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ANTIQUITÄTEN Fast wie Eigentum

Edle alte Möbel für Anwaltszimmer, Arztpraxen und Chef-Etagen bietet ein Düsseldorfer Kaufmann an - im Leasing-Verfahren.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Hohe Staatsdiener genießen seit langem ein Privileg: Sie dürfen zwischen Antikem hausen. Leihgaben aus dem Fundus landeseigener Museen verleihen ihren Arbeitszimmern Würde.

Andere elitäre Staatsbürger, etwa Industriemanager oder Kassenärzte, müssen sich mit Palisanderfurnier statt Esche, mit Leder- anstelle von Kunststoff-Möbeln bescheiden; auch den Chef-Schreibtisch in Übergröße können sie als Betriebsausgaben rechtfertigen.

Doch bei edlem antikem Mobiliar, sei es auch nur ein zierliches französisches Zylinderbureau aus dem Directoire oder eine Aachener Barockstanduhr aus Eiche mit Messing-Zifferblatt und etwas Schnitzwerk, streiken die Finanzämter. Bei Marktpreisen von 85 000 Mark und mehr halten Rechnungsprüfer und Finanzbeamte solche Form von schöner Wohnen für -- nicht steuerlich absetzbaren -- Luxus.

Das kann sich jetzt ändern. Der Düsseldorfer Diplom-Kaufmann Ingolf Mothes, 41, hat Hilfe ersonnen. Sein Rezept: Miete statt Kauf, denn »Besitz von alten Kostbarkeiten«, meint Mothes, »ist fast so schön wie Eigentum«.

Fünfzehn Jahre Tätigkeit bei einem Versicherungs- und einem Kaufhauskonzern S.256 haben den rheinischen Betriebswirtschaftler nicht nur zum Experten für Steuer- und Finanzierungsfragen gemacht. Auch mit den Einrichtungsproblemen gehobener Verdienstklassen wurde er vertraut. Und weil er sich »schon immer aus persönlichem Interesse mit Antiquitäten und dem Kunstmarkt befaßt hat«, brachte Mothes auch diese Erfahrung in sein neuartiges Dienstleistungsunternehmen ein: Er gründete eine »Kunst- & Antiquitäten, Leasing- & Handelsgesellschaft mbH«.

Sie bietet statusbewußten Managern, Freiberuflern und Gewerbetreibenden einen Weg, ihre Chefbüros mit dem Dekor der Vergangenheit zu schmücken, ohne deshalb mit dem Finanzamt in Konflikt zu geraten.

In seinem Düsseldorfer Firmendomizil hält Mothes aus eigenen, in Jahren gesammelten Beständen Beispiele für repräsentative Büro- oder Praxis-Einrichtungen aus verschiedenen Epochen parat -- allerdings mehr zur Anregung als zum Vermieten. Jeder Kunde, so hat der Düsseldorfer Kaufmann einkalkuliert, »hat seinen eigenen Geschmack und bestimmte Wünsche«.

Der Mothes-Kunde kann daher nach eigenem Gusto bei dem »Antiquitätenhändler seines Vertrauens« auswählen, was er mieten will. Ob es ein Frankfurter Wellen-Nasenschrank von 1730 ist, der im Chefzimmer Flair verbreiten soll, oder ein elsässischer Rollsekretär von 1750, eine Louis-quinze-Kommode oder eine süddeutsche Telleruhr von 1730, ein Regency-Bibliothekschrank aus Mahagoni oder ein vier Meter langer Konferenztisch aus alter deutscher Eiche -- Leaser Mothes ist zur Stelle.

Nur eines muß der Mieter zusammen mit dem Stück seiner Wahl dem Verleiher Mothes vorlegen: die Expertise eines vereidigten Sachverständigen, die Echtheit und Marktwert des gewünschten Stückes verbrieft. Nach »Phantasie- oder Zufallspreisen« will Mothes die monatlichen Mietraten nicht bemessen, »keine Refinanzierungsbank macht da mit«. Auch eine Überprüfung seiner geschäftlichen Bonität muß sich der Mothes-Kunde gefallen lassen.

Während der vier- oder fünfjährigen Mietdauer darf die Leihkunst vom Leasing-Nehmer genutzt werden, wobei Mothes sich allerdings vertraglich ausbedingt, daß sie vom Mieter pfleglich behandelt und gegen Diebstahl versichert wird. Auch der im Leasing-Vertrag vereinbarte »Aufstellungsort« darf nicht willkürlich verändert werden.

Dafür bietet der Steuervorteil beim Antiquitäten-Leasing einen Ausgleich: Mietaufwendungen für Gebrauchsgut, das betrieblich genutzt wird, können als Betriebsausgaben geltend gemacht werden. Jeder Finanzbeamte respektiert das. S.257

»Einen Schnaps teurer« als sonst bei Leasing-Verträgen üblich, etwa wenn es um EDV-Anlagen oder Firmenwagen geht, hat Mothes seine Leasing-Raten kalkuliert. Bei einem Objektwert von 20 000 Mark und vierjähriger Mietdauer beispielsweise beträgt die Monatsrate 583 Mark. Doch auch die »Schnaps«-Rechnung ist nicht ohne steuerrechtlichen Hintersinn.

Der Düsseldorfer Kaufmann hat die Erfahrung gemacht, »daß die allermeisten Kunden die geleaste Antiquität über die Dauer des Mietvertrages hinaus behalten wollen, weil sie ihnen ans Herz gewachsen ist«. Daher setzt er den sogenannten Restwert, der bei jedem Leasing-Vertrag für die Höhe der fest vereinbarten Monatspacht mitbestimmend ist, mit höchstens zehn Prozent erheblich niedriger an, als es bei Büromaschinen oder Autos (35 bis 50 Prozent) üblich ist.

Der »käufliche Erwerb der Mietsache«, der jedem Antiquitäten-Mieter »nach Ablauf des Mietvertrages und bei ordnungsgemäßer Erfüllung dieses Vertrages« freisteht, wird bei so niedrig bemessenem Restwert bedeutend einfacher, der »Restkaufpreis« ist entsprechend gering. Und Büromobiliar, auch antike Kostbarkeiten, sind dann als Betriebsaufwand steuerlich absetzbar, wenn die Anschaffungskosten nicht mehr aus dem Rahmen fallen.

Antiquitäten-Leasingnehmer steigern mithin nicht nur ihren Selbstwert, sondern auch ihr Betriebsvermögen. Der Preis für antikes Stückgut hat sich durchschnittlich in den letzten fünf Jahren verdoppelt.

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