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Lesung Fahrplan zum Völkermord

aus DER SPIEGEL 2/1996

SPIEGEL: Das »Buch der Deutschen«, wie es mal hieß, hat kaum ein Deutscher gelesen. Nun gehen Sie mit Hitlers »Mein Kampf« auf Tournee. Eine Nachhilfestunde?

Somuncu: Ich will Hitler entmystifizieren, indem ich ihn bloßstelle. Der Spuk soll sich nicht wiederholen.

SPIEGEL: In Deutschland darf »Mein Kampf« nicht gedruckt werden. Woher haben Sie Ihr Exemplar bekommen?

Somuncu: Von der Oma einer Freundin.

SPIEGEL: Rechtsextremen Zirkeln wird es sauer aufstoßen, daß ausgerechnet ein in Deutschland lebender Türke Hand an Hitler legt.

Somuncu: Ich habe schon eine Reihe merkwürdiger Anrufe erhalten. Andererseits wurde ich für einen Nazi gehalten, weil einer das Buch bei mir sah. Auch eine Erfahrung.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Hitler Ihrer Ansicht nach heute für die Deutschen?

Somuncu: Ich war in Braunau, seiner Geburtsstadt. Da sah ich Leute mit Hitler-Bärtchen und Scheitel. Und am Obersalzberg, seinem Feriensitz, verkaufen Souvenirläden gemütliche Hitler-Videos. Nostalgie? Kult?

SPIEGEL: Vor 20 Jahren zog Helmut Qualtinger als »Mein Kampf«-Rezitator durch die Lande. Es war ein erschreckendes Erlebnis.

Somuncu: Die Qualtinger-Kassette hat mir den Anstoß zu meiner Lese-Tournee gegeben, ich halte mich weitgehend an seine Auswahl.

SPIEGEL: Da werden auch die grotesken Hitler-Highlights nicht fehlen? Etwa: »Die Eier des Kolumbus liegen zu Hunderttausenden herum«?

Somuncu: Die grotesken nicht und nicht die brutalen. »Mein Kampf« ist der Fahrplan zum Völkermord.

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