Zur Ausgabe
Artikel 63 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MUSIK Faule Ausreden

Wäre Hindemith »um ein Haar der Hauskomponist des Hitler-Staats geworden«? Trat Karajan entgegen eigenen Angaben schon 1933 in die NSDAP ein? Eine neue Dokumentation behauptet beides.
aus DER SPIEGEL 7/1982

Schon vor fast 20 Jahren stieß der Autor Fred K. Prieberg bei der Suche nach einem Verleger »auf lauter nette, karitativ gesonnene Buchproduzenten«.

Doch keiner der freundlichen Herren wollte jenes Buch produzieren, das Prieberg anbot: eine Musikgeschichte des Dritten Reiches. Sie alle hatten wohl, wie wenigstens einer von ihnen zugab, »gewisse Rücksichten zu nehmen« auf jene Tonkünstler, »die mit ihrer Begabung und ihrem Fleiß dem NS-Staat in irgendeiner Weise zu Diensten waren« (Prieberg) und nach der großdeutschen Götterdämmerung nicht mehr gern daran erinnert werden wollten.

Doch Prieberg, durch Darstellungen der »Musik in der Sowjet-Union« (1965) und »Musik im anderen Deutschland« (1967) als zuverlässiger und furchtloser Dokumentarist ausgewiesen, ließ nicht locker: Nach jahrelangen Recherchen bei 329 Zeugen und in 192 Archiven hat er die »Musik im NS-Staat« doch noch gründlich abgehört und das Resultat mit allen Details veröffentlicht.

( Fred K. Prieberg: »Musik im NS-Staat«. ) ( Fischer Taschenbuch Verlag. 452 Seiten. ) ( 19,80 Mark. )

Seit und neben der einschlägigen Pionier-Arbeit von Joseph Wulf, der 1963 die »Musik im Dritten Reich« erstmals systematisch untersucht hatte, ist Priebergs spannendes Geschichtsbuch die wichtigste Abrechnung mit der nazistischen Musikpolitik und allen, »die damals dabei waren, Karriere machten, sich fördern ließen, Kompromisse eingingen, verrieten und verraten wurden« - ein schillerndes Concerto grosso voll historischer Beweisführung, sachdienlicher Wertung und privater Enthüllung.

Dabei schildert Prieberg die rührenden Versuche jüdischer Musikfreunde, in Synagogen und Kulturbünden einen eigenen Konzertbetrieb aufzuziehen, ebenso lückenlos wie den zweifellos imposanten Versuch des Hitler-Regimes, den Volksgenossen jede Menge musikalischer Zerstreuung zu bieten.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und »Vakanzen in Hülle und Fülle« schuf, waren nach offizieller Zählung 172 443 Personen haupt- oder nebenberuflich im Dienst an der Musik - allein 3500 Komponisten, nicht gerechnet 16 500 Männerchöre sowie 7700 Volksmusik-Kapellen. »Zwischen 1933 und 1945«, so Priebergs Saldo, »hatte das deutsche Musikleben einen beachtlichen Stand, sowohl an Qualität wie an Menge der Beiträge zu Konzert und Oper, Musikerziehung, Interpretation, Komposition«.

Mit einem unerhörten Einsatz von Menschen und Material war die Musikpolitik der Nazis vor allem »auf den Boykott des jüdischen Anteils und auf die Organisation eines statistisch beachtlichen und künstlerisch hochstehenden Musikbetriebes konzentriert, der auch noch das letzte Dorf erreichen sollte«, weshalb Autor Prieberg seine Recherchen bis in die hinterste Provinz und in besetzte Nachbarstaaten ausweitete.

Verblüffender allerdings als die mit Fleiß zusammengetragenen Ergebnisse von der musikalischen Machtergreifung sind Priebergs Erkenntnisse, daß es bei allem faschistischen Einklang »auch geschützte Ecken gab, in denen Künstler ''undeutsch'' agieren konnten, sofern es deutsche oder ''nordische'' Künstler waren«. Prominentestes Beispiel: der Komponist Paul Hindemith.

Denn daß Hindemith »als Führer zu der von uns ersehnten neuen deutschen Musik aus Hitlers Geist nicht in Frage« komme, wie der »Völkische Beobachter« 1933 gestänkert hatte, war lange Zeit durchaus nicht sicher.

Zwar hatte sich Hindemith durch seine Ulk-Oper »Neues vom Tage« und deren (schaumbedeckte) Badeszene mit der Dame Laura und ihrem Loblied auf die Warmwasserversorgung 1929 den Unwillen vieler Pgs und vor allem den Zorn des prüden Hitler zugezogen. Doch nachdem der Komponist gleichwohl von seinem Kollegen Richard Strauss in den Führerrat des »Berufsstands der deutschen Komponisten« innerhalb der Reichsmusikkammer berufen worden und in Berlin 1933 mit seiner »Bostoner Symphonie« erfolgreich aufgetreten war, erlebte er, laut Prieberg, »eine Art Durchbruch, der Erwartung weckte, selbst bei der parteilichen Kritik«.

Als Furtwängler im selben Jahr die Symphonie »Mathis der Maler« (auf Matthias Grünewald) uraufführte, schien Hindemith sich den Klangvorstellungen der braunen Musik-Ideologen angepaßt zu haben. Prieberg: »Dies war Erwünschtes: deutsche Musik über einen deutschen Stoff«, zudem rasch international in Umlauf und somit propagandistisch besonders wertvoll.

Zu jener Zeit wäre Hindemith, wenigstens glaubt das Prieberg, »um ein Haar der offizielle, verwöhnte ... Hauskomponist des Hitler-Staats geworden«, hätten sich nicht die maßgebenden Meinungsmacher des nazistischen Konzertwesens, Rosenberg und Goebbels, über den nun auch nicht gerade massenpopulären Stil Hindemiths verkracht und S.188 schließlich gar Hitler mit der Affäre behelligt.

Doch obwohl selbst die Hitler-Jugend zu Hindemith stand und für dessen Ehrenrettung »größtes Vertrauen auf den Führer« setzte, blieb Hitler, immer noch »Neues vom Tage« vor Augen und im Ohr, stur. Hindemith fiel in Ungnade, und als Furtwängler in der Saison 1934/ 35 auch noch die Oper »Mathis der Maler« uraufführen wollte, ließ Göring, Hausherr in der Staatsoper, die Premiere auf Hitlers Geheiß verbieten. Daraufhin spielte der gemaßregelte Furtwängler den »Fall Hindemith« in einem Zeitungsbeitrag hoch und trat schließlich als Opernchef und Vizepräsident der Reichsmusikkammer zurück.

Trotz des weltweiten und deshalb für die Nazis unangenehmen Echos auf die Berliner Affäre kam Hindemith niemals total in Acht und Bann. Als er auf Bestellung des britischen Rundfunks eine Trauermusik für den verstorbenen König George V. schrieb, sorgte sich die Presse im Reich sogar, der Umstrittene möge »seine Schaffenskraft im ganzen seiner deutschen Heimat erhalten«; und der Verlag B. Schott''s Söhne durfte noch 1943 Hindemith-Noten drucken.

Nun war sich Hindemith allerdings auch zu schade gewesen, mit kernigen Heldenliedern, plumpem Meistergesang oder ähnlich willkommenen Propaganda-Musiken sich bei den Berliner Machthabern anzubiedern. Es fanden sich eh genug Komponisten, die mit der großdeutschen Harmonielehre bedingungslos in Einklang standen und schrieben.

Allein bei dem völkischen Affentanz um eine neue Musik zu Shakespeares »Sommernachtstraum«, die den ebenso unschlagbaren wie »entarteten« Hit des Juden Felix Mendelssohn-Bartholdy ein für allemal ablösen sollte, machten laut Prieberg wenigstens 44 Tonsetzer mit - unter diesen auch Carl Orff, der Meister des rhythmischen Gleichschritts.

Zwar hat sich der knorrige Bayer - wie so viele - Prieberg gegenüber später als Opfer aufgespielt, der von Verhaftung bedroht und als »Judenknecht« verleumdet worden sei, was »meine Freunde in Israel«, die so gern zitierten, jederzeit bezeugen könnten. Doch stieß Orff mit seinem abendfüllenden Tam-Tam bei den Nazis durchaus auf offene Ohren, und undankbar war er dafür nicht.

Sein »Schulwerk« beispielsweise, dieses Generationen von Schülern quälende Kompendium rhythmischer Monotonie, wurde auch im Dritten Reich regelmäßig veröffentlicht. 1936 schmeichelte sich der Schulwerker mit seinen »Olympischen Reigen« bei den Braunen ein. Für die 1937 uraufgeführten »Carmina burana« entzückte sich sogar der »Völkische Beobachter": Dies sei »klare, stürmende und in ihrer Haltung doch immer wieder disziplinierte Musik, die unsere Zeit verlangt«.

Sicher, vor Rückschlägen blieb auch Orff mit seinem disziplinierten Zeitgeist nicht verschont. Als die Piano-Löwin Elly Ney während des Kriegs in Görlitz gastierte und dabei zufällig ein paar »Carmina«-Brocken aufschnappte, ließ sie diese »Kulturschande« mit Hilfe des NSDAP-Kreisleiters einfach absetzen; und in Graz wurde Orffs Oper »Die Kluge« von Nazi-Horden ausgepfiffen.

Andererseits war dasselbe Werk dazu ausersehen, die Gaukulturwoche in Cottbus klangvoll zu eröffnen, und selbst bei Kriegsende war Orff immer noch systemgenehm am Werke: Im Auftrag Baldur von Schirachs schrieb er, für 36 000 Reichsmark Vorauszahlung, seine »Antigonae«, mit der er dann 1949 in Salzburg zu großen Ehren kam.

Aber Orff war unter den »namhaften Persönlichkeiten des Nachkriegsmusiklebens« nicht der einzige von denen, die nach dem Urteil Priebergs »perfekte Bewältigungsarbeit geleistet« haben, »mit Verdrängung, faulen Ausreden und - auch das - mit beflissener Neuinterpretation, zu deutsch Fälschung, ihrer Biografie dort, wo sie ''unleidlich'' schien«. Da machte schon früh jener Kapellmeister von sich reden, der »sich nicht mit dem Regime identifizierte«, der »wie so viele andere Künstler politisch völlig gleichgültig war« und deshalb auch absolut unbelastet von seinem Nachkriegs-Biographen Karl Löbl zum »Wunder Karajan« veredelt wurde.

Einem anderen Biographen, dem Wiener Ernst Haeusserman, auch so einem kniefälligen Meistersinger des Maestro, erzählte Karajan die wundervolle Geschichte, drei Tage vor seiner Ernennung zum Generalmusikdirektor in Aachen 1935 vom Stadtdirektor noch rasch auf »eine Formalität« angesprochen worden zu sein: Ohne Parteimitglied zu sein, könne er den wichtigen Posten nicht einnehmen. Karajan, O-Ton: »So unterzeichnete ich.«

Für Prieberg ist diese Episode allerdings nur eine »rührende Geschichte«, die S.189 »mit Raffinesse vom Anschein der Glaubwürdigkeit zehrt«. Tatsächlich hatte der karrierebewußte Dirigent die kleine Formalität weitaus früher und dann gleich doppelt erledigt: Schon am 8. April 1933 ließ er sich in Österreich unter der Mitgliedsnummer 1 607 525 bei der Ortsgruppe V »Neustadt« in die Parteiliste eintragen, am 1. Mai 1933 trat er dann als Pg.-Nummer 3 430 914 der NSDAP-Ortsgruppe Ulm bei.

So, amtlich gleich zweimal besiegelt, konnte sich Karajan denn auch mit klingendem Spiel der Kunst der Zeit widmen. Beim Kreisparteitag der NSDAP in Aachen dirigierte er einen Zyklus »Feier der neuen Front«, Text von Baldur von Schirach, Widmung an Hitler. Im Nazibesetzten Paris eröffnete er ein Symphoniekonzert mit dem Horst-Wessel-Lied, und 1943 zeigte er sich in der Berliner Philharmonie sogar als begeisterter Zuhörer. Während sich der verwöhnte Maestro sonst selten bei Auftritten von Kollegen blicken läßt, muß er damals wohl allen Grund zur Freude gehabt haben: Auf dem Programm stand Bruckners fünfte Symphonie, es spielte das Stabsmusikkorps der Waffen-SS, Dirigent war SS-Hauptsturmführer Franz Schmidt.

S.185Fred K. Prieberg: »Musik im NS-Staat«. Fischer Taschenbuch Verlag.452 Seiten. 19,80 Mark.*In der Gedenkhalle Walhalla, 1937.*

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.