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Theologe im Interview »Existenz des Telephons noch ignoriert«

Der Schweizer Theologe Dr. August Bernhard Hasler, 34, ist jüngst aus den Diensten des Heiligen Stuhls ausgeschieden.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Er war viereinhalb Jahre lang im Sekretariat für die Einheit der Christen tätig, das der holländische Kardinal Willebrands leitet. Hasler, der an der päpstlichen Universität »Gregoriana« mit einer Arbeit über Luther den Doktortitel erworben hat und im Einheits-Sekretariat für die Kirchen der Reformation zuständig war, arbeitet jetzt in München an seiner Habilitationsschrift über die päpstliche Unfehlbarkeit. Er lebt von einem nichtkirchlichen Forschungsstipendium. übe,« die Gründe für sein Ausscheiden aus dem Vatikan hat er bislang geschwiegen.

SPIEGEL: Sie haben viereinhalb Jahre im vatikanischen »Sekretariat für die Einheit der Christen« gearbeitet. Warum sind Sie dort weggegangen?

HASLER: Ich hatte nie im Sinn, länger als fünf bis sechs Jahre an der römischen Kurie zu arbeiten. Ich muß aber auch sagen, daß die Entwicklungen in den letzten Jahren es mir erleichtert haben, von Rom wegzugehen.

SPIEGEL: Konnten Sie einfach weggehen? Schließt man nicht einen Vertrag ab und verpflichtet sich auf eine Zeit? Wie funktioniert das praktisch?

HASLER: Wenn man in den Dienst der römischen Kurie tritt, dann bekommt man überhaupt keinen Vertrag in die Hände. Man wird probeweise auf zwei Jahre angestellt, kann also nach zwei Jahren fristlos entlassen werden. Nachher ist man endgültig aufgenommen, aber man hat keinen Arbeitsvertrag und kann eigentlich auch dann fristlos entlassen werden. Deshalb gibt es auch keine Kündigungsfrist.

SPIEGEL: Man hört immer wieder, daß die Angestellten der Kurie schlecht bezahlt sind.

HASLER: Ich muß schon sagen, daß der Lohn, den man in der römischen Kurie bekommt, im Verhältnis zur Ausbildung, die gefordert wird, miserabel ist. Anfangs habe ich ein Gehalt von 120 000 Lire bezogen, das sind etwa 650 Mark. Als Kaplan in der Schweiz hatte ich 1400 Franken plus freie Wohnung.

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung, warum der Vatikan seine Leute nach einem altväterlichen Arbeitsrecht behandelt und schlecht bezahlt, während er sozial fortschrittliche Enzykliken erläßt?

HASLER: Ich glaube, der Vatikan könnte ohne weiteres größere Löhne bezahlen, wenn man an sein Vermögen und die riesigen Ausgaben für Bauten und so weiter denkt. Es hat also keine finanziellen Gründe, daß die Löhne so klein sind. Der eigentliche Grund liegt meines Erachtens darin, daß der Vatikan in dieser Lohnpolitik eines der besten Mittel sieht, die Mitarbeiter völlig abhängig zu halten, um sie als Instrumente zur Aufrechterhaltung des ganzen Systems gebrauchen zu können. Es ist praktisch deshalb für viele nicht möglich, wegzugehen oder zu riskieren, entlassen zu werden, weil sie wirtschaftlich überhaupt keine Basis haben. SPIEGEL: Wie war die äußere Atmosphäre? Man stellt sich den Vatikan mit altmodischer Einrichtung vor, mit Damast und Stilmöbeln. Wie sah es bei Ihnen aus?

HASLER: Wir waren in einem Haus untergebracht, in dem sich früher Privatwohnungen von Kardinälen und anderen höheren Kurialbeamten befanden. Wir hatten außerordentlich viele Badezimmer. Das Ganze ist nicht sehr funktional eingerichtet, allerdings auch nicht mit Stilmöbeln oder großem Aufwand. Ich würde überhaupt sagen, daß die Organisation viel zu wünschen übrig läßt, besonders, weil wir für jede Kleinigkeit ein Gesuch bei der Administration einreichen mußten. Ich erinnere mich, daß die Vorhänge so dunkel geworden waren, daß viele reklamierten, man würde in den Büros kaum mehr etwas sehen. So wurde denn ein Brief an die Administration geschrieben, worin um die Erlaubnis gebeten wurde, die Vorhänge waschen zu lassen, da dies seit drei Jahren nicht mehr geschehen sei. Die Antwort auf diesen Brief blieb fast ein Jahr aus. Einige von uns ergriffen vorher die Initiative und ließen die Vorhänge von ihren Haushälterinnen waschen.

SPIEGEL: Ist man im Vatikan offen miteinander oder hat man immer die Sorge, daß der andere einen aushorchen könnte? Gibt es Kontakte quer durch die Kongregationen, die ja etwa mit Ministerien vergleichbar sind?

HASLER: Ich muß da unterscheiden zwischen dem Arbeitsklima im Einheitssekretariat und in der Kurie an sich. Als ich vor viereinhalb Jahren ins Einheitssekretariat eintrat, war das Klima ziemlich kollegial, und ich hätte mich damals kaum beklagen können. Anfangs schienen sich auch meine Erwartungen zu erfüllen, das Einheitssekretariat würde einen von der Jahrhunderte alten kurialen Tradition unbelasteten und den Aufgaben der weltweiten ökumenischen Bewegung entsprechenden Arbeitsstil verwirklichen. Doch in den letzten zwei bis drei Jahren haben sich die retardierenden, konservativen Kräfte an der römischen Kurie bedeutend verstärkt. Sie setzen alles daran, die weiterführenden -- in ihren Augen gefährlichen -- Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu neutralisieren. Die Schraube von oben, das heißt vom Staatssekretariat, ist immer stärker angezogen worden.

SPIEGEL: Woran merkten Sie das?

HASLER: Aufgrund der Kurienreform »Regimini ecclesiae« aus dem Jahre 1967 ist die Oberaufsicht über alle Kongregationen und Sekretariate dem Staatssekretariat übertragen worden, so daß kein wichtiger Beschluß ohne die Billigung des Staatssekretariats gefaßt werden kann. Durch die vielseitige Abhängigkeit -- vor allem vom Staatssekretariat, aber auch von der Glaubenskongregation -- wächst das Funktionärstum. Demokratische Strukturen können nicht wirksam werden, und immer deutlicher gewinnt eine einseitige restaurative theologische Tendenz die Oberhand.

SPIEGEL: Wie finden sich die unteren Vatikan-Beamten. vor allem die jüngeren Priester, damit ab? Haben sie Kontakt untereinander?

HASLER: Die Gefahren, von denen ich sprach, werden noch verschärft durch die Tatsache, daß das Kurienrecht Kontakte auf der Ebene der Sachbearbeiter meist verpönt. So ist es einem Angestellten in der Kurie untersagt, an einen Angestellten einer anderen Kongregation zu schreiben. Es war mir zwar erlaubt, zum Beispiel mit einem Kollegen in der Glaubenskongregation zu telephonieren, weil das Kurienrecht die Existenz des Telephons nicht berücksichtigt. Ich habe mit Kollegen häufig telephonische Kontakte gehabt, aber sobald ich einen Brief schreiben wollte, gab mir der Sekretär zu verstehen, der Briefwechsel innerhalb der Kurie gehe nur vom Sekretär der einen Kongregation zum Sekretär der anderen Kongregation, also sozusagen auf der Bischofsebene, denn die meisten Sekretäre haben Bischofsrang.

SPIEGEL: Unter den Bedingungen, wie Sie sie jetzt schildern, kann man sich vorstellen, daß sich unter den Beamten des Vatikans leicht Mißtrauen ausbreitet, weil man ja nicht weiß, wer verantwortlich ist und wer für was genau zuständig ist.

HASLER: Das ist ein heikler Punkt, denn nach dem Kurienrecht ist ja ein »gewöhnlicher Angestellter für nichts verantwortlich. Die Verantwortlichkeit liegt nur beim Präsidenten und beim Sekretär, die eigentlich allein das Recht zur Unterschrift haben. Eine klare Kompetenzabgrenzung gibt es folglich ebenfalls nicht. Nach dem vatikanischen Arbeitsrecht hat man ja auch alle Befehle der Oberen auszuführen. Es gibt keine klare Aufteilung der Aufgaben.

SPIEGEL: Hatten Sie das Recht oder die Möglichkeit, einem Vorgesetzten zu widersprechen, die Möglichkeit. sofort Ihre Vorgesetzten anzurufen« Konnten Sie zum Beispiel Ihren obersten Vorgesetzten, den Papst. einfach um ein Gespräch bitten? Wußte der Papst, daß es Sie gibt? Sie waren ja schließlich als Fachberater für eines der wichtigsten Gebiete der Kirche eingestellt. Konnten Sie zum Beispiel den Papst einfach anrufen?

HASLER: Die Kurie ist so paternalistisch und hierarchisch aufgebaut, daß schon diese Ihre Fragen im vatikanischen Milieu lächerlich klingen. Hätte ich einmal wirklich den Wunsch geäußert. den Papst zu sprechen, auch mit einem formellen Gesuch, tagelang vorher eingereicht, so hätten viele gesagt: »Hat der den Größenwahnsinn bekommen?« Es ist völlig unmöglich, daß ein »gewöhnlicher« Angestellter, auch wenn er ein wichtiges Fachgebiet bearbeitet, mit dem Papst darüber sprechen kann. Ich habe in den ganzen viereinhalb Jahren nie mit dem Papst über die Probleme der Beziehungen der römisch-katholischen Kirche zu den lutherischen, reformierten und altkatholischen Kirchen gesprochen.

SPIEGEL: Haben Sie es versucht?

HASLER: Ich wollte mich nicht lächerlich machen. Ich will schildern, wie das etwa funktioniert: Ich hatte die Rede für den Papst anläßlich des Besuches einer offiziellen Delegation des Lutherischen Weltbundes vorbereitet, ging dann zusammen mit der Delegation in die Privatbibliothek und mußte für zwei Mitglieder dieser Delegation vom Französischen ins Englische übersetzen. Der Papst sagte zu mir: »Bitte kommen Sie doch näher, damit Sie mich auch gut verstehen.« Ich antwortete, dies gehe nicht gut, da ich simultan übersetzen solle und mich zwischen die beiden Besucher gesetzt hatte, die meine Übersetzung benötigten. Es war aber auch für mich nicht notwendig, den Papst gut zu verstehen, denn ich hatte ja die Rede gemacht und kannte sie ganz genau. Der Papst jedoch hatte keine Ahnung davon, daß ich es gewesen war, der die Rede geschrieben hatte.

SPIEGEL: Ein Streikrecht der Beamten gibt es nirgends, aber es gibt doch überall Organisationsrechte der Beamten, um die Interessen wahrzunehmen. Ist das im Vatikan in irgendeiner Form möglich?

HASLER: Während der Zeit, in der ich dort arbeitete, sind mir anonyme Versuche zur Organisierung der Beamten, vor allem der Laien, im Dienste des Vatikans zu Ohren gekommen.

SPIEGEL: Überall im Vatikan«?

HASLER: Da weiß ich nicht genau Bescheid. Ich glaube, vor allem die päpstliche Polizei hat Versuche gemacht, dann auch die Boten. Unter den Priestern ist so etwas undenkbar, denn wenn das ruchbar werden würde, würden die Leute sofort entlassen werden.

SPIEGEL: Mangelt es vielen Priestern im Vatikan nicht einfach an Zivilcourage? Sie brauchen ja nicht einmal Mut, höchstens Zivilcourage.

HASLER: Ich glaube, ein Mann, der an der römischen Kurie bleiben will -- und eigentlich ist immer daran gedacht. wenn einer eintritt, daß er sein Leben lang hier bleibt-: wer also bleiben will, kann es sich einfach nicht leisten, solche Kritik zu üben oder einen Zusammenschluß zur Wahrnehmung seiner Interessen zu versuchen, weil er sich dadurch nicht nur seine Karriere verbauen, sondern sein Bleiben unmöglich machen würde.

SPIEGEL: Was kann ihm denn schlimmstenfalls passieren? Daß er entlassen wird. Ihre Vorgesetzten rechneten aber offensichtlich damit, daß kein Widerspruch kommt.

HASLER: Man hat natürlich immer die Möglichkeit wegzugehen, und in der Tat sind ja eine ganze Reihe von Leuten in letzter Zeit weggegangen -- von der Kommission »Justitia et Pax«, dem Staatssekretariat, aus der Glaubenskongregation.

SPIEGEL: Der stärkste Protest. der Ihnen bleibt, ist das Weggehen?

HASLER: Ja, das ist das Weggehen.

SPIEGEL: Ist Ihr Weggang ebenfalls als Protest zu verstehen?

HASLER: In einem gewissen Sinne ist es auch ein Protest, weil ich gegenwärtig wirklich nicht sehe, wie die ökumenische Bewegung weitergehen soll in den nächsten Jahren. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Aufgabe des Einheitssekretariats, nämlich die Einheit der Christen zu fördern, unter diesen Bedingungen überhaupt wahrgenommen werden kann. In den nächsten Jahren wird meiner Meinung nach nichts Entscheidendes geschehen.

SPIEGEL: Was geschieht überhaupt?

HASLER: Ich meine, das Einheitssekretariat tut gegenwärtig noch etwas für die Einheit der Christen in manchen ökumenisch unterentwickelten Ländern Afrikas und Asiens. wo der ökumenische Gedanke bisher kaum präsent war. Aber in den entscheidenden Ländern Mitteleuropas und Nordamerikas ist das Einheitssekretariat meines Erachtens mehr zu einer Bremse denn zu einem Motor der christlichen Einheit geworden.

SPIEGEL: Worin liegen die Gründe für diese negative Entwicklung?

HASLER: Das hat verschiedene Gründe. Der entscheidende Grund für meine Annahme, daß es in nächster Zeit mit dem offiziellen Ökumenismus nicht weitergehen wird, liegt darin, daß die oberste Leitung der römisch-katholischen Kirche, der Papst zusammen mit dem Staatssekretariat, offensichtlich gewillt ist, die ökumenische Bewegung für die nächsten Jahre auf Eis zu legen. Es soll in keinem Bereich ein Schritt nach vorn getan werden. Begründung: Die römisch-katholische Kirche hat so viel innere Probleme, daß sie es sich nicht leisten kann, jetzt eine Öffnung auf die anderen christlichen Kirchen hin zu tun. Zu einem nicht unerheblichen Teil wird die ökumenische Bewegung selbst für die innerkirchliche Krise verantwortlich gemacht.

SPIEGEL: Wie wirkt sich das im Alltag des Vatikans aus?

HASLER: Neulich hat das Staatssekretariat zum Beispiel in einem Schreiben das Einheitssekretariat aufgefordert, nicht so viel zu arbeiten und weniger Geld zu brauchen. Für mich ist es in den viereinhalb Jahren wirklich eine Frage geworden, ob wir Katholiken oder jedenfalls viele Katholiken, die ökumenisch denken, nicht zu naiv gewesen sind. Ist es denn wirklich der Institution der römisch-katholischen Kirche möglich, sich ganz hineinzubegeben in die ökumenische Bewegung? Mir scheint es, daß die römisch-katholische Kirche im gegenwärtigen Moment vor eine Alternative gestellt ist: Entweder will sie wirklich die ökumenische Bewegung und damit den uneingeschränkten Dialog; dann muß sie aber auch bereit sein, Konsequenzen zu tragen und tiefgreifende Umgestaltungen in Kauf zu nehmen, die zum Teil zu einem Sterben der eigenen Kirche führen können.

SPIEGEL: Oder?

HASLER: Oder die römisch-katholische Kirche will sich so bewahren, wie sie bisher war, und kann dann von den anderen logischerweise nur die Konversion erwarten. Ich fürchte, daß die Männer im Staatssekretariat das zweite gewählt haben. Wird damit das Einheitssekretariat nicht zu einem Feigenblatt?

SPIEGEL: In Rom spielt das Wort »heilig« eine große Rolle. Welche Rolle spielt das Religiöse in der täglichen Arbeit im Vatikan?

HASLER: Es bedrückt mich eigentlich am meisten, daß es praktisch immer nur uni Politik und Diplomatie geht. Man fragt: Was denkt der Bischof, wenn wir diesen Schritt tun? Was denkt diese und jene Kongregation? Was denkt das Staatssekretariat, wenn wir diesen Mann vorschlagen, diese Resultate vorlegen und so weiter. Man fragt aber nie danach, was Jesus gesagt und getan hätte. Die Frage nach Jesus ist in diesem Kontext so fremd, daß sie den meisten geradezu als absurd erscheinen würde. Ich glaube, es ist eine sehr große Gefahr, daß man nur noch das Organisatorische sieht, welches man selbst vielfach nicht zu akzeptieren vermag. Dadurch kann man zu einer rein negativen Haltung gelangen und die wesentlichen und bleibenden Werte der Kirche aus dem Blickfeld verlieren.

SPIEGEL: Haben Sie in der Kurie nur negative Erfahrungen gesammelt«?

HASLER: Keineswegs. Die Arbeit an der römischen Kurie war für mich ganz allgemein außerordentlich lehrreich, da sie mir weltweite Kontakte mit dem Lutherischen Weltbund, mit dem Reformierten Weltbund und mit Persönlichkeiten, die in der ökumenischen Bewegung tätig sind, ermöglicht hat. Mit vielen Lutheranern und Reformierten verbindet mich heute eine herzliche Freundschaft. Ebenso erlaubte die Arbeit mir auch einen Einblick in die römische Zentrale. Ich meine, daß eine gewisse Großzügigkeit durchaus da ist; viele bischöfliche Ordinariate in der Schweiz und in Deutschland sind oft noch zugeknöpfter als gewisse Teile der römischen Kurie.

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