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ESSEN Farbe im Salat

In knapp einem Jahrzehnt hat sich der Import einer neuseeländischen Frucht nach Westdeutschland fast verhundertfacht: Kiwis.
aus DER SPIEGEL 49/1982

Die Stand-Frau Rosa Huber vom Münchner Viktualienmarkt erinnert sich noch gut, was sie empfand, als sie die Frucht mit der flaumigen braunen Haut und dem glasig grünen Innenleben vor elf Jahren zum erstenmal zu Gesicht bekam: »Ja so was Greißligs!« Wie ein geschrumpfter schmutziger Tennisball sei die ihr damals vorgekommen. Die Frucht hieß Kiwi - ein Name, unter dem die Bundesbürger bis dato lediglich eine Schuhcreme kannten.

Mittlerweile wissen sie es besser. Mehr noch: Die Deutschen haben sich zu einem Volk von Kiwiphilen entwickelt. 85 Millionen Kiwis wurden im vorigen Jahr in der Bundesrepublik verzehrt, beinahe 95mal soviel wie 1972. Damals hatten Deutschlands Tropenfrucht-Importeure ganze 900 000 Stück absetzen können. Ratlose Konsumenten bestaunten die kuriosen Früchte in den Auslagen teurer Delikatessengeschäfte oder an Spezialständen für Südfrüchte und wußten nichts mit ihnen anzufangen. Nur wenige beherzte Genießer ließen sich das süßsäuerliche Kiwi-Aroma auf der Zunge zergehen - meist in Gestalt von wäßrigem Kiwi-Eis, das von den Vertretern der Nouvelle Cuisine gern als neutralisierendes Sorbet zwischen Fisch- und Fleischgang angeboten wurde.

Die französischen Drei-Sterne-Brüder Troisgros, Mitbegründer der Neuen Küche, gehörten zu den Pionieren der smaragdgrünen Frucht. Aber auch deutsche Küchenchefs von neuem Schlage ersannen exotische Kiwi-Rezepte. Der Münchner »Schnecke«-Koch Josef Grosser etwa bettete pastisgebeizte Kiwi-Filets in warmen Erdbeer-Pfeffer. Und der nach Wiesbaden emigrierte Star- und Sterne-Koch Hans-Peter Wodarz ("Die Ente vom Lehel") schwärmt noch immer von den »unglaublich schönen Schlieren«, die grünes Kiwi-Mark in seinem Nachtisch »Dialog der Früchte« ziehe.

Noch bis 1979, sagt Norbert Timme von der Hamburger Tropenfrucht-Importfirma »Trofi«, seien Kiwis »ausgesprochene Luxusfrüchte« gewesen. Dann wurden in einer großangelegten Kiwi-Popularisierungskampagne auch S.247 andere Käuferschichten auf den Geschmack gebracht. Die braunen Rieseneier tauchten steigenweise in Supermarkt-Ketten wie Aldi und Edeka auf. Mit kostenlosen Rezeptvorschlägen wurde die deutsche Hausfrau dazu verlockt, »neue Farbe« in ihren fahlen Obstsalat zu bringen oder beispielsweise mit Kiwi-Scheiben ihre Käsesahnetorte aufzustocken.

Heute konsumieren Deutschlands Kiwi-Fans das »geliebte Früchtchen« (Werbespruch) in nahezu jedem Zustand: flüssig und fest, warm und kalt, scheibchenweise oder zu Mus vermanscht. Sie schlabbern Kiwi-Dickmilch und Kiwi-Pudding, schlecken Kiwi-Eis, süffeln Kiwi-Bowle und schmieren sich Kiwi-Marmelade aufs Brot. Schnelle Esser löffeln die Früchte auch ohne weitere Umstände einfach aus.

Der größte Teil der deutschen Kiwi-Importe kommt aus Neuseeland. Dort werden auf 7600 Hektar Anbaufläche in der sonnenreichen »Bay of Plenty« die Früchte in riesigen Plantagen kultiviert. Auch in Kalifornien tragen Kiwi-Pflanzungen in diesem Jahr voraussichtlich 5000 Tonnen Früchte. Frankreich, Australien und Japan sind ebenfalls ins Kiwi-Geschäft eingestiegen, Italien und Griechenland versuchen nachzuziehen.

Doch das eigentliche Herkunftsland der auch »Affenpfirsich« oder »chinesische Stachelbeere« genannten Erfolgsfrucht ist China.

Dort wird die wildwachsende Rebe seit etwa 300 Jahren veredelt und ihre Frucht auch heute noch Yang Tao genannt. Ein französischer Jesuit schickte 1741 einen Setzling an einen französischen Botaniker; dennoch erschien die erste wissenschaftliche Beschreibung des zweihäusigen Strahlengriffelgewächses (Actionidia sinensis) im Westen erst 100 Jahre später. Sie vergaß zu erwähnen, daß die vermeintliche Zierpflanze auch Früchte trägt.

Erst 1910 erntete ein Neuseeländer namens Alexander Allison in Wanganui die erste »chinesische Stachelbeere« der westlichen Hemisphäre. Er hatte sie aus Samenkernen gezüchtet, die ihm vier Jahre zuvor von einem Freund aus China geschenkt worden waren. Den neuseeländischen Export-Schlagern der Sorte »Hayward« sind mittlerweile Eigenschaften angezüchtet worden, die sie von allen anderen Weichfrüchten unterscheiden: Sie sind außerordentlich haltbar und reifen auf Befehl.

Neuseeland-Kiwis können bei null Grad und hoher Luftfeuchtigkeit in Spezial-Kühlhäusern monatelang lagern, ohne zu schrumpeln. Das heißt, sie verlieren im Vierteljahr weniger als ein Prozent ihres Gewichts.

Der unterbrochene Reifeprozeß kommt aber sofort wieder in Gang, wenn die Kiwis, die wie Pralinen verpackt in Holz- oder Pappkisten lagern, Äthylen ausgesetzt werden. Das ist ein Reifegas, das sie sogar selber produzieren. Kenner beschleunigen diesen Prozeß, indem sie Kiwis mit Äpfeln, Bananen oder Quitten, ebenfalls guten Äthylengas-Produzenten, zusammenbringen. Oft reicht schon eine Nacht, bis die braune Haut auf Druck nachgibt: Zeichen der Reife.

Mit derartigen Tricks ist es gelungen, die Verkaufssaison für Kiwis, die von Anfang Mai bis Ende Juni in Neuseeland geerntet werden, bis in den Januar zu strecken. Verkaufsfördernd wirkt sich außerdem aus, daß Einzelhändler und Kettenläden so gut wie keine Ausfälle haben. Sogar bei normalen Ladentemperaturen halten sich die reifen Früchte weitere zwei bis drei Wochen, ehe sie zu weich und unansehnlich werden.

Seit die Frucht in nahezu jedem Supermarkt angeboten wird, haben manche Anhänger der hohen Küche den Geschmack an ihr fast wieder verloren. »Zeit«-Vorkoster Wolfram Siebeck geht sogar so weit, die Kiwifrucht als »geschmacklosen Softie« abzulehnen, als ein fades Modeprodukt, das »überhaupt nichts taugt«.

Dem widersprechen vor allem die Gesundheitsapostel. Denn eine Frucht hat je nach Größe nur 35 bis 40 Kalorien, beinhaltet dafür aber soviel Vitamin C wie eine Zitrone, eine Orange und eine Grapefruit zusammen. Schon schieben immer mehr Figurbewußte Kiwi-Tage ein, wenn sie ein paar Pfunde abspecken wollen. Sogar in »Brenners Parkhotel« in Baden-Baden stehen gepellte Kiwis, mit Zitronensaft beträufelt, mindestens einmal pro Woche auf dem Speiseplan für »Reduktionskost«.

Neuseeländische Kiwi-Propagandisten schreiben der Frucht neuerdings noch weitere gesundheitsfördernde Wirkung zu: Die Prestige-Frucht könne sogar »den Cholesterin-Spiegel im Blut senken« und »den Blutkreislauf anregen«.

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