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BÜCHER Faules Ei

Gegen den »Hochglanzmist zum Afrika-Jahr« hat der ehemalige Entwicklungs-Experte Jürgen Schimanek eine Satire über die deutsche Kolonie in Uganda geschrieben.
aus DER SPIEGEL 49/1979

Autor Jürgen Schimanek weiß, wovon er spricht. In seinem Debüt-Roman »Negerweiß« räumt er auf -- mit dem »provinziellen Muff« der deutschen Kolonie in Kampala, wo er acht Jahre lang als »Experte« im Auftrag der Bundesregierung das Fernsehen in Uganda ausbaute*. Seine Satire soll im bevorstehenden Afrika-Jahr des deutschen Buchhandels »das dicke faule Ei sein, das hoffentlich mächtig stinkt«.

Größenwahn eines Debütanten? -- Schimaneks gnadenlose Vergangenheitsbewältigung handelt von der Vorgarten-Mentalität der deutschen Entwicklungs-Experten, die in ihren hochdotierten Projekten seiner Meinung nach »nur Scheiße produzieren« und viel passionierter die Ausstaffierung ihrer Residenzen vorantreiben als die Entwicklung ihrer Gastländer. Ihre unglaubliche Arroganz gegenüber den Eingeborenen, ja ihr Chauvinismus sind Schimaneks zentrale Sujets. Das Buch straft die ideologieschwangeren Hochglanzbroschüren des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit Lügen.

1968 war der ehemalige Meisterschüler für Komposition und spätere WDR-Regisseur Schimanek für das ugandische Fernsehprojekt angeheuert worden.

»Entwicklungsrelevante« Praxis jedoch hat Schimanek »all die Jahre nicht gesehen«. Nach fünfjährigem Aufenthalt in Kampala präsentierte sein Team als Erfolg der Arbeit ein »Konzept«, mehr nicht. Die Zeit hatte man sich mit den zahlreichen Annehmlichkeiten des ugandischen Alltags vertrieben.

Darüber schreibt Schimanek. Und seine Krämerseelen haben wohl »alle so oder ähnlich existiert« -- unter anderen Namen freilich. In seinem Botschafter Bellin etwa tauchen »unwillkürlich« (der Autor) Züge des ehemaligen Bonner Botschafters Richard Ellerkmann auf. Doch das Buch ist eine Parabel und zugleich ein Schlüsselroman: »In Teilen erfunden, aber alles ist wahr.« Die Wirklichkeit der Entwicklungsarbeit sah demnach ungefähr so aus:

Die Frau des Botschafters streift »im altrosa Kleid mit dickem, weißem Gürtel« durch ihre häuslichen Gefilde. Schwarze Kamera-Lehrlinge sollen das fürs Ugandische Fernsehen aufzeichJürgen Schimanek: »Negerweiß. Deutsches Fernsehtraining in Afrika in 99 Einstellungen«. März-Verlag bei Zweitausendeins; 168 Seiten; 14 Mark.

nen. Frau Bellin belehrt: »Uganda hat viele Ähnlichkeiten mit der Bundesrepublik Deutschland. Der Hauptunterschied besteht jedoch im Klima.« Und fährt erhellend fort: »Ich lese gern. Nichts geht über ein gutes Buch ... Es gibt viele deutsche Lieblingsschriftsteller wie Heinrich Böll, Günter Graß. Willi Heinrich und Peter Handke, die Sie leider wohl nicht kennen, aber eines Tages gewiß kennenlernen werden ...«

In der deutschen Kolonie werden solche Fernsehauftritte »heiß diskutiert": Die Hausfrauen beginnen emsig mit der Erstellung eines neuen Kaufkraftberichtes an Bonn, denn die Gattin des Botschafters hatte über die Röhre auch die hohen Preise im Lande beklagt. Eine »Aufstockung der Bezüge« wäre wieder einmal fällig, meinen alle.

Man lebt mit »Houseboy«, fährt Mercedes, feiert Gartenpartys. Und man soll auch »nicht alles glauben, was in den Zeitungen steht«, die Hinrichtungen, Folterungen, Massaker. Selbst wenn: »Da müssen wir Deutschen uns raushalten.« Für Andersdenkende wird das Zeitunglesen zum Sport: »Vierunddreißig Bimbos hat es wieder erwischt!«

Ein Krankenpfleger fragt »auf der Suche nach Klarheit« nur, »wie die das fertigkriegen im Naguru-Gefängnis mit den Autofelgen.« Seit Wochen schon rätselt er, wie man damit Gefangene foltert: »Ich hab mir mal die Mühe gemacht, alles mit Schmerbeck zusammen in der VW-Werkstatt durchzuspielen. Nach Feierabend, versteht sich. Also der Gefangene blickt sich und steckt seinen Kopf in die halbhoch an der Wand angebrachte Feige. Jemand schlägt mit dem Hammer drauf, also auf die Felge. Und dann? Weswegen der ganze Zirkus? Nasenbluten? Ohrenbluten? Ziemlich unwahrscheinlich.« Rätselhaftes Afrika.

Damentee beim Projektleiter. Gegenüber fährt beiläufig ein Panzer vorbei: »Die Damen schauen ihm interessiert nach.« Er hält vor einer Villa. Nach einigen geräuschvollen Fahrten ist von dem Haus nichts mehr übrig. »Haben Sie das gesehen«, fragt eine der Damen, »ob Menschen drin waren?« -- »Wahrscheinlich«, antwortet Botschafter-Gattin Bellin, »umsonst machen die Neger so was nicht.«

Der Schwarze hat in dieser Matchbox-Welt nichts zu melden, im Gegenteil. Der Fernsehingenieur hat nach dem Radio-Klau eine Selbstschußanlage installiert und nun »einen toten Neger in der Hecke. So ein Scheiß.« Langsam kriegt er noch »?n Negerkoller«. Wohin mit dem Kerl? In die Sümpfe.

Völlig aufgeschreckt sind Schimaneks, als der Coup der Israelis auf dem Flughafen in Entebbe sich anbahnt: »Die Scheiß-Juden«, ja »diese Itzigs«.

Idi Amin weiß solches Geschichtsbewußtsein zu schätzen. Er will vom deutschen Botschafter einen Abwehrspezialisten. Schimanek läßt die Verhandlung auf dem Pissoir stattfinden:

»Zwei Männer pinkeln. Bellin: Einen Spezialisten könnte ich dir sofort geben. Präsident: Yes. Bellin: Und vielen Dank für die Schüsse in meinen Dienstwagen. Präsident: Damit du eine gute Heimpresse hast, little boy ...«

Die politische Lage im heißgeliebten Provinz-Afrika verschärft sich trotzdem. Der Botschafter bittet zur Lagebesprechung, man trifft Abreisevorkehrungen. Bei den meisten bröckelt das Idyll.

Aber nach jahrelanger »Fernsehe-Entwicklung« freut man sich über den Wertzuwachs der gehorteten Beutestücke: Was die afrikanischen Briefmarken, Elfenbeinzähne, Felle und Elefantenfuß-Hocker in Deutschland wohl »bringen«...? Nach Schimaneks Satire auf jeden Fall: einen verdammt miesen Ruf.

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