»Falsche Entscheidung« Habermas will 225.000-Euro-Buchpreis aus Abu Dhabi doch nicht annehmen

Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat die Annahme eines hoch dotierten Buchpreises überdacht. Die politische Bedeutung sei ihm nicht klar genug gewesen, schreibt er dem SPIEGEL.
Philosoph Jürgen Habermas (Archiv): »Auf längere Fristen glaube ich an die aufklärende Macht des kritischen Wortes«

Philosoph Jürgen Habermas (Archiv): »Auf längere Fristen glaube ich an die aufklärende Macht des kritischen Wortes«

Foto: Oliver Berg/ picture-alliance/ dpa

Ende Mai wollte der wohl bedeutendste deutsche Philosoph unserer Zeit, Jürgen Habermas, den Sheikh Zayed Book Award entgegennehmen. Er ist mit 225.000 Euro eine der am höchsten dotierten Auszeichnungen für Autoren, die auf der Welt vergeben werden. Schirmherr ist Mohamed bin Zayed, Kronprinz von Abu Dhabi und De-facto-Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate.

Doch an diesem Sonntag hat der 91-jährige Habermas nach dem Lesen eines am Morgen veröffentlichten SPIEGEL-Artikels entschieden, von dem Preis zurückzutreten: »Ich habe meine Bereitschaft erklärt, den diesjährigen Sheikh Zayed Book Award anzunehmen. Das war eine falsche Entscheidung, die ich hiermit korrigiere«, schreibt Habermas in einer Mitteilung, die den SPIEGEL über seinen Verlag Suhrkamp erreichte.

»Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden politischen System habe ich mir nicht hinreichend klargemacht«, teilte er weiter mit. »Der heutige SPIEGEL-Artikel zu diesem Thema endet mit dem Satz. ›Gewöhnlich gewinnt, wenn Geist und Macht aufeinandertreffen, die Macht.‹ Kurzfristig ja; aber auf längere Fristen glaube ich an die aufklärende Macht des kritischen Wortes, wenn es nur ans Licht der politischen Öffentlichkeit dringt. Dafür genügen auch meine dankenswerterweise ins Arabische übersetzten Bücher.«

Kronprinz bin Zayed hatte dem Preisträger per Tweet zu der Auszeichnung gratuliert, in dem er kulturelle Leistungen ganz allgemein als »gemeinsame Sprache« rühmte und sich auf einige hehre Ziele berief: »Liebe, Toleranz und Dialog zwischen Nationen und Völkern«. Der Award sollte im Rahmen der internationalen Buchmesse von Abu Dhabi ab 23. Mai übergeben werden.

Auf Anfrage hatte Habermas zuvor in einer Mail dargelegt, wie er zu seiner Entscheidung gekommen war: »Natürlich war ich misstrauisch und habe ich mich über die Institution und die Preisträger informiert, bevor ich den Preis angenommen habe«, schreibt er. Seine Informationen habe er maßgeblich von Jürgen Boos erhalten, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse. Dieser habe »Bedenken, die auf der Hand liegen, zerstreut«. Er selbst habe sich überdies »mit den letzten vier Preisträgern in meiner Kategorie« vertraut gemacht und »kein Haar in der Suppe gefunden«.

dip/abl