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HITLER-FILM Faszination des Demagogen

Hitler -- eine Karriere. Dokumentarfilm von Joachim Fest und Christian Herrendoerfer; Deutschland 1977, Schwarzweiß mit Farbteilen; 150 Minuten.
Von Heinz Höhne
aus DER SPIEGEL 27/1977

Die Herausforderer stellen sich bereits auf ruppige Schelte ein. »Dieser Film ist sicher ein Wagnis«, räumt Autor Joachim C. Fest ein, während Filmproduzent Werner Rieb meditiert: »Wir mußten das einfach machen, das Thema wurde ja in der Schule totgeschwiegen.« Und Hans Posegga gar, der die Musik zu dem Film schrieb, will schon jetzt »jede Unterstellung zurückweisen, etwa ein postumer Verfechter des Nazismus zu sein«.

Was die Beteiligten so vorsichtig-abwiegelnd ankündigen, wird am Mittwoch dieser Woche, auf dem Höhepunkt der XXVII. Internationalen Filmfestspiele in West-Berlin, über die Leinwand des »Zoopalastes« flimmern: »Hitler -- eine Karriere«, Fests 150 Minuten langer Dokumentarfilm über Aufstieg und Fall des großdeutschen Diktators.

Die Zuschauer werden rasch merken, daß ihnen dieser Film mehr bietet als nur eine neue Variation des Alt-Themas Hitler. Zum erstenmal befreien bundesdeutsche Filmer den zum Zelluloid-Monster degenerierten Führer von den Denkschablonen antifaschistischer Aufklärungsfilme und entwerfen ein glaubwürdiges, auch historiographisch zuverlässiges Bild von Hitler und seiner Epoche.

*Hitlers Einzug in Berlin nach dem Frankreich-Feldzug 1940.

Das geht freilich nicht ab ohne Abschied von liebgewordenen Vorstellungen. »Wir haben es uns alle«, sagt Fest, »vielleicht über viele Jahre hin mit Hitler zu leicht gemacht. Als Verbrecher wäre er nie populär geworden. Und wenn er nur der harmlose Autobahnbauer gewesen wäre, hätte er nicht diese außerordentliche Popularität und nicht diese Erfolge erringen können, die er zweifellos doch errungen hat.«

Damit will der Historiker Fest, Verfasser einer erfolgreichen Hitler-Biographie (Gesamtauflage: 502 000), beileibe nicht den NS-Diktator weißwaschen, wohl aber dazu beitragen, die filmische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf ein höheres, der Zeitgeschichtsforschung adäquates Niveau zu hieven. Denn allzulange wurde das filmische Hitler-Bild von antifaschistischen Kampfparolen beherrscht.

»Hitlers reign of Terror« hieß der erste, 1934 in den USA hergestellte Hitler-Film, der ein nuancenloses Horrorbild des Dritten Reiches zeichnete, und seinem Muster folgten viele der rund 40 Filme, die seither Hitler porträtierten: mal als wahnsinnig gewordenen Kleinbürger, mal als modernen Dschingis-Khan, mal als Marionette des deutschen Imperialismus.

Das Hitler-Bild dieser Filme war zwar nicht grundfalsch, sicher aber einseitig und undifferenziert -- aus gutem Grund: Die Filme dienten vielfach politisch-propagandistischen Zwecken, zunächst dem Kampf der Alliierten gegen Hitlers Deutschland, dann der Umerziehung der Nachkriegs-Deutschen.

Einem so gearteten Umgang mit der NS-Vergangenheit mochte der Hitler-Kenner Fest keinen Geschmack abgewinnen. Ihn dünkte es gefährlich, das Dritte Reich auf seine terroristisch-manipulatorischen Zuge zu verkürzen; wer die wirtschaftlich-sozialen Leistungen des NS-Regimes und vor allem die Faszination wegretuschierte, die Hitler auf Millionen Deutsche ausgeübt hatte, lieferte sich nur der »falschen Überheblichkeit der jungen Leute« aus, die sich »nicht vorstellen können, wieso denn die Älteren auf Hitler hereinfallen konnten« (Fest).

Dagegen weiß Fest nur ein Mittel: »Man sollte die Faszination durchaus zeigen; verständlich machen, daß es eine Faszination für viele gab, und damit versuchen, die Leute etwas immuner gegen ähnliche Reaktionen zu maclien.«

Schon 1969 versuchte er, das Hitler-Klischee zu korrigieren. Gemeinsam mit dem TV-Dokumentarfilmer Christian Herrendoerfer stellte Fest einen Fernsehfilm zusammen, der einen neuen Hitler zeigte: einen Demagogen von »geschichtlicher Größe«, den die Krise der Zeit und die Sehnsüchte richtungslos gewordener Massen zu einer pseudoreligiösen Erlöserfigur machen.

Doch Fests »Versuch eines Porträts« blieb die Breitenwirkung versagt. Erst der Massenerfolg seines 1973 erschienenen Hitler-Buches eröffnete ihm eine neue Chance in der Filmwelt: Werner Rieb, Chef der Münchner Filmproduktionsgesellschaft »Interart«, bot Fest an, mit ihm zusammen einen abendfüllenden Dokumentarfilm über Hitler zu machen.

Fest akzeptierte Riebs Angebot, Mitte 1975 begannen die Vorarbeiten. Der Autor holte sich wieder den Dokumen-

* Mit Ribbentrop auf dein Berghof (aufgenommen von Eva Braun).

taristen Herrendoerfer, der mit einem Recherchen-Team die Filmarchive Europas nach neuem Bildmaterial durchkämmte.

Nach anderthalb Jahren emsiger Fahndung hatten Herrendoerfers Rechercheure mehrere hunderttausend Meter Filmmaterial ausgewertet. Auch mancher private Amateurfilmer gab seine Schätze frei. Ein Amateur lieferte einen Streifen über die Eröffnung des Münchner »Hauses der Deutschen Kunst« 1937, ein anderer Erschießungs-Szenen aus dem deutsch-besetzten Rußland, ein Fachmann den Privatfilm Eva Brauns über das Leben auf Hitlers Obersalzberg.

Das ermöglichte Rieb und Herrendoerfer, einen Dokumentarfilm zusammenzustellen, dessen Bildmaterial ihn aus der Masse der Hitler-Filme weit herausragen läßt. Noch nie sah man Bilder, die so eindringlich Hitler-Kult und Massenhysterie des Nationalsozialismus enthüllten.

Besonders eindrucksvoll sind dabei die Szenen von der gleichsam mythischen Vereinigung von Hitler und Masse mit ihren pseudoreligiösen, ja erotischen Akzenten; beklemmend auch die verzückten Frauengesichter vor dem Redner Hitler, das an die Vorbereitung kirchlicher Prozessionen erinnernde Blumenstreuen auf den Straßen, die der Diktator betreten sollte, wozu auch paßt, daß Hitler nicht selten seine Rede mit einem feierlichen »Amen« beendete und nur allzuoft den Herrgott anrief.

Diese Bilder strahlen eine solche Suggestionskraft aus, daß man um ihre Wirkung auf unvorbereitete Zuschauer besorgt sein müßte, verstünde es nicht der Kommentator Fest, mit klärenden und behutsamen Formulierungen mögliche Fehlreaktionen des Publikums abzufangen.

Gleichwohl hält er das Publikum für reif genug, die »Genialität des großen Demagogen« in den richtigen Perspektiven zu ermessen. Sein Fazit: »Die Übereinstimmung mit den Massen hat Hitler getragen und zum Gegenstand millionenfacher Erwartungen gemacht. Auf der Strecke blieb dabei das alte, idyllische Europa, als dessen letzte Chance er sich bezeichnet hat. In Wahrheit hat er es zugrunde gerichtet. Er hatte die Geschichte aufhalten wollen, und die Menschen -- unwissend, gläubig, viel zu viele bis zum Ende -- sind ihm gefolgt. Durch ihn ist Deutschland ruhmlos, wenn auch mit gewaltigem Getöse, aus der Geschichte ausgetreten.«

Nicht immer freilich vermögen Fests Worte mit der Rasanz der Bilder Schritt zu halten. Fällt es ihm schon am Anfang schwer, inmitten hochdramatischer Szenen und Sequenzen den chronologischen Einstieg zu finden, so verliert er im zweiten Teil des Films, der die unvermeidlichen Feldzugsbilder bringt, nicht selten den Kontakt zu seinem »Helden«.

Auch verlocken ihn die Bilder zuweilen zu manch hastiger, ja irriger Formulierung. Daß Hitler mit der Wiederbesetzung des Rheinlands 1936 das Ausland »zum erstenmal herausforderte« (und dies Jahre nach Völkerbund-Austritt und Dollfuß-Mord), wird Fest ebensowenig ernsthaft vertreten wollen wie die Behauptung, erstmalig bei der Besetzung Prags hätten ihn Himmler und Heydrich auf einem seiner scheinbar friedlichen Eroberungszüge begleitet, oder jene, »nur Hitlers verbissener Durchhaltewille« habe die deutsche Ostfront im Winter 1941/42 zusammengehalten.

Vollends bedenklich aber wird die Fachhistoriker stimmen, daß die von Fest nolens volens betriebene Personalisierung des Dritten Reiches in der Figur Hitlers das Bild eines schrankenlosen, planmäßig agierenden Knopfdruck-Diktators popularisiert, von dem die neuere Geschichtsschreibung längst abrückt. Kein Wort fällt in diesem Film über die Bedingungen und Begrenzungen Hitlerscher Alleinherrschaft, kein Hinweis auf den von Cliquenkämpfen und Kompetenzkabalen bestimmten Alltag des Führers.

Das mag hindern, diesem exzeptionellen Film den vollen Beifall der Experten zu sichern. Doch das Verdienst Joachim C. Fests wird dies kaum verkleinern können: Er hat der filmischen Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit einen neuen Weg gewiesen.

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