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AUTOREN Falltüren in den Schrecken

Hans Magnus Enzensberger über Schönheit und Gewalt der Natur, den Zeitgeist und seinen neuen Gedichtband
Von Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 12/2003

Enzensberger, 73, lebt in München und hat seit seinem Debüt »Verteidigung der Wölfe« (1957) immer wieder als Lyriker und Essayist entscheidende, überraschende, brillant formulierte Stichworte zur Zeit geliefert. Das gilt auch für den neuen Gedichtband »Die Geschichte der Wolken«, der jetzt erschienen ist. Er huldigt den Wolken als den »flüchtigsten aller Meisterwerke«, als »fliegenden Bilderrätseln«, majestätischen »Himmelskünstlern« und Trostspendern bei »Müdigkeit, Wut und Verzweiflung«. Das »sprachlose Schauspiel« der Wolken wird auch gerühmt, weil es ohne »gut/böse«, »ohne Häuptlinge, ohne Schlachten« und Schmerzen auskommt. Die Wolken und andere Naturbilder protestieren hier lautlos gegen das Menschengetöse, das die Gedichte auch sehr direkt attackieren.

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SPIEGEL: Herr Enzensberger, Ihr Kollege Bertolt Brecht empörte sich 1939 in einem Gedicht: »Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!« Ihre neuen Gedichte handeln nicht nur, wie der Titel suggeriert, von den Wolken, sondern auch von Schneeflocken, Blättern, Kühen und Sternen. Fast ein Verbrechen?

Enzensberger: Heute ist es umgekehrt: fast ein Verbrechen, nicht über Bäume zu sprechen. Wir wissen doch, dass die Biosphäre nicht im besten Zustand ist, insofern ist die Verteidigung der Bäume - der Natur - auch eine Pflicht, wenn man überhaupt die Dichter zu irgendetwas verpflichten will. Ich lasse mir von solchen Diskursen darüber, was Dichter alles sollen oder dürfen oder nicht dürfen sollen, ungern etwas vorschreiben.

SPIEGEL: »Die Geschichte der Wolken« ist ein Zwischentitel, der über dem letzten von sechs Kapiteln steht. Als Titel der ganzen Sammlung, die auch Texte über Mörder, Liebende, Naturwissenschaftler und Sterbende enthält, erweckt er den Eindruck, die Natur sei Ihnen jetzt wichtiger als etwa die Politik ...

Enzensberger: ... Wir sind fixiert auf die Probleme des Tages, aber es gibt eben nicht nur die Geschichte der Menschen. Die Welt ist größer als das, was auf der ersten Seite der Zeitung steht. Man sollte sich die Freiheit nehmen, die Dinge aus einem weniger beschränkten Gesichtswinkel zu sehen. Die moralisierende Rede eines Jean-Paul Sartre - wie könnt ihr überhaupt Gedichte schreiben, wenn in Afrika Kinder hungern? - ist mir immer schon seltsam erschienen. Nach diesem Prinzip müssten wir die Kaufhäuser schließen. Angesichts des Elends in der Welt sind die mindestens so obszön wie Gedichte oder gar Gedichte über Wolken.

SPIEGEL: Ist die Wolke für Sie ein Symbolbild für das Gedicht? Wohnt der Dichter also doch im Wolkenkuckucksheim?

Enzensberger: Wir sind als Kinder alle einmal auf dem Rücken in der Wiese gelegen und haben in die Wolken geblickt und dabei ein Gefühl der Freiheit gehabt - darin steckt ein Moment des Traumes, bei dem das Unbewusste mitredet. Dazu kommt die ungeheure Verwandlungsfähigkeit der Wolken. Die Wolken sind eine rätselhafte, selbst von der Physik noch nicht endgültig erklärte, verlockende Erscheinung - abgesehen davon, dass die Menschheit ihnen das Wasser, das Feuer und die Elektrizität verdankt. Davon dürfen eigentlich nur Dichter und Wissenschaftler sprechen. In der Zeitung können Sie ja keinen Aufmacher über die Wolken drucken.

SPIEGEL: Der einst so bissige Enzensberger hat den eher milden Beruf des Naturlyrikers ergriffen?

Enzensberger: Die Einteilung der Dichter in Naturlyriker, Liebeslyriker und Gesellschaftskritiker kommt mir komisch vor - die Poesie ist doch ein Allesfresser, alles, was man erfährt oder wahrnimmt, kann ihr zum Thema werden. In meinem Buch finden Sie Gedichte über Theologie und über Fischmesser, über Knöpfe und über Terroristen. Auch ein Gedicht über meine Frau ist dabei.

SPIEGEL: Auch eines über die Kartoffel. Zu Ihrer Frau lesen wir: »Es wundert mich, dass sie hier, wo ich zufällig bin, meistens da ist.« Ein Staunen, das uns verwundert.

Enzensberger: Wieso? Es ist doch eine Methode, ein legitimer poetischer Trick, dass man sich wundert. Man muss die Dinge nicht hinnehmen wie ein Journalist, der das nimmt, was gerade aus dem Ticker kommt. Ich staune im Übrigen nicht nur über schöne Dinge wie die Wolken, sondern auch über merkwürdige Scheußlichkeiten wie den Terrorismus.

SPIEGEL: Ein Gedicht träumt davon, dass »dem Tyrannen das ewige Foltern zum Hals« heraushängt und er »fortan lieber Rübchen« züchtet. Kann ein intensives Verhältnis zur Natur, und sei es die Rübenzucht, den Menschen friedlicher machen? Oder ihn wenigstens trösten, wenn er unter der Gewalt der Geschichte leidet?

Enzensberger: Trost kann man nicht liefern wie ein Seifenspender. Ich will die Natur nicht idyllisieren. In einem meiner Gedichte sehen ruandische Mörder einen doppelten Regenbogen und lassen für einen Moment die Messer sinken - danach töten sie weiter. Gerade auf das Tückische, Widersprüchliche unserer Erfahrungen kommt es mir an. Immerhin aber relativiert die Natur die menschliche Gewalt - die Wolken werden den Menschen um Jahrmillionen überleben. Tröstlich ist das nicht unbedingt. Die von den Grünen verehrte Mutter Natur kann sehr grausam sein. Die Schönheit der Natur ist oft eine Falltür in den Schrecken. Das Blei verhilft uns zu wunderbaren Gläsern, aber zugleich ist es ein tödliches Gift; der Stern von Betlehem leuchtet, aber dann hat man ihn den Juden an den Mantel geheftet.

SPIEGEL: Einmal polemisieren Sie gegen den Mobilitätswahn und finden es »unter dem Birnbaum zu Hause« am gemütlichsten. Eine biedermeierliche Anwandlung - ein Blick auf die Welt »mit dem Rücken zur Gegenwart«, wie es anderswo heißt?

Enzensberger: Ein wenig Distanz zu den Dingen und zum eigenen Selbst kann doch nicht schaden! Ich war früher ein ziemlich lauter, auch schriller Dichter, in meinem Alter hat man andere Kräfte und Einsichten. Ich finde jemanden, der älter als 60 ist und immer noch in Blue Jeans und Turnschuhen herumläuft, leicht lächerlich. Ich bin gern ein wenig asynchron. Wer sich ganz und gar dem Zeitgeist verschreibt, ist ein armer Tropf. Die Innovationssucht der ewigen Avantgarde hat etwas Kastrierendes. Dieser Gestus gehörte schon 1958 ins Museum.

SPIEGEL: Trotzdem galten Sie immer wieder als Vorhut des allerneuesten Zeitgeists.

Enzensberger: So eine Rolle fällt einem eine Zeit lang zu und dann wieder von einem ab.

SPIEGEL: Sind Ihre Wolkengedichte auch eine versteckte Polemik gegen das Zeitgeistgerede im Zusammenhang mit der aktuellen Kriegsgefahr?

Enzensberger: Vielleicht insofern, als ich sage: was in der Zeitung steht, ist nicht die ganze Wirklichkeit. Plötzlich ist es weiß und man friert - das kommt in der Zeitung nicht vor, höchstens wenn der Schnee eine Katastrophe verursacht. Gesundheitsreform, Rentenreform, Ladenschluss, der ganze Zirkus in Berlin, Bush und Saddam Hussein - das kann doch nicht alles gewesen sein.

SPIEGEL: Und morgen schreiben Sie dann doch wieder einen politischen Essay über Saddam, den Sie 1991 mit Hitler verglichen haben.

Enzensberger: Ich sehe aus zwei Gründen davon ab, direkt an der Kriegsdebatte teilzunehmen. Der eine: Alle erkennbaren Lösungen des Problems sind schlecht. Der zweite: Wenn ich mir nicht sicher bin, halte ich lieber den Mund. Die glatten Ja- oder Nein-Positionen kommen mir ziemlich simpel vor. Ich weiß auch zu wenig über die irakische Gesellschaft. Ich fürchte nur, dass die Amerikaner ebenso ahnungslos sind. Nein, diesmal höre ich zu, was die anderen sagen.

SPIEGEL: Und schauen lieber in den Himmel.

Enzensberger: Na ja, immerhin lädt mein Buch dazu ein, über den Alltag, über den Kontoauszug hinauszuschauen. Der Blick zum Himmel lehrt uns Gelassenheit und Bescheidenheit. Wir sind alle geneigt, uns zu wichtig zu nehmen. Auch deshalb gibt es Kriege. Wichtigkeit, Prominenz, Ruhm - darauf möchte ich nicht hereinfallen.

INTERVIEW: MATHIAS SCHREIBER

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