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SAGEN Etzels Ende

Nicht in Ungarn, sondern in Westfalen sind die Nibelungen untergegangen: In der Geschichte von Kriemhild, Siegfried und Hagen, so besagen neue Forschungen, lief alles ganz anders ab.
aus DER SPIEGEL 40/1975

Der sagenhafte Stoff beflügelte Maler wie Dramatiker, und kein deutscher Gymnasiast blieb davon verschont: vom Nibelungenlied mit dem kühnen Siegfried und der schönen Kriemhild, dem Schatz im Rhein und dem finsteren Hunnenland.

Nun soll das alles ganz anders gewesen sein. Nicht am Hof zu Worms, so heißt es, habe sich die Story von Minne und Mord begeben, sondern auf einer gewissen Burg Werniza im Belgischen. Nicht mit wilden Ungarn habe sich der grimme Hagen angelegt, sondern allenfalls mit einem kleinen König im westfälischen Soest.

So gänzlich unromantisch ist das Bild, das sich aus den Studien des Sagenforschers Dr. Heinz Ritter, 72, von der Nibelungengeschichte ergibt -- die in ihrer populären Form Anfang des 13. Jahrhunderts von einem unbekannten Dichter des österreichischen Raums in 2400 Strophen gekleidet worden war. Seit 17 Jahren beschäftigt sich

* Freske von Julius Schnorr von Carolsfeld in der Münchner Residenz.

Ritter mit der Saga, und seit diesem Jahr genießt er dabei den finanziellen Beistand des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums.

Als »eindeutig förderungswürdig« (so ein Ministeriumssprecher) hatten zuvor etliche Gutachter die Arbeit des Nibelungenspezialisten bewertet. Für Professor Heinz Stoob vom Institut für vergleichende Städtegeschichte an der Universität Münster etwa ist es »unbestreitbar, daß seine Beweisführung anregende Wirkung auf die Forschung ausüben kann«; der Kölner Historiker Professor Günther Stökl findet »seine Thesen recht überzeugend«.

Vor allem sind sie verblüffend. Die Nibelungen, die nach der traditionellen Sagenfassung von Worms aus an Main und Donau entlang nach Ungarn zu König Attila (Etzel) zogen, sind nach Ritters Recherche ganz andere Wege gegangen. Sie kamen aus einer Gegend »zwei Tagesmärsche westlich des Rheins«, überquerten den Rhein beim heutigen Leverkusen und ritten dann, an Burg Thorta (Dortmund) vorbei, schnurstracks in Richtung Susat (Soest) -- zu einem König namens Attila, der aber nicht ungarischer, sondern friesischer Abstammung war.

Der Forscher stützt sich auf die sogenannte Thidrek-Saga, die auf älteren Überlieferungen beruht als das Nibelungenlied. In dieser Sage kommen die »Niflungen« bei ihrer Reise an eine Stelle, »wo Duna und Rin zusammenfallen«. Mit »Duna« aber war laut Ritter keineswegs, wie stets angenommen, die Donau gemeint, sondern das heute noch existierende Flüßchen Dhünn, das einst tatsächlich bei Leverkusen in den Rhein mündete und heute in die Wupper einfließt.

Dem unbefangenen Umgang jenes österreichischen Dichters mit Namen und Lagen ist es laut Ritter auch zuzuschreiben, daß der Untergang der Nibelungen nach Ungarn verlegt wurde. In Wahrheit habe die Tragödie in der Soester Börde stattgefunden. Denn: Das in der Thidrek-Sage erwähnte »Hunaland« war nicht identisch mit dem »Hunnenland«, sondern bezeichnete das »Hünenland« Westfalen.

Bei seinem Bemühen, Dichtung und Wahrheit zu scheiden, wurde dem Wissenschaftler auch bald klar, daß Worms kaum der Herkunftsort der Nibelungen gewesen sein könne. Denn die örtlichen Verhältnisse am Rhein scheinen den Nibelungen auf ihrem Zug ins Westfälische wenig bekannt gewesen zu sein: »Das war breit dahinüber«, sollen sie sich laut Thidrek-Saga beim Anblick des Flusses gewundert haben, »und da war kein Schiff« -- kaum denkbare Beobachtungen von Ur-Wormsern.

Und nach dem Übersetzen schließlich kamen die Nibelungen bei Burg »Bakalar«, der alten Burg Berge bei Altenberg an der Dhünn, mit dem Markgrafen Rodinger alias Rüdiger von Bechelaren zusammen, einem Vasall des Soester Regenten Attila -- und nicht, so das alte Lied, im niederösterreichischen Pöchlarn mit einem Untergebenen von König Etzel.

Die Beweise für seine Gegendarstellungen scheinen Ritter stichhaltig. Denn ganz gleich, ob es um Entfernungsangaben, Landschaftsbeschreibungen oder Ortsnamen geht -- »die Erzählung der Thidrek-Saga"~. so sagt er, »macht über die Örtlichkeiten des Niflungenzuges vielfache Angaben, die sich bei genauer Prüfung alle als sinnvoll und zusammenhängend erweisen«.

Aus Prinzip prüft der Forscher das selber nach: Mal reist der rüstige Ritter nach Leverkusen und inspiziert das Mündungsgebiet der Dhünn, mal recherchiert er auf dem Felsen der ehemaligen Burg Berge. Und dem NRW-Wissenschaftsministerium machte der Germanist seinen Reisespesen-Voranschlag damit plausibel, daß »bestimmte, in der Thidrek-Sage berichtete Reisewege nachvollzogen und genannte Örtlichkeiten aufgesucht« werden müßten.

Eine Reise an jene Stelle des Rheins, wo Hagen angeblich den sagenhaften Nibelungenhort versenkt hat, kann sich Ritter sparen. Denn in seinem Quellenmaterial kommt »ein so gewaltiger Schatz überhaupt nicht vor«. Ein »kleinerer Schatz« sei, wenn überhaupt, »vielleicht in einer Höhle im Sauerland zu finden«. Auf, auf.

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