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FIAT 850 Falsche Lücke

aus DER SPIEGEL 46/1965

Konstrukteure und Produktionsstrategen der Fiat-Werke in Turin mißtrauten den Analysen der eigenen Marktforscher. Resultat: Italiens größter Automobilproduzent erzielte den größten Verkaufserfolg seiner Geschichte.

Gegen den Rat ihrer Marktforschungsabteilung hatte die Firma im April 1964 ihren Kleinwagen Fiat 850 aufs Fließband gelegt. Das Modell entpuppte sich als begehrtester Fiat aller Zeiten und verhalf seinen Erbauern zu einem neuen Rekord: In nur anderthalb Jahren, so konnte Fiat letzte Woche zur Eröffnung des Autosalons in Turin melden, wurden 500 000 Fiat des Modells 850 gebaut.

»Noch nie konnten wir in so kurzer Zeit so viele Wagen eines Typs absetzen«, sagte Franco Azario, einer der Exportdirektoren von Fiat. »Wir sind selber verblüfft.«

Ursprünglich hatten die Fiat-Planer nur die Entwicklung ihres Typs 690 fortsetzen wollen, in dem vom ganz kleinen Fiat 500 mit luftgekühltem Zwei-Zylinder-Motor bis zum 2,3-Liter -Wagen reichenden Typenprogramm der 126 000 Fiat-Werker in Turin nahm das 600er Modell (wassergekühlter Vier -Zylinder-Motor, vier Sitzplätze) einen wichtigen Rang ein. Es war Italiens Volkswagen und Fiats Bestseller. In den letzten zehn Jahren verkaufte Fiat von diesem Typ rund 2,3 Millionen Stück.

Die Produktion des Typs 600 wird auch künftig unverändert fortgesetzt, darüber waren sich Marktforscher und Konstrukteure von Fiat einig. Während aber die Marktforscher im Markt der Ein-Liter-Wagen eine günstige Lücke entdeckt zu haben glaubten, wollte Chefkonstrukteur Oscar Montabone das Kleinwagenprogramm mit einer Neukonstruktion des aus der Turiner Maßschneiderei Ghia stammenden Fiat-Chefstylisten Boano aufstocken. Montabone setzte sich durch. Fiat rüstete seinen Neuling mit einem Vier-Zylinder-Heckmotor von 850 Kubikzentimeter Hubraum und 37-PS-Leistung aus, der 125 Stundenkilometer ermöglichte. Preis: 4390 Mark.

Der Fiat 850 bot nicht nur die gleiche Fahrleistung, sondern nahezu auch den gleichen Innenraum wie ein vergleichbarer Konkurrent der 1000-Kubikzentimeter-Klasse. Außerdem konnten die Fiat-Ingenieure ihr preisgünstiges neues Modell mit einem beachtlich breiten und tiefen Gepäckraum unter der Vorderhaube versehen. Dieser Vorteil ergab sich, weil Fiat den Benzintank bei diesem Typ - zum erstenmal bei einem Fiat-Personenwagen mit Heckmotor - aus Sicherheitsgründen ins Wagenheck verlegte, eingebettet in Metallschalen, zwischen Motor und Rücksitz.

Der neue Fiat 850 schlug trotz ungünstitger Prognosen der Marktforscher derart gut ein, daß Fiat für den Wagen als einzigen Fiat-Typ trotz Zwei-Schichten-Betrieb ein zweites Fließband einrichten mußte. Bis heute ist die Tagesproduktion des Fiat 850 auf 1200 Einheiten hochgeschnellt. In den Zulassungslisten Italiens liegt er seit Monaten weit an der Spitze. Aber auch auf den Auslandsmärkten erwies er sich als Verkaufsschlager.

In Deutschland, wo der Trend zum größeren Wagen am ausgeprägtesten ist und die Klasse des Fiat 850 nur noch sieben Prozent des gesamten Marktes ausmacht, eroberte der heue Fiat

bei noch steigender Tendenz bisher 50 Prozent Marktanteil in seiner Klasse.

Aber das strategische Konzept der Fiat-Leute war noch größer angelegt. Außer dem normalen Modell entwickelten sie neben dem Combi -Typ ein sportliches Coupé mit Scheibenbremsen an den Vorderrädern, 47-PS-Motor und 139 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Preis: 5880 Mark. Es kam im März 1965 auf den Markt und wird heute in täglich 270 Exemplaren gebaut. Fiat fertigte innerhalb von sechs Monaten 30 000 Fiat-850-Coupés mehr, als von jedem anderen Coupé produziert werden.

Auch die Turiner Carozzieri versuchten sich mit eigenen Entwürfen an den Erfolg anzuhängen. Fiat erteilte dem Maßschneider Bertone die Produktionserlaubnis für einen von ihm gezeichneten Fiat 850 Spider, den Fiat mit einem noch stärkeren Motor von 49 PS (Höchstgeschwindigkeit: 147 Stundenkilometer, Preis: 7150 Mark) ausrüstete. Bertone baut seit Juli

täglich 30 Spider. Und die Nachfrage nach dem vergleichsweise teuren Sportmodell war so stark, daß Bertone auf dem Turiner Auto-Salon sogar einen noch teureren Luxus-Spider präsentiert, der gleichfalls in Serie gebaut wird.

Die Firma erwartet einen Produktionszuwachs von fünf Prozent gegenüber 1964. Vorstandssprecher Minola kündigte auf dem Salon bereits einen weiteren Fiat-Rekord an: »Im Jahre 1965 wird es uns zum erstenmal gelingen, innerhalb eines Jahres eine Million Fahrzeuge zu bauen.«

Fiat 850

Fiat 850 Coupé

Fiat 850 Spider

Fiat-Bestseller: Gegen den Rat der Marktforscher

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