufbau zahlte einmal Lehrgeld. Mit Wolfgang Liebeneiners »Liebe 47«, dem nur halbgeglückten Filmexperiment mit Borcherts halbgeglücktem »Draußen vor der Tür«. Aber »Nachtwache« machte die Schlappe wieder wett. Ihr Erfolg war, das sagen Abich und Thiele selber, »wirklich Zufall. Eine Spekulation wie tausend andere auch. Wer konnte schon ahnen, daß die Leute so stark auf das Problem der beiden Konfessionen anspringen würden.«

Im »Präsidenten« setzten die Göttinger ihre Nachwuchs-Entdeckungsversuche fort. Waren es in den »Primanerinnen« Ingrid Andree und Christiane Jansen, die beide dieses Jahr wieder filmen, so sind es diesmal der Hilpert-Star Elisabeth Müller vom Deutschen Theater und Beate Koepenick, eine junge Darmstädterin. Um die Müller, die des Bürgermeisters Tochter Thea spielen soll, kämpfte Hans Abich verbissen mit

dem Senior der deutschen Verleiher. Kurt Schorcht, der unbedingt einen bekannteren Namen sehen wollte. Erst nach vier stundenlangen Verhandlungen gab Schorcht auf: »Ohne mich - von mir aus«.

Jetzt hofft Abichs Assistent und Dramaturg Wegeleben die Müllerin, die man nach einem Rekord von zwölf Premieren in einer Saison unter Theaterleuten »Heinz Hilperts Inspiration« zu nennen pflegt, unter dem Slogan »Dem deutschen Film sein Lieschen Müller« bekannt zu machen.

Um sie ein wenig starhafter erscheinen zu lassen, hat Wegeleben ihren Vornamen von Elisabeth auf Lisabet abgeändert. Die Filmaufbau hofft, daß aus ihr mal »so etwas wie die Hoppe oder die Hepburn« wird. Theaterleute haben ihren Namen längst mit drei Kreuzen versehen, seit sie in Hilperts »Teufels General«-Aufführung in Zürich die Dido spielte und mit dem Meister die Konstanzer Pleite überstand.

Um alle anderen offiziellen Bedenken zu »Der Präsident kommt« zu zerstreuen, bat Regisseur Rolf Thiele den Komponisten Norbert Schultze, einen Song zu komponieren, der wort- und tonreich die positive Grundeinstellung des Films auch dem ängstlichsten Bonner beweisen sollte. In diesem Song heißt es denn:

Das ist die Liebe, Liebe, Liebe zu Gestalten,
Die eines Tages im Geschichtsbuch stehen.
Das packt die Jungens und die Mädels und die Alten
Das Volk will seinen Fürsten,
Das Volk will seinen Führer,
Das Volk will seinen Häuptling sehen.

Und, um letzte Zweifel zu zerstreuen:

Im ganzen Kontinent
da gibt''s kein Regiment
das besser wär und würdiger
als unser Präsident.

Damit nun auch gegen die Form des Vortrags keine Einwände erhoben werden können, bediente sich Komponist Schultze der akademischen Freiheit. Das Lied wird von Studenten am Biertisch intoniert.

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