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ZADEK Falscher Held

aus DER SPIEGEL 12/1964

Der Weg nach oben führte von London nach Paris durch die deutsche Provinz. Als er 1957 in London Jean Genets »Balkon« inszenierte, kam Peter Zadek erstmals ins Gerede, aber zu Ruf und Ruhm als Regisseur kam der junge Engländer in Ulm und Bremen:

Zadeks Ulmer Inszenierung von Brendan Behans »Geisel« wurde 1962 als deutsche »Aufführung des Jahres« (so das Fachblatt Theater heute") gefeiert. Zadeks neuestes Regie-Kunststück, eine ultramoderne Inszenierung von Shakespeares »Heinrich V.« unter dem neuen Titel »Held Henry«, wurde in der vergangenen Woche durch eine Gastspieleinladung zur Bühnen-Olympiade »Theater der Nationen« in Paris geehrt.

Die Karriere des heute 37jährigen in Berlin geborenen Regisseurs Zadek war von Anfang an durch Knalleffekte auf, vor und hinter der Bühne belebt. Zadek, der 1933 mit seinen Eltern nach England emigriert war, hatte nach dem Krieg in der Schauspielschule des »Old Vic« -Theaters Regie gelernt und als Filmcutter und Fernsehregisseur gearbeitet, als ihm 1957 der französische Avantgarde-Autor Jean Genet die Uraufführung seines Bordell-Stücks »Der Balkon« anvertraute.

Vor der - erfolgreichen - Premiere kam es zum Skandal: Genet, mit Zadeks Regie-Resultaten nicht einverstanden, drohte mit Protest vor dem Premierenpublikum und erhielt von der Theaterdirektion Hausverbot.

Der Ruf, Spektakel zu verbürgen, lief dem Nachwuchsregisseur voraus, als er 1958 in die Bundesrepublik übersiedelte. Mit Inszenierungen von modernen Stücken und Shakespeare-Dramen, die - anders als nach deutscher Regie-Routine - statt Tiefsinn Turbulenz, statt sogenannter Werktreue Gag-Serien boten, fiel Zadek deutschen Theaterexperten auf. Seine Inszenierung der in einem Bordell spielenden Behan-Ballade »Die Geisel« löste Tumulte im Publikum und Proteste von Stadträten aus, aber die »Deutsche Zeitung« schrieb: »Zadeks Regie war von einer Brillanz und Genauigkeit, wie sie außer im Hamburger Schauspielhaus und im Berliner Schiller-Theater heute in Deutschland wohl nirgends vorkommen.«

Auch Shakespeares »Heinrich V.« ist

- trotz der langen Tradition von Shakespeare-Experimenten - so noch nicht vorgekommen, wie ihn der literarisch unbekümmerte Gag-Mann Zadek ("Ich will kein intellektuelles, subtiles Theater, ich will scharfe Kontraste, Schocks") jetzt im Stadttheater von Bremen präsentiert und Ende April beim internationalen Bühnenfestival in Paris vorzeigen wird. Zadek hat das Königsdrama mit Hilfe des Bühnenbildners Wilfried Winks zu einer politischen Revue über das Thema Heldentum und Heldenverehrung verarbeitet.

Spruchband- und Photo-Projektionen sowie modernistische Kostümierung - Shakespeares Fürsten und Soldaten tragen Uniformen im Stil des 19. Jahrhunderts oder Weltkrieg-I-Monturen - gehören noch zu den vergleichsweise konventionellen Neuerungen der Zadek -Schau. Verblüffender schon sind die beiden großen Bildtafeln, vor denen das stillose, kurzweilige Shakespeare-Kabarett abrollt: Die eine zeigt Porträts der englischen Herrscher von Wilhelm dem Eroberer bis zu Elisabeth II., die andere ein halbes Hundert »Helden« aller Zeiten und Klassen - »Held Hitler« und »Held Uwe Seeler«, »Held Gagarin« und »Held Adenauer«, »Held Dschingis Khan« und »Held Billy Graham«.

Der Erzbischof von Canterbury spielt Golf, während er gegen König Heinrich intrigiert; Heinrich läßt sich vor der Schlacht bei Azincourt von einem Maler in Feldherrenpose porträtieren; die Herzöge von Burgund, Orleans und Bourbon werden beim Friseur für den Kampf verschönt; Großplakate werben um Freiwillige: »Frankreich braucht Dich« und »England braucht Dich«.

Es gibt im »Held Henry« Mikrophone, Megaphone, Zigaretten, Sekt, einen Photoreporter, einen Genickschuß, einen morsenden Mönch, das Rote Kreuz, eine Cocktailparty und eine »Rüstungsmodenschau« mit einem »Après -Schlacht-Modell« bei Wiener Walzerklängen.

Es gibt die Projektion eines SPIEGEL-ähnlichen Zeitungsausschnitts, in dem zu lesen ist, daß Henry, 20, unlängst noch als Playboy renommiert war. Und in der Pause schallt vom Tonband Marlene Dietrichs »Sag mir, wo die Blumen sind ...«

Wenn sich der Vorhang wieder hebt, feiern französische Offiziere Kriegsweihnacht unterm kerzenstrahlenden Christbaum, während sie nebenher einen gefesselten englischen Kriegsgefangenen mit Ohrfeigen malträtieren, um ihn zum Verrat zu zwingen.

Mit seiner »preschenden Jagd von Einfällen«, schrieb die »Stuttgarter Zeitung« nach der Bremer »Held Henry« -Premiere, habe Zadek diesmal sein Ziel der Klassiker-Auffrischung verfehlt und »das große Thema, Entlarvung der falschen Helden, verspielt«.

Während das Bremer Stadttheater -Ensemble sich auf seinen Pariser Auftritt vorbereitet, sinnt Regisseur Zadek schon auf einen neuen Schock: Er plant ein Kabarett-Programm, »in dem alles, was wir hassen, scheinbar ganz positiv dargestellt wird - zum Beispiel: der Vorhang geht auf, und der gesamte Opernchor steht da und singt das Horst -Wessel-Lied«.

Regisseur Zadek

Shakespeare mit Sekt

Zadek-Inszenierung »Held Henry« in Bremen: Königsdrama mit Uwe Seeler

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