Fall Dieter Wedel Hunderte Bühnen- und Filmschaffende kritisieren Aussagen der Verteidigung

Der Regisseur Dieter Wedel ist wegen Vergewaltigung angeklagt. Im SPIEGEL-Interview äußerte sich sein Verteidigungsteam. Darauf reagiert die Organisation Pro Quote Bühne mit einem offenen Brief mit mehr als 500 Unterzeichnern.
Wedel-Verteidiger Thomas Fischer, Dörthe Korn und Peter Gauweiler (v.l.): »Vergewaltigungsmythen aus der Mottenkiste«

Wedel-Verteidiger Thomas Fischer, Dörthe Korn und Peter Gauweiler (v.l.): »Vergewaltigungsmythen aus der Mottenkiste«

Foto: Florian Generotzky / DER SPIEGEL

»Zutiefst erschüttert« reagierte die Organisation Pro Quote Bühne auf ein SPIEGEL-Interview , in dem Anfang April die drei Verteidiger von Regisseur Dieter Wedel an die Öffentlichkeit gegangen waren. Anwältin Dörthe Korn, Ex-Bundesrichter Thomas Fischer und CSU-Politiker Peter Gauweiler hatten sich darin zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Wedel geäußert.

Gauweiler sprach unter anderem von einer »Lynch-Stimmung« und »widerrechtlicher Vorverurteilung«. In einem offenen Brief  kritisiert die Initiative Pro Quote Bühne die Äußerungen der Verteidiger nun als beleidigend und spricht von »Vergewaltigungsmythen aus der Mottenkiste«. 535 Personen unterzeichneten den Brief, darunter auch prominente Bühnen- und Filmschaffende wie Anna von Haebler, Friederike Kempter, Nina Petri, Maren Kroymann, Peter Lohmeyer, Bibiana Beglau, Claudia Michelsen, Jan Bosse, Carolin Kebekus oder Paul Frielinghaus.

»Berufsstand verunglimpft«

In Deutschland sei es »völlig legal«, wenn Opfer über das sprechen, was ihnen angetan wurde, »solange die Anschuldigungen als Verdacht formuliert werden«. Verdachtsberichtserstattung sei in der Presse »oft das einzige Mittel, um Gerechtigkeit herzustellen und den Opfern eine Stimme zu geben«. Die Initiative wies außerdem Fischers Behauptung, dass nicht »Kassiererinnen aus Supermärkten«, sondern Menschen aus kreativen Berufen sich beschwerten, als »nicht zutreffend« zurück. Die meisten Betroffenen äußerten sich nicht oder nur anonym aus »Angst um ihre Karriere«.

In dem Interview hatten die Verteidiger kritisiert, Wedel sei in einem »öffentlichen Trommelfeuer unter Beschuss genommen« worden. Fischer mutmaßte, dass »Grenzüberschreitungen in kreativen Berufen häufiger« auftreten könnten: »Es wird Schauspielern schon in der Ausbildung ständig gesagt: Du musst an deine Grenze gehen, du musst körperliche Berührung zulassen; du musst für alles offen sein.«

Dies in einen Zusammenhang mit dem Gerichtsverfahren zu stellen, weisen die Unterzeichnenden des Briefes »aufs Schärfste zurück«. Hier werde ein ganzer Berufsstand verunglimpft. Zudem betonen sie, #MeToo sei »keine Karriereleiter, sondern ein Abstellgleis« für Schauspielerinnen und Schauspieler.

Gegen Dieter Wedel hatte die Staatsanwaltschaft München I Anfang März Anklage erhoben. Wedel soll vor 25 Jahren die Schauspielerin Jany Tempel vergewaltigt haben, als sie wegen einer Rolle in einem Münchner Hotelzimmer bei ihm vorsprach. Bereits 2018 hatten mehrere Schauspielerinnen Wedel in der »ZEIT« und dem »ZEIT Magazin« beschuldigt, sexuell bedrängt oder sogar vergewaltigt worden zu sein. Die meisten Fälle waren allerdings verjährt und strafrechtlich nicht mehr relevant.

ime/feb