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»Ewig währt das Dritte Reich]]]«

SPIEGEL-Redakteur Rolf Becker über neue Bücher zum Thema Jugend unter Hitler
Von Rolf Becker
aus DER SPIEGEL 39/1980

Der eine, »Wölfling« in der »Freischar junger Nation«, ist am 30. Januar 1933 beim Fackelzug durchs Brandenburger Tor dabei: »Wir marschierten wie im Rausch, das war die Stunde der Befreiung, der große, herrliche Augenblick der Auferstehung Deutschlands.«

Ein anderer trägt stolz »die rot-weiße Kordel des Jungenschaftsführers«. Am Lagerfeuer, »die Flammen loderten auf«, hört er ergriffen den Spruch: »Du Volk aus der Tiefe, du Volk in der Nacht, vergiß nicht das Feuer, bleib auf der Wacht]«

Ein dritter erinnert sich, wie er beim Appell gefragt wurde, ob er »Fahnenträger« werden wolle: »In mir stieg eine Welle der Begeisterung hoch: 'Jawohl, Bannführer', schrie ich.«

»Feierlich in brausender Andacht« singt das »Jungmädel« Ada unterm Maibaum »Flamme empor]« Und hinterher »fühlt sie noch, wie sie das mitgerissen hat«.

Wieder ein anderer gedenkt seines »Jungzugführers« (grüne Wollkordel): »Kutte Klotsch brüllte uns an, als stünde er nicht fünf, sondern fünfzig Meter von uns entfernt: Jungzuuuug -- stillgestanden]« 1945 dann, als all dem begeisterten Brüllen und Brausen ein Ende gesetzt wird, fragt der Pimpf seinen Freund: »Erich, wirst du Werwolf?«

Szenen aus fünf Neuerscheinungen dieser Saison, aus:

* »Kein Alibi« von Hannsferdinand Döbler (Ullstein; 352 Seiten; 29,80 Mark),

* »Wer weiß, ob wir uns wiedersehen« von Dieter Borkowski (S. Fischer; 224 Seiten; 20 Mark),

* »... und ich der Fahnenträger« von Eugen Oker (Nymphenburger; 176 Seiten; 20 Mark), S.230

* »Der Hirseberg« von Elisabeth Heinisch (Erb; 236 Seiten; 28 Mark),

* »Der Junge« von Jochen Ziem (Autoren-Edition; 164 Seiten; 22 Mark).

Deutsche Autoren memorieren -kritisch natürlich, selbstkritisch -- ihre Hitlerjugendzeit, besser: ihre Jugend zur Hitlerzeit. Das Thema hat Konjunktur, übrigens nicht nur auf dem Buchmarkt: Eben erst lief im ZDF Claus Hubaleks Film »Luftwaffenhelfer«, da kündigt der Südwestfunk fürs kommende Jahr eine vierteilige TV-Spielserie »Jugend unter Hitler« an. Und es paßt ins Bild, daß ein vor vier Jahren unter dem Titel »Drei Groschen für H.« erschienener autobiographischer Jungmädel- und Flakhelferinnen-Roman just in diesen Tagen wie neu angeboten wird -- unter einem deutlicheren Titel: »Pflaumenkuchen für den Führer«.

Muß man mutmaßen, was diese Welle ausgelöst, was sie in Schwung gebracht habe?

Gewiß läuft sie mit in einem allgemeinen Trend. Die siebziger Jahre in der Literatur seien »die Zeit der Erinnerungen und Tagebücher, der Autobiographien«, hat (nicht nur) Marcel Reich-Ranicki festgestellt. Die »biographische Literatur«, kann »Buchreport« auch 1980 melden, »erlebt einen unerhörten Aufschwung«.

Aber auch ein literarischer Spezialfall mag da anregend gewirkt haben: Walter Kempowski hat ja mit beträchtlichem Erfolg gezeigt, was sich aus der eigenen Familiengeschichte, aus banal-bürgerlicher Privatheit an zeitgeschichtlicher Signifikanz herausholen läßt; daß »Tadellöser & Wolff« einmal Schule machen würde, konnte nicht ausbleiben.

Schließlich hat der Schock-Erfolg von »Holocaust« aufgedeckt, wie in mancherlei Hinsicht unbewältigt unsere rund vier Jahrzehnte zurückliegende Vergangenheit immer noch ist, welches Informationsdefizit zu begleichen, wieviel Raum für individuelle Reminiszenzen und Bekenntnisse noch bleibt.

Die erstaunliche »negative Lebendigkeit des Dritten Reiches« 35 Jahre nach seinem Untergang, von der Ernst Nolte kürzlich schrieb -- sie wird jedenfalls immer wieder in der deutschen Erzählliteratur produktiv, sie löst immer neuen Autoren die Zunge.

So weit, so gut erklärlich. Zu fragen ist aber nun, ob dabei auch immer Neues herauskommt, genug Neues und Neuartiges zum alten, leidigen Thema?

Die Bücher der Autoren Döbler, Borkowski, Oker, Heinisch und Ziem sind als Beiträge zum Thema Jugend unter Hitler allesamt achtbar. Sie machen vor allem eine jugendliche Begeisterungsbereitschaft anschaulich, die nur zu leicht mißbraucht werden konnte.

Sie berichten von Heranwachsenden, deren natürliche Generationenkonflikte sich zeitgemäß politisieren; von Eltern, die zwischen völkischer Sympathie für und konservativen oder konfessionellen Vorbehalten gegen die Nazis schwanken; von einem bürgerlichen Milieu der Unaufgeklärtheit, der Indolenz und des Opportunismus.

Sie bieten damit keine ganz neuen Aufschlüsse mehr. Man hat das schon in früheren Büchern beschrieben gefunden, etwa die Psychologie des »idealistisch« entflammten, des antibürgerlich gestimmten Hitlerjugendlichen aus gutbürgerlichem Elternhaus sehr überzeugend in dem Lebensbericht »Fazit« (1963) der Melita Maschmann, dessen Untertitel »kein Rechtfertigungsversuch« Döblers »Kein Alibi« vorwegnimmt.

Alle fünf 1980er Novitäten sind überdies literarisch nicht ersten Ranges. Doch jedes der Bücher wird durch spezielle Erinnerungsdetails, durch Erlebnisnuancen, die es unserem Bild vom »gewöhnlichen Faschismus«, vom Alltag im Dritten Reich hinzufügt, lesenswert.

Dieter Borkowski, Jahrgang 1928, einst Absolvent der »Reichsjugendführerschule Burg Storkow in der Mark«, hat seine »Erinnerungen an eine Berliner Jugend« in die Form eines rekonstruierten Tagebuches aus den Kriegsjahren 1942 bis 1945 gebracht. Dabei ist ihm allerhand historischer Originalton gelungen ("Vormittags ist weltanschaulicher Unterricht, da wird das Ideengut des Nationalsozialismus vorgetragen"), doch auch mancher anachronistische Zungenschlag unterlaufen. Manche quasi regimekritische Nachdenklichkeit, die hier der junge Borkowski in sein Tagebuch einträgt, stammt wohl doch eher aus dem Bescheidwissen des alten.

Beeindruckend sind die Aufzeichnungen aus den letzten Kriegswochen in Berlin: Wie der Flakhelfer Borkowski und seine Kameraden nach dem Abschuß eines britischen Mosquito-Bombers »begeistert« auf »Eiserne Kreuze zweiter Klasse« hoffen; wie er es »ungerecht« findet, daß der Propagandaminister Goebbels »sechs riesige Radioapparate« und anderes kostbares Mobiliar im »Flakturm« Friedrichshain bombensicher einlagern läßt; wie er am Ende bei der NSDAP-Ortsgruppe Urban desillusionierend »widerwärtige Dinge« beobachten muß: »Die meisten Parteigenossen saßen oder lagen auf dem Rinnstein; sie waren betrunken«, ihre Uniformen »teilweise bekotzt«.

Solche Dramatik aus der Nähe zum Zentrum der Nazi-Welt (schließlich hat der junge Borkowski einmal sogar, im Gedränge eines »Weihnachtsmarkts der Hitlerjugend«, Goebbels auf den Fuß getreten) haben der gebürtige Magdeburger Ziem, der Oberpfälzer Oker und die in Münster geborene Elisabeth Heinisch nicht zu bieten. Sie schildern Jugend unter Hitler in der deutschen Provinz.

Jochen Ziem, Jahrgang 1932, zeichnet in seinem Buch eine »Entwicklung in sieben Bildern« nach -- ein Stück Autobiographie in epischen Momentaufnahmen aus den Jahren 1938 bis 1945. Auch diese Geschichte wird aus der Perspektive des Jugendlichen erzählt, und auch diesem Verfasser unterlaufen dabei einige zu alt-kluge Töne.

Behütet von einem Bourgeois-Vater, der im Luftschutzkeller unter seinesgleichen zu bleiben wünscht und Schampus ausschenkt ("Plebs frißt, Intelligenz säuft"), und einer Mutter, die denn doch recht auffällig kempowskisch daherschnackt ("Nein, ist das schön] sagte meine Mutter"), kommt S.232 der junge Ziem einigermaßen heil durch Schule und »Jungvolk«, Pubertät und Krieg.

Was da erlebt und -- mit Sinn für Komik auch -- beschrieben wird, ist uns durchweg schon vertraut: dumpfes Bürgerinterieur mit Klubsessel und Flügel, kindliches Kriegsspiel, Fremdheit und Faszination proletarischer Nachbarschaft, erotische Erziehung durch Dienstmädchen.

Ziem sagt nichts Neues, wenn er darstellt, wie der Heranwachsende den Krieg als ein Stück Befreiung vom Erziehungsjoch erlebt. Aber er ruft es doch ziemlich lebhaft in Erinnerung: Für jede begonnene Stunde Fliegeralarm nach 22 Uhr dürfen die dankbaren Schüler eine Stunde später zur Schule kommen; im Luftschutzkeller-Klo verschlingt der Knabe »Bianca Maria«, im Dunkel der Bombennächte hat er seine ersten Rendezvous.

Ziems »Junge« ist im übrigen kein sehr »zackiger« Pimpf. Der brüllende Jungzugführer Klotsch droht ihm und anderen »Flaschen, Kaulquappen, Schlappschwänzen«, er werde ihnen »die Backen auseinanderreißen«. Sie trösten sich mit der bübischen Nachrede, der gefürchtete Schleifer habe, wie kürzlich beim Pinkeln zu bemerken, »einen ganz krummen Schwanz«.

Ungebrochen ist die HJ-Begeisterung des kernigen Bayernjungen, den der 1919 geborene Eugen Oker in seinem (nicht unmittelbar autobiographischen) Buch zu Wort kommen läßt -eine Begeisterung und Kernigkeit, die sich durch ihren pfiffig pseudonaiven Originalton selber bloßstellt: »Nachdem es sich herausgestellt hat, daß die Revolution der Nationalsozialisten erfolgreich ist, gehen alle Leute dazu.«

Okers »wahre Satire« vom Hitlerjungen, der gern so »verruchte Lieder« schmettert wie »Wenn das Judenblut vom Messer spritzt«, ist ebenfalls als Tagebuch aufgezogen, hier nur der Jahre 1932 bis 1936. Letzte Eintragung: »Ewig währt das Dritte Reich]]]«

Der junge »Fahnenträger« wechselt vom deutschnationalen Jugendverband in die HJ, die für ihn »die größere Idee ist, schon mengenmäßig«. Er beobachtet die Anpassung der Erwachsenen; die Mutter freilich »geht selber immer mit zwei Taschen zum Einkaufen, damit sie nicht den Arm zum 'Heil Hitler' aufheben muß«.

Zwar wird der Onkel Hans, Bürgermeister im Nachbardorf, 1933 verhaftet. Aber: »Nach Dachau kommen nur die wirklichen Gegner des Nationalsozialismus. Die, welche sich nicht verhaften lassen, sondern dagegen arbeiten. Bei uns in Lalling waren es nur die zwei Sozialdemokraten, und da sagt jeder, um die ist es nicht schade.«

Dem Autor gelingen dank diesem Stil einige erschreckend komische und auch schlicht erschreckende Episoden, so die vom Rassenkunde-Unterricht in der Schule und dem Ausschluß des einzigen jüdischen Mitschülers. Doch mit Schnurren wie der vom Gauleiter, dessen pompöser Auftritt durch eine heruntergehende Bahnschranke vermasselt wird, gleitet die Satire in allzu harmlose Humoristik ab.

Durchweg ernst gestimmt ist Elisabeth Heinischs autobiographischer (Erstlings-)Roman. Die hitlerjugendliche Begeisterung des Mädchens Ada, von der die 1927 geborene Autorin erzählt, spielt in ihrem Buch keine Haupt-, aber eine bezeichnende Rolle.

»Der Hirseberg« ist in erster Linie die Entwicklungsgeschichte eines vom engen katholischen Milieu seiner Herkunft geschädigten, mit vielen Erziehungswunden geschlagenen Kindes. Die NS-Welt bleibt im Hintergrund. Doch auch hier wird, ähnlich wie in den Büchern Borkowskis, Ziems und Okers, deutlich, welche emotionale Attraktion, welche Befreiungsverlockung das jugendbündische Erlebnis, wenn auch nazibraun uniformiert, für den Heranwachsenden bereithielt.

Zunächst findet die schüchterne Ada den »Jungmädeldienst«, zu dem sie von ihrem Vater aus ängstlichem Konformismus gedrängt wird, eher langweilig. »Einmal aber, an einem ersten Mai ... marschieren sie andere Wege, singen sie andere Lieder« -nämlich »Flamme empor]« und »Die Fahne hoch]« --, und da »leuchten die weißen Blusen, die Augen glänzen, und die Gesichter brennen im Frühlingswind«.

Auch für Elisabeth Heinischs Ada bringt dann der Krieg, trotz und mit Gefahr und Angst, so etwas wie Beihilfe zur Emanzipation. Leider verliert ihre (zu bemüht poetische) Erzählung gegen Ende an innerer Spannung. Eigenbau-Tabak, Hamsterfahrt und Schwarzbrennerei, Abitur-Sonderlehrgang und Care-Paket -- die typischen Stationen und Requisiten der ersten Nachkriegszeit werden allzu flink und flach registriert: »Endlich kommt die Währungsreform ...«

Die gehaltvollste, aufschlußreichste der hier gemeinsam betrachteten Neuerscheinungen ist gewiß Hannsferdinand Döblers »Kein Alibi«. Die Autobiographie S.234 des gebürtigen Berliners vom Jahrgang 1919, im Untertitel »Ein deutscher Roman 1919--1945« genannt, ist gelegentlich etwas holperig formuliert, doch sie vermag den Leser von Anfang bis Ende zu interessieren. Und sie macht nachfühlbar, daß der Autor sie sich von der Seele schreiben mußte -- jetzt endlich, nach so vielen Jahren und schon vielen Döbler-Büchern von weniger existentiellem Engagement.

Rekapituliert und aus dem »Schamgefühl des heutigen Tages« eingestanden wird die Entwicklung eines so apolitisch unaufgeklärten wie nationalistischen Bürger-(und Mutter-)Sohnes zum Hitler-Gläubigen und blindbegeisterten Offizier.

Der »junge D.«, so erinnert sich der heute 61jährige, hat im Elternhaus keine antisemitischen Vorurteile mitbekommen. Doch als 12jähriger »Wölfling«, der dem Walter-Flex-Wort »Reif werden und rein bleiben« nachstrebt, marschiert er 1931 durch Wilmersdorf und brüllt »Sprechchöre auf die Juden Weiß und Zörgiebel: diese Schufte sollten zurücktreten«.

Er ist mit einem »vierteljüdischen« und einem »halbjüdischen« Mädchen befreundet. Doch als »rassisch einwandfreier« Junge darf er 1936 beim »Weihespiel« zur Olympiade mitmachen; im Olympiastadion läßt ihn der Große Zapfenstreich erschauern: »Man wurde süchtig nach Aufmärschen.«

Der Soldat Döbler hält die Polen 1939 »wie jedermann damals« für »schmutzig, faul und minderwertig«. Die ersten Ostjuden, denen er begegnet, betrachtet er »wie Menschen einer Völkerschau, Kanaken zum Beispiel ... Sie gingen ihn nichts an, jung, sauber, siegreich wie er war«. Als drei gefangene Partisanen von einem Wehrmachts-Unteroffizier blutig geprügelt werden, tut er nicht mit. Aber später wird der Oberleutnant Döbler auf Partisanenjagd zum »Henker« eines russischen Dorfes -- er zwingt seine zunächst widerstrebenden Landser, es niederzubrennen.

Als der junge D. zum Leutnant befördert wird, ist er »stolz auf meine Schulterstücke«. Er wünscht sich einen »wirklichen Einsatz«, ist todesmutig tollkühn, wird schwer verwundet und strebt auf schnellstem Wege wieder an die Front. Auf Urlaub daheim aber muß sich der Held immer noch von der Mutter ermahnen lassen: »Zieh dir erst mal die Schuhe aus, du machst mir den Teppich schmutzig.«

Im Oktober 1942 sieht Oberleutnant Döbler in Polen einen Zug Viehwaggons mit Menschen hinter vergitterten Fenstern: »Nein, es hat D. nicht interessiert, wer in diesen Waggons transportiert worden ist ... und er konnte sich auch nichts dabei denken, denn er hat S.235 damals eigentlich kaum nachgedacht ... Wenn er aber diesen Waggons mehr als einen flüchtigen Blick gewidmet hätte, und man hätte ihn gefragt, was er denn so davon hielte, so hätte er geantwortet: Dieser Anblick ist zwar unangenehm, aber Härte ist notwendig, und das wird schon alles seine Ordnung haben.«

Am Abend des 20. Juli 1944 läßt Döbler, nun Lehroffizier an einer Kriegsschule, seine Fahnenjunker am brennenden Holzstoß Treuelieder auf den dem Attentat entronnenen Hitler singen: »Sie starren in die Flammen und haben große Gefühle -- es ist eine große Zeit.« Angesichts der deutschen Niederlage, beim Anblick der Flüchtlingstrecks aus Pommern 1945 »schämt« er sich »nicht etwa der Hitler, Goebbels und Göring, der Himmler und Streicher, sondern nur, weil ich mich sozusagen persönlich geschlagen fühlte«.

Am 20. April 1945, von den Russen schon eingeschlossen im sogenannten Kurlandkessel, feiert Döbler mit seinen Kameraden zum letzten Mal »Führers Geburtstag« -- auf eine kaum überbietbar »unwirkliche Art": »Die Hauptfeldwebel des Regiments waren in einer Linie angetreten und hatten jeder ein rohes Ei auf dem Löffel liegen. Sie mußten nun hundert Meter um die Wette laufen. Das Publikum waren die Landser -- ein köstlicher Spaß, wenn man bedenkt, welche Macht Hauptfeldwebel hatten.«

Solche »teutonischen Lustbarkeiten«, schreibt der Autobiograph, der für die »faschistische« Verblendung seiner Jugend kein Alibi beibringen will, hätten »zur Innenausstattung des Dritten Reiches gehört wie das Flaggenhissen und der Morgenappell«.

Döblers »Kein Alibi« und die Bücher der Borkowski, Ziem, Oker und Heinisch ermöglichen weitere Einblicke in diese so groteske wie banale, katastrophenträchtige Innenausstattung des Reiches, von dem Okers Hitlerjunge annahm, daß es »ewig währt«.

Ewig oder tausend Jahre? Auch den gutwilligen Leser dieser Bücher mag der Gedanke anwandeln, wir hätten nun eigentlich genug davon, seien endlich ausreichend ins Bild gesetzt über Morgenappelle und Fackelzüge, Fahnenträger und Jungmädeldienst, grüne und rot-weiße Führerkordeln, den ganzen fatalen Mumpitz.

Aber man muß wohl darauf gefaßt sein, daß das Dritte Reich als Erinnerungs- und Erzählstoff wenn nicht ewig, so doch noch manches Jahr weiter währen wird. Auch die Einblicke, die jetzt jene neuen Bücher in sein und seiner Untertanen Innenleben vermitteln, sind nur Einblicke -- ein für allemal erklären können auch sie die Katastrophe nicht.

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