Margarete Stokowski

Rassismus in den USA Die ursprüngliche Eskalation

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Viele Weiße interessiert der gewaltsame Tod von George Floyd nicht so sehr wie das, was darauf folgte: Trauer, okay, Proteste, na gut, aber bitte alles auf die vornehme, zurückhaltende Art.
Friedlich Protestierende in Salt Lake City

Friedlich Protestierende in Salt Lake City

Foto: Rick Bowmer/ AP

Die Gewalt in den USA eskaliert, so kann man es jetzt überall lesen, und es stimmt und stimmt nicht. Es ist wahr, dass die Gewalt eskaliert - aber sie tut es nicht erst, seit die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt sich ausweiten. Die Gewalt ist eskaliert, als ein Polizist George Floyd tötete, und sie ist viele Male zuvor eskaliert, jedes Mal, wenn ein Mensch gequält wurde oder sterben musste, weil er anderen Menschen aufgrund seiner Hautfarbe weniger wert schien. Aber wenn man sich die Reaktionen auf die Ereignisse in den USA anschaut, dann muss man feststellen, dass viele Weiße die ursprüngliche Eskalation nicht so sehr interessiert wie die, die darauf folgte: Trauer, okay, Proteste, na gut, aber bitte alles auf die vornehme, zurückhaltende Art.

Ein weißer Mann tötet einen wehrlosen schwarzen Mann, und im Nachgang erklären weiße Menschen schwarzen Menschen, wie sie zu trauern haben. Als wäre nicht alles schon bitter genug.

Im Deutschlandfunk wird berichtet: "In den USA kommt es weiter zu Plünderungen, Krawallen und Gewaltausbrüchen nach dem Tod vom George Floyd." So lautete der erste Satz zur Meldung in der Nachrichtenübersicht am Sonntagabend. Komisch, denn da kommt die Polizei irgendwie nicht vor. Aber es gibt keine Krawalle, weil ein Mann gestorben ist. Es gibt Krawalle, weil er von einem Polizisten getötet wurde und sich dieser Tod in eine lange Tradition rassistischer Polizeigewalt  einreiht. Die Tötung wird natürlich später in der ausführlicheren Meldung genannt, aber: Warum werden die Plünderungen als Erstes genannt und welcher Eindruck soll dadurch von den Protesten entstehen?

Über friedlichen Protest wird seltener berichtet

Wenn man sich zur selben Zeit in den sozialen Medien umschaut, sieht man auch: Demos, Schweigeminuten, Plakate, gemeinsames Singen, man sieht eine riesige Menschenmenge auf dem Boden liegen und immer wieder "I can't breathe"  rufen. Friedlicher Protest, über den aber seltener in den Nachrichten berichtet wird. Und man sieht nicht wenige Videos von Polizisten, die Demonstrierende mit Tränengas angreifen, gewalttätig festnehmen. In einem Video sieht man, wie ein Polizeiauto in eine Menschenmenge fährt .

Wie friedlich, wie ruhig, wie leise müssten Menschen dagegen protestieren, dass immer wieder schwarze Menschen aus rassistischen Gründen ermordet werden, ohne dass Weiße ihnen erklären, was sie alles falsch machen?

"We riot, because you don't hear us when we march", hieß es in einem der Tweets  zu den Protesten. In dem Video dazu zerschmeißt jemand die Rückscheibe eines Polizeiautos. Das ist keine klassische Trauerarbeit, aber es geht auch nicht um einen normalen, natürlichen Tod. Wie friedlich, wie ruhig, wie leise müssten Menschen dagegen protestieren, dass immer wieder schwarze Menschen aus rassistischen Gründen ermordet werden, ohne dass Weiße ihnen erklären, was sie alles falsch machen?

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Auch der Sohn des Getöteten hat zu friedlichen Protesten aufgerufen. Aber Weiße kritisieren nicht nur, dass es zu Krawallen kam, kritisiert wird auch friedlicher Protest: eine vermeintlich zu harte Wortwahl, zu viele Emotionen, zu viele Pauschalisierungen. Trauerkritik, ein hässliches Genre, das manchmal aus offensichtlichem Rassismus entsteht, manchmal auch, weil einige Menschen unfähig sind zu erkennen, dass andere vom Tod George Floyds getroffener sind als sie selbst (was aber nicht heißt, dass dahinter nicht auch Rassismus steckt).

"Sie wissen nicht, wie es ist, wenn der Polizist nicht dein Freund und Helfer, sondern dein potenzieller Mörder ist", schrieb die Autorin Jasmina Kuhnke . "Sie wissen es nicht, weil sie nicht zuhören wollen." Sie hören aber ganz genau zu, wenn ihrer Ansicht nach unangemessen getrauert wird. Kuhnke hatte zuvor auf Twitter geschrieben : "Ich kann mir das Video nicht ansehen. Da stirbt ein Mensch. Da stirbt ein Bruder. (...) Bei jeder Schwester, jedem Bruder, denen aufgrund von Rassismus das Leben genommen wird, stirbt ein Teil von uns, die noch hier sind." Die Journalistin Mirjam Fischer schrieb darauf  "Bruder?", weil Kuhnke mit Floyd nicht direkt verwandt ist, und Leute diskutierten, ob eine schwarze Frau einen schwarzen Mann "Bruder" nennen darf. Wie unangemessen, wie respektlos kann man anderen in ihre Trauer hineingrätschen?

Politische Botschaften auf Trikots

Die Nachrichten und sozialen Medien sind voll von Weißen, die sich mehr über die Proteste gegen Rassismus aufregen als über den Rassismus selbst. Der Oberbürgermeister von Altenburg, André Neumann, fantasierte auf Twitter, schwarze Menschen wären jetzt genauso rassistisch gegen Weiße  (Anmerkung: Das geht nicht), es sei "eine unnötige moralische Überhöhung". Immerhin nominierte er sich ein paar Tage später für "den dämlichsten und unpassendsten Tweet des Jahres 2020" , na mal gucken, ist ja erst Juni.

Die Polizei Bremen sucht derweil die Leute, die auf eine Wand gesprayt haben: "In memory of George Floyd †25.05.2020 Died of police violence at the age of 46." Der Staatsschutz habe die Ermittlungen aufgenommen. Der Staatsschutz? Wenn der Staatsschutz jedes Mal so schnell zur Stelle wäre, wenn Menschen rassistisch beleidigt oder bedroht werden wie bei dieser Hauswand, dann wäre dies ein anderes Land. Und das, wo die Polizei sich vor manchen Graffitis  auch gern mal selbst in Szene setzt.

Man muss es nicht gut finden, wenn Gegenstände im Zuge von Protesten beschädigt werden, aber die Frage ist, worauf man den Fokus seiner Kritik legt. Arno Frank schreibt in einem SPIEGEL-Kommentar, Plünderungen seien "der Moment, in dem der politische Protest unweigerlich kippt - und seine moralische Berechtigung verliert". Sicher? "Der politische Protest", also der gesamte Protest, verliert seine Berechtigung? Wie soll das gehen? Muss dann auch die Französische Revolution für ungültig erklärt werden, weil da auch dies und das passierte? Noch mal zurück, noch mal gesittet von vorne?

Schwarze Menschen können Rassismus nicht allein abschaffen

Soweit ich sehe, wurde noch gar nicht verkündet, wer da in den USA eigentlich geplündert hat. Wenn es so einfach wäre, könnte man jede politische Bewegung zunichtemachen, indem man auf einer Demo mitläuft und dabei ein paar Scheiben einschlägt und einen Sack Möhren klaut? Wie magisch. Verliert auch guter Journalismus seine Berechtigung, weil es die "Bild" gibt, die ja bekanntermaßen Fotos und Lebensgeschichten von Gewaltopfern plündert?

Ist es das, was aus einer brutalen Tötung eines Menschen entstehen sollte - ein "Pro und Contra Plünderungen"? Anstatt zu diskutieren, wie erreicht werden könnte, dass weiße Polizisten keine wehrlosen Schwarzen töten? Dass Polizeigewalt und Rassismus nicht nur in den USA, sondern auch hier eine ständige Bedrohung für schwarze Menschen sind? Warum gibt es so wenige journalistische Kommentare, in denen gefordert wird, rassistische Polizeigewalt endlich als Problem zu erkennen? Weil das so offensichtlich ein Problem ist? Ist das die Idee? Dass es falsch ist, einen Menschen zu töten, und das ja alle wissen - dass man aber einem trauernden, wütenden, verängstigten Kollektiv erklären muss, dass Plündern eigentlich gar nicht erlaubt ist, weil die das ja vielleicht gar nicht wissen?

Dass weiße Menschen so oft Fehler machen, wenn es um Rassismus und Antirassismus geht, heißt aber nicht, dass sie einfach die Klappe halten sollten. Schwarze Menschen können Rassismus nicht allein abschaffen, genauso wie Frauen allein keine Geschlechtergerechtigkeit herstellen können. Es mag für Menschen, die von Rassismus nicht betroffen sind, schwierig sein, sich einzufühlen, aber es ist keine Magie. Es gibt Literatur dazu. Leicht zugängliche, einfach erklärende, ausführliche Literatur. Drei Vorschläge zum Einstieg. Tupoka Ogette: "Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen", Noah Sow: "Deutschland schwarz weiß", Alice Hasters: "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten". Es ist alles da.