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POPMUSIK Extrem launig

Der Stimmungsschlager »My Toot Toot«, von einem unbekannten schwarzen Musiker in Süd-Louisiana geschrieben, erobert die internationalen Hitparaden. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Zwölf Jahre lang spukte ein Lied in dem Kopf des Musikers herum, und plötzlich im letzten Sommer schritt er zur Tat: In Lake Charles im Süden des US-Staates Louisiana betrat er sein Heimstudio, griff zum Akkordeon, warf die Schlagzeugmaschine an, startete ein Tonbandgerät und fing an zu singen:

»Sie kam in ihrem Geburtstags-Kleid auf die Welt; der Doktor schlug ihr auf den Hintern und sagte: Du wirst mal was Besonderes werden, du süßes kleines Tuut Tuut.« Und im Refrain fügte der Sänger die Warnung hinzu, es solle sich niemand »an meinem Tuut Tuut« vergreifen. Andernfalls müsse er einen Satz warme Ohren austeilen.

Der schwarze Sidney Simien, 47, Künstlername Rockin' Sidney, hatte seine Heimarbeit beendet und der Welt das Lied »My Toot Toot« beschert, einen schlichten Drei-Akkord-Ohrwurm mit einer fröhlichen Akkordeon-Melodie. Was zuerst nicht mehr zu sein schien als

ein einfacher Kinderschutz-Song zum Tanzen, hat sich inzwischen durch das Begriffspaar »Toot Toot« als derart kryptisch erwiesen, daß es schließlich Millionen Hörer zu den verwegensten Deutungen herausfordert.

Ursprünglich kommt »toot« vom französischen »tout« und meint hier nicht mehr als »mein ein und alles«. Aber Kenner erblickten in »Toot Toot« bald eine Anspielung aufs Kokain-Sniffen, und andere fühlten sich an die Freuden des sexuellen Oral-Verkehrs erinnert.

Nicht zuletzt die Vielfalt der Entschlüsselungsmöglichkeiten, wie schon in dem berühmten deutschen Schweinigel-Schlager »Der Nippel«, verhalfen dem braven, außerhalb der Prärie- und Sumpflandschaft Süd-Louisianas kaum aufgefallenen Rockin' Sidney auf seine späten Tage zu einem internationalen Hit und einem Sack voll Tantiemen.

Als von dem simplen Akkordeon-Stück in kürzester Frist im US-Süden mehr als 100 000 Exemplare losgeschlagen wurden, begann in der Platten-Branche auf einmal der »'Toot Toot'-Krieg« ("Village Voice").

Viele amerikanische Künstler beteiligten sich nun mit eigenen »Toot Toot«-Versionen an dem Bestseller-Rennen. Während der rockende Sidney sich mit seiner bodenständig-charmanten Fassung zunächst nur in den amerikanischen Country-Charts placieren konnte, gelang den gestandenen Soul-Sängerinnen Jean Knight und Denise LaSalle (in ihren Einspielungen wurde das Akkordeon durch Synthesizer ersetzt) der Durchbruch in die Black-Music- und Pop-Hitlisten.

Eine Serie weiterer »Toot Toot«-Aufnahmen entstand, darunter französische und spanische Fassungen. Nicht weit entfernt vom Geburtsort des Songs rollte sich der beleibte Fats Domino in New Orleans ins Studio und machte eine Aufnahme zusammen mit dem weißen Fiddle-Star Doug Kershaw, der für ländlich-volkstümliche Klangfarben sorgte. Und inzwischen warfen sich auch Stars wie John Fogerty (seine Fassung entstand unter Mitarbeit von Rockin' Sidney) und die Pointer Sisters in die »Toot Toot«-Schlacht.

Das schon fast zum Weltschlager avancierte Stück Volksmusik war ursprünglich für das regional eng begrenzte Publikum im Süden Louisianas bestimmt, und auf einmal hob es auch außerhalb der Sümpfe und Prärien die Existenz der dort lebenden Bevölkerungsgruppe der »Cajuns« ins Bewußtsein der USA.

Die Cajuns waren ursprünglich französische Auswanderer, die sich Anfang des 17. Jahrhunderts in Kanada, im damaligen Acadia und heutigen Nova Scotia, angesiedelt hatten. Als sich die Briten dieses Land angeeignet hatten, vertrieben sie 1755 die Cajuns. Der Exodus verschlug die französischen Acadier schließlich in die ärmlichen Sumpflandschaften im Süden Louisianas. Dort leben sie bis heute in relativer Isolierung, als ein Volk von dickköpfigen Außenseitern.

In der Isolierung vom American way of life bewahrten sich die Cajuns ihre Kultur. Sie entwickelten eine eigene Sprache, eine Mixtur aus altertümlichem Französisch und spanischen, englischen und indianischen Einsprengseln.

Als schwarze Einwanderer aus der Karibik und befreite Sklaven aus New Orleans zu den Cajuns stießen, lernten sie deren Sprache und teilten die Kultur der weißen Hinterwäldler. Die weiße Cajun-Tanzmusik war durch Akkordeon, Fiddle, Waschbrett und Triangel geprägt, während die Schwarzen eine bluesigere, stärker rhythmisierte Variante pflegten, die sich mit Schlagzeug, elektrischer Gitarre und Saxophon zum mitreißenden Zydeco-Stil formte.

Aus diesem volkstümlichen Humus kam auch Rockin' Sidneys heimeligfröhliches Tanz-Stück, das jetzt als Single-Bestseller für Stimmung sorgt.

In einem Land, das musikalische Juwelen wie den »Nippel« und die »Polonäse Blankenese« hervorbrachte und wo Schlager-Blödsinn in Form von Liedern wie »Frankreich, Frankreich« oder »An der Nordseeküste« wieder Konjunktur hat, durfte natürlich eine eigene Version von »My Toot Toot« nicht fehlen.

Die Hamburger Gruppe »Leinemann« nahm sich des Liedes an, weil ihr dessen »extreme Launigkeit« aufgefallen war, und beteiligte sich mit einem teutonischen »Mein Tuut Tuut« an dem internationalen Getröte.

Die Hamburger Betriebsfest-Entertainer fühlten sich sofort von der »großartigen Einfachheit des Textes« angesprochen, und diese passe, so der »Leinemann«-Sänger und »Stern«-Redakteur Carlo Blumenberg, »zu der Art von fröhlichem Schwachsinn, der wir uns verschrieben haben«. Absicht der Stimmungskanonen war es, das deutsche Publikum mit einer »familienfreundlichen Version« zu beglücken.

Die sauberen Humoristen weisen deshalb jede Interpretation, die ihr »Tuut Tuut« in die Nachbarschaft von Sex und Drogen bringen könnte, entschieden zurück. Als Deutungshilfe bieten sie an, und was läge näher in Daimler-Country, das Lied habe eher etwas mit Automobilen zu tun. Und das Auto ist nun einmal der Deutschen ein und alles.

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