Samira El Ouassil

Verhörvideos des Lübcke-Attentäters Dem Bösen eine Bühne

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Ein journalistisches Video zeigt Ausschnitte der Vernehmung des Hauptangeklagten im Mordfall Walter Lübcke. So drohen wir alle Zeuge einer Ein-Mann-Propaganda zu werden.
Der Angeklagte Stephan Ernst vor Gericht

Der Angeklagte Stephan Ernst vor Gericht

Foto: Boris Roessler/ dpa

Ein Jahr nach der Ermordung des Regierungspräsidenten Walter Lübcke stehen der Hauptverdächtige Stephan Ernst sowie sein mutmaßlicher Helfer Markus H. in Frankfurt am Main vor Gericht. Am Dienstag stellte der YouTube-Reportagekanal "STRG_F" unter dem Titel "Exklusiv: Die Vernehmungen des Stephan Ernst" ein 25-minütiges Video ins Netz, in dem Ausschnitte ebendieser Vernehmungen zu sehen sind; Bilder, die als Beweismaterial in einer zwar öffentlichen Verhandlung gezeigt wurden, diesen Raum mit überschaubarem Publikum aber nicht verlassen sollten (bei Gerichtsprozessen sind Audio- oder Videomitschnitte grundsätzlich verboten). Obwohl auch andere Medien das Material kannten oder sogar Zugriff hatten, entschied sich offenbar keines dafür, es zu veröffentlichen. Was dabei genau zu sehen ist und inwieweit dieses Leaken legal ist, wurde bereits beschrieben.

Es ist offenbar das Anliegen der Reporter, mit einem hinterfragenden, dokumentarischen Gestus die Bilder der Geständnisse von Stephan Ernst mit den Fakten des Falls und einigen biografischen Fragmenten zu kontextualisieren. Ausgangspunkt ist dabei die Frage, wie Stephan Ernst zu einem Terroristen werden konnte, der "nachts bei Walter Lübcke offenbar auf der Terrasse steht und ihm in den Kopf schießt".

Um das zu beantworten, werden anfangs noch die Daten der Tat und der Geständnisse auf einem Whiteboard notiert - ein Hilfsmittel, das danach nicht mehr zum Einsatz kommt. Stattdessen werden neben den Einblicken in die Geständnisse weitere Videos und Fotos gezeigt, mit denen der ideologische Werdegang von Stephan Ernst rekonstruiert wird. Das Video legt nahe, dass der einst sehr aktive rechtsextreme "NPD-Stephan" sich nach einem temporären Ausstieg aus der Szene aufgrund historischer "Schlüsselerlebnisse" radikalisiert und aus einem bürgerlichen Milieu heraus den Entschluss zu seiner Tat gefasst hat. Eine Rolle gespielt haben sollen die Kölner Silvesternacht, der Anschlag in Nizza sowie insbesondere eine Rede von Walter Lübcke Ende 2015 bei einer Bürgerversammlung in Lohfelden bei Kassel.

"Dürfen wir euch den ganzen Kram eigentlich zeigen?"

Die Reporter Seidel und Feldmann rechtfertigen ihre exklusive Veröffentlichung mit dem Argument, dass es sich hierbei um ein "Dokument der Zeitgeschichte" handle. Sie erklären, weshalb die Veröffentlichung der Geständnisse aus juristischer Sicht legal ist (das Material wurde bereits im Prozess gezeigt), und inszenieren im Dialog die selbst erteilte, medienethische Legitimation.

Seidel kommt selbst zum Knackpunkt: "Das ist ein rechtsextremistischer, mutmaßlicher Mörder. Bieten wir dem jetzt mit so einem Video eigentlich eine Bühne?", fragt er und beantwortet seine Frage selbst. Es handle sich nicht um ein "Propagandavideo", sondern ein "Beweismittel", entstanden im Zuge der Ermittlungen. "Ich finde, das ist schon ein Unterschied, ob jemand seine Tat nach außen projiziert, mit einem Video zeigt, oder ob wir ein Video zeigen, wo er eben die Tat der Polizei schildert."

Überwachungskamera-Ästhetik

Die Absicht ist das eine. Tatsächlich aber haben sie Ernst in diesem Video indirekt eine Bühne für seine Inszenierung geboten. Es ist ein Missverständnis anzunehmen, Ernst hätte keine Möglichkeit gehabt, das Bild zu beeinflussen, das die Ermittler, die Kamera und schließlich auch die ProzessteilnehmerInnen von ihm bekommen. In der eindrücklichen Überwachungskamera-Ästhetik der Verhöre sind wir alle Zeuge einer Ein-Mann-Propaganda, die auf verminderte Schuldfähigkeit dringt.

Während Ernst in seinem ersten Geständnis die Tat gesteht, weicht er in seiner zweiten Version davon ab, bringt Markus H. ins Spiel und spricht nunmehr von einem Unfall.

Welchem Geständnis man trauen kann, bleibt bis zum Schluss offen: "Man kann es ihm glauben, muss man aber nicht", sagt Seidel an einer Stelle. "Über den genauen Tathergang und die Schuld von Stephan Ernst und Markus H. wird das Gericht erst am Prozessende entscheiden."

Allerdings suggeriert die Auswahl der Ausschnitte durchaus eine Kausalität, die längst nicht bewiesen ist. Denn an einer anderen Stelle kommt der Beitrag mithilfe eines kurzen Videoausschnitts zu dem Schluss, dass es sich bei dem zweiten Geständnis um eine Lüge handeln muss: "Da ist mir zu viel Unklares. Kann ich mir schlichtweg noch nicht vorstellen, dass das so war", sagt eine männliche Stimme, die nicht im Bild zu sehen ist.

Verzweiflung über Horrormeldungen?

In der Folge konzentriert sich "STRG_F" auf das erste Geständnis, das als vermeintliche Wahrheit präsentiert wird. Herausgehoben werden die Momente, in denen er darüber spricht, was ihn angeblich zur Tat motiviert hat. Ernst hält dann inne und weint. Feldmann stellt fest: "Was uns auffällt: Es scheinen vor allem die Schlüsselerlebnisse zu sein, die ihn rühren."

Aber nur weil diese Szenen nicht inszeniert wirken, sind sie nicht automatisch wahr. Es wäre eine journalistische Pflicht, darauf hinzuweisen. So wird bereits vor Prozessende das Bild eines Mannes gezeichnet, der möglicherweise nicht aufgrund einer rechtsextremen Gesinnung einen Mord begangen hat, sondern aus Verzweiflung über Horrormeldungen. Ein Einzeltäter, der von den Medien, die ihn mit Bildern vom Untergang des Abendlandes, von kriminellen Ausländern und Terror konfrontierten, so aufgewühlt wurde, dass er letztlich keinen anderen Ausweg mehr sah und diese Tat begehen musste.

Die Professorin für Kriminologie an der Universität Gießen und Profiler-Beraterin beim BKA, Britta Bannenberg, mahnt in diesen aufsehenerregenden Fällen zur Zurückhaltung bei der Berichterstattung, um keine Nachahmer und Trittbrettfahrer zu animieren. Sie plädiert besonders in den ersten Tagen für eine "zurückhaltende, nüchterne Berichterstattung, die relevante Fakten mitteilt, hysterische Übertreibungen jeder Art jedoch vermeidet". Jedwede Spekulation über Motive der Täter sei zu unterlassen, erst recht, wenn dadurch ein Verständnis oder gar eine Billigung für die Aktion des oder der Täter durchschimmere (zum Beispiel "Amoktäter war Mobbingopfer", "Attentäter war traumatisiert"). "Gerade Rechtfertigungen der Gewalt, die mit der Realität nichts zu tun haben, laden geneigte Personen zur Identifikation ein."

Obwohl ich die Faszination für die dokumentarischen Bilder nachvollziehen kann und wir spätestens seit dem Ibiza-Strache-Video wissen, wie eindrücklich Bewegtbildmaterial ist, war es falsch, die Vernehmungsvideos in dieser Form zu veröffentlichen.

Wie eine amerikanische Crime-Serie

Außerdem erzählt das gewählte Format auch ästhetisch vom Wunsch, eine exklusive Story zu präsentieren. Gleich zu Beginn kommentiert Seidel: "Ich finde, es sieht so ein bisschen aus, wie man sich das so aus amerikanischen Crime-Serien vorstellt."

Genau diesen Gedanken hatte ich auch, als ich das "STRG_F"-Video zum ersten Mal anschaute: wackelig-schwenkende Kameraführung mit Zooms und Unschärfen, pseudo-authentische, dialogische Form, in der die beiden Journalisten die Gedanken scheinbar erst im Gespräch entwickeln: Das Video eifert sichtbar dem Stil von Presenter-Reportagen nach.

So drängt sich der Verdacht auf, dass ​dieses​ YouTube-Video nicht nur ein zeitgeschichtliches Dokument ​analysiert​, sondern am liebsten selbst zu ​solch​ einem Dokument​ werden möchte​.

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