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LITERATUR Famos beobachtet

aus DER SPIEGEL 49/2002

Mit Schwestern ist das so eine Sache. Immer ist eine schöner, begehrter, erfolgreicher als die andere. Und oft wurde gerade die Überlegene als Kind weniger bemuttert und musste sich gegen härtere Widerstände durchsetzen. So geschehen auch bei Keto von Waberer, 60, die sich in ihrem Buch »Schwester« mit der eigenen Familie auseinander setzt. Die Ich-Erzählerin schildert, wie sie im Kindesalter bewundernd zu ihrer schönen, fünf Jahre älteren Schwester aufgeblickt hat, deren Körper sich schon weiblich rundete, während sie selbst noch knochig und jungenhaft war. Doch im Laufe der Jahre kehrt sich das Verhältnis um - eines Tages ist es die Jüngere, von der die Männer sich bezaubern lassen; und nur ihr gelingt es letztlich, ihr Leben zielstrebig in die Hand zu nehmen. Waberer gesteht mit großer Offenheit, wie peinlich, ja unheimlich ihr der eigene Erfolg angesichts der scheiternden Schwester stets vorgekommen ist. Dabei übertreibt sie allerdings die Selbstanklage so sehr, dass es schon wieder nach Eigenlob riecht: »Ich breche fast zusammen unter der Retterrolle, die ich mir angemaßt habe in meiner Familie.« Auch wenn ihre Selbstanalyse über 160 Seiten gelegentlich allzu therapeutisch wirkt - immer wieder veranschaulicht Waberer in scheinbar nebensächlichen Szenen die Strukturen, die das Leben der Familie bestimmt haben: Die Schwester belegt in fortgeschrittenem Alter einen Keramikkurs und verkauft eine selbst getöpferte Skulptur an ihren Vater; der beklagt sich dann bei der Ich-Erzählerin, nun müsse er das hässliche Ding Tag für Tag betrachten. Doch statt die Szene für sich sprechen zu lassen, erklärt von Waberer sie sofort: »Ich fühle ein so schmerzliches Mitleid mit meiner Schwester, weil sie das hat tun müssen. Ich schäme mich für sie und hasse mich dafür, und ich schäme mich meines Vaters und seiner Kälte.« Die Vielzahl solcher Erläuterungen konterkariert oft die famose Beobachtungsgabe der Autorin..

Keto von Waberer: »Schwester«. Berlin Verlag, Berlin; 168Seiten; 16 Euro.

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