Margarete Stokowski

Präsenzpflicht als Ideologie Muss man sich dafür entschuldigen, Urlaub zu machen?

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Der Fall Anne Spiegel ist kompliziert, aber dass sich die Politikerin und Mutter für ihren Urlaub entschuldigt hat? Bedenklich! Zeit, sich von der patriarchalen Idee der Vollzeit-Präsenz am Arbeitsplatz zu verabschieden.
Politikerin Anne Spiegel: Der Urlaub selbst war nicht das Hauptproblem.

Politikerin Anne Spiegel: Der Urlaub selbst war nicht das Hauptproblem.

Foto: Sebastian Gollnow / picture alliance / dpa

Wussten Sie, dass es ein Menschenrecht auf Urlaub gibt? Ich wusste es nicht, bis ich vor einer Weile eine Formulierung zu einem anderen Menschrecht nachgucken wollte. Ich fand dann zufällig auch Artikel 24 : »Jeder Mensch hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.« Interessant. Mir ist nicht klar, wie das juristisch funktionieren soll und wen man da verklagen kann, wenn man zum Beispiel Freiberuflerin ist (außer: sich selbst?), aber eines Tages werde ich das rausfinden.

Im Fall von Anne Spiegel, der zurückgetretenen Familienministerin, gibt es natürlich viel zu besprechen. Konzentrieren wir uns aber mal auf einen kurzen Ausschnitt ihrer Erklärung am Tag vor dem Rücktritt: »Das war ein Fehler, dass wir auch so lange in Urlaub gefahren sind. Und dass wir in Urlaub gefahren sind. Und ich bitte für diesen Fehler um Entschuldigung.«

Das war aus Sicht mancher Menschen tatsächlich ein Fehler. Andere fanden ihre Begründung, den Verweis auf familiäre Probleme und Erholungsbedürftigkeit, verständlich. Letztlich war aber wohl nicht der Urlaub selbst das Hauptproblem, sondern Spiegels Kommunikation darüber und die Tatsache, dass sie erst angab, aus dem Urlaub per Video an Sitzungen teilgenommen zu haben, dann aber zugeben musste, dass das nicht stimmte.

Es soll hier nicht direkt um Anne Spiegel und alle Einzelheiten ihres Rücktritts gehen, sondern nur um dieses Detail: dass sich jemand entschuldigt, Urlaub gemacht zu haben. Muss man das? Und: Welche Botschaft spricht daraus?

Es gibt Menschen, die sagen, aus Spiegels Scheitern und den bisweilen gehässigen Reaktionen auf ihren Auftritt würden Mädchen und Frauen jetzt lernen, dass Frauen es in der Politik besonders schwer haben, vor allem wenn sie eine Familie haben, und dass sie für jeden Fehler mehr fertiggemacht werden als ihre männlichen Kollegen. Für diese Erkenntnis braucht man aber Anne Spiegel nicht. Das wusste man schon vorher: dass es bei männlichen Politikern als normal gilt, wenn ihre Frau ihnen den berühmten »Rücken freihält«, eine eigenartige Formulierung, als kämen da richtige Angriffe von hinten, und nicht zum Beispiel ein hungriges Kind, aber gut. Gleichzeitig wird bei Frauen, die in die Politik gehen, gerne besonders gründlich gefragt, wie sie das denn genau machen wollen, wenn sie kleine Kinder haben. Das ist nichts Neues, also wirklich nicht.

Man kann aber schon mal fragen, wie das so ist mit dem Recht auf Urlaub. Gibt es Berufe und Situationen, in denen es sich verbietet, Urlaub zu nehmen, auch wenn man ein extremes Bedürfnis danach hat? Weil man sich um Angehörige kümmern will, weil man selbst kaputt ist, oder aus welchen privaten Gründen auch immer?

Wenn Sie mich fragen: Ich persönlich möchte nicht von Menschen regiert werden, die keinen Urlaub machen, wenn sie urlaubsbedürftig sind. Oder von Menschen, die glauben, bezüglich ihrer Verfügbarkeit im Urlaub lügen zu müssen. Oder, allgemeiner: von Menschen und Institutionen, die so arbeiten, dass Einzelne derart unverzichtbar werden, dass ihr kurzfristiger Ausfall unmöglich erscheint. Teresa Bücker schrieb dazu auf Twitter : »Gute Führung ist das eigene Team so aufzustellen, dass andere einspringen können, wenn man verhindert ist.«

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Sicher kann man sagen: Es ging aber um eine Jahrhundertflut, um eine richtige Naturkatastrophe, um gestorbene Menschen und Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz. Das ist wahr, aber gerade weil es so ist, dass es Katastrophen geben kann, in denen die Politik sich schnell und umfassend kümmern muss, muss sie auch so gestaltet sein, dass es keinen großen Unterschied macht, ob eine einzelne Person sich gerade mal um ihre Familie oder sich selbst kümmern muss. Jedes Ministerium, jeder Betrieb sollte so gestaltet sein, dass niemals alles an einer einzigen Person hängt.

Kurzzeitige Ausfälle und Urlaube sind dabei nur das Eine. Das Andere ist: Ich glaube darüber hinaus nicht, dass das Prinzip der Vollzeitpräsenz sich durchsetzen wird. Meine Meinung: Vollzeitarbeit, -verfügbarkeit und -präsenz sind Überreste einer patriarchalen Ideologie, die darauf basierte, dass die einen (Männer) für die »richtige« Arbeit zuständig sind die anderen (ihre Ehefrauen, Babysitter, Reinigungskräfte, Pflegekräfte und so weiter) sich um den Rest kümmern. Das kann aber auf Dauer nicht gut gehen: nicht in einer Welt, die den Anspruch auf Gleichberechtigung hat.

Wenn man will, dass Menschen, egal ob Männer oder Frauen, sich um sich selbst und ihre Angehörigen ausreichend kümmern können, muss man auf die Dauer weg von der Idee, dass die ständige berufliche Verfügbarkeit über alles geht. Ein Mensch, der überarbeitet ist oder um einen Toten trauert oder einen kranken Partner zuhause hat oder Kinder, denen es schlecht geht, wird sich ziemlich wahrscheinlich bei der Arbeit sowieso nicht voll konzentrieren können, wenn diese Arbeit 40 oder auch 80 Stunden pro Woche in Anspruch nimmt, was bei sogenannten Führungspositionen nicht selten der Fall ist.

Hier kommen zwei Dinge zusammen: Müssen es denn so viele Stunden sein? Und: Muss man in diesen Stunden körperlich anwesend sein, wenn es Telefone, Videokonferenzen, Chats gibt? Muss man eigentlich nicht. »Die Gleichung Anwesenheitszeit = Leistung ist tief in unseren Köpfen verankert. Was nicht weiter schlimm wäre, würden sie denn heute noch stimmen«, schreibt Lasse Rheingans in seinem Buch »Die 5-Stunden-Revolution«, in dem er für verkürzte Arbeitszeiten plädiert. Ich habe Ihnen ja schon mal verraten, dass ich eine skurrile Schwäche für Selbstoptimierungs- und Businessratgeberliteratur habe, die zu dubiosen Vorsätzen anregt, aber in diesem Fall wäre es mal ein wirklich guter Vorsatz: jede Arbeit so einzurichten, dass erstens weniger Präsenz und zweitens auch weniger Arbeitszeit nötig ist.

Es gibt genug Versuche und Studien, die zeigen, dass kürzere Arbeitszeiten  bei gleicher Bezahlung Menschen besser arbeiten lassen. Das werden alle verstehen, die an ihrem Arbeitsplatz mal länger als nötig Kaffee kochen oder Candy Crush spielen oder am Telefon das Kind trösten.

Wenn von verkürzten Arbeitszeiten die Rede ist, dann spricht man oft von einer »4-Tage-Woche« oder einem »5-Stunden-Tag«, und das ist ein bisschen lustig, denn die Woche hat ja dann immer noch sieben Tage und ein Tag 24 Stunden, und in den Stunden oder Tagen, die man nicht seinem Beruf nachgeht, tut man wahrscheinlich ziemlich relevante Dinge, unter anderem: Care-Arbeit für andere. Oder für sich.

»Eigentlich müsste unsere Arbeitswelt offener sein für Menschen in Krisen oder Menschen, die einfach 70 Prozent leistungsfähig sind, nicht 100 Prozent«, hat der Psychiater Georg Schomerus in einem Interview  mal gesagt. »Eine Teilzeit-Krankschreibung wäre für die Psychiatrie ein tolles Mittel. Wer eigentlich ganz gerne arbeiten geht, für den es aber gerade zu viel ist, bekäme so eine Krankschreibung. Der dürfte dann vier Stunden am Tag arbeiten. Das wäre echt hilfreich.« Stellen Sie sich das mal vor, wie gut das wäre.

Die jüngeren Generationen erwarten sowieso, dass ihre Arbeitsplätze sich ihrem Leben anpassen und nicht umgekehrt. Es gab mal ein Interview in der »SZ«  mit einem Headhunter, der sich ärgerte, dass »die jungen Leute« andere Prioritäten haben als ältere Generationen: »Die Arbeitnehmer, die in den 1980er Jahren und später geboren sind, leben nicht, um zu arbeiten. Sie wollen das Leben genießen.« Ja, schrecklich, oder? Die wollen sich vielleicht auch einfach nicht kaputt arbeiten, weil: cui bono?