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FERNSEHEN Fehl am Platze

Auf Druck der baden-württembergischen Landesregierung beteiligen sich rechte Intendanten an der Kampagne gegen den als »Rotfunk« verdächtigten WDR.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Acht Hundertschafien Polizei rückten mit Wasserwerfern und Hundestaffeln vor. Brutal räumten sie nahe dem oberrheinischen Wyhl ein Waldgelände, das rund 300 Demonstranten aus Protest gegen den Bau eines Atomkraftwerks besetzt hatten (siehe auch seite 47: »Ärger, Angst, Sorge").

UV-Reporter protokollierten die Polizeiaktion mit elektronischen Handkameras, fingen in Nahaufnahmen die erschrockenen Gesichter und auf Tonband die Schreie der hilflosen Kaiserstühler ein. Eine völlig durchnäßte Demonstrantin rief den Kameraleuten zu: »Das werden Sie doch nicht zeigen -- das zeigt das Fernsehen nie.«

Doch am Abend des 26. Februar zeigte der WDR im ersten Programm nicht nur die turbulente Räumungsszene »Vor Ort« (Titel der Sendereihe), sondern gleich eine ganze Chronik, wie sich »Bürger gegen Atomkraftwerk Wyhl« (Sendung-Titel) zur Wehr setzten: Ohne Kommentar und Moderation, allein mit eindringlichen Action-Szenen und Originalton von den Schauplätzen überließ der WDR einer in Bürgerinitiativen aktiven Minderheit 43 Minuten lang den Bildschirm.

Seitdem die Kölner diesen »vielleicht vornehmsten Auftrag des Fernsehens«. jenen »eine Stimme zu geben, die keine Stimme haben« ("Evangelischer Pressedienst Kirche und Rundfunk"), wahrgenommen haben, ist der Sender, bei Unionschristen ohnehin als »Rotfunk« (CDU-MdB Heinrich Windelen) verdächtigt, auch bei rechten Intendanten in Verruf gekommen.

Der Bericht aus Wyhl, »so einseitig wie der »Bericht aus Bonn. wo nur Politiker zu Wort kommen« ("Vor Ort«-Redakteur Hans-Gerd Wiegand), verärgerte vor allem die christdemokratischen Regenten in Stuttgart. die das Reaktor-Projekt gegen alle Bürger-Wehr durchsetzen wollen. Sie fanden rasch Mitstreiter, die ihren Arger in der ARD verbreiteten: den Intendanten Helmut Hammerschmidt (CDU), dessen Südwestfunk den Unruheherd Wyhl bestreicht, und den Stuttgarter Funkherrn und ARD-Vorsitzenden Hans Bausch (CDU), der in Filbingers Landeshauptstadt residiert.

Den ersten Wink, daß der angeblich linkslastige WDR am Oberrhein Verdächtiges vorhabe, verdankte Hammerschmidt seinen Parteifreunden. »Auf einer Sitzung des Fraktionsvorstandes der CDU Baden-Württemberg«, so bekannte er in einer internen Stellungnahme, »wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß eine größere Fernsehsendung geplant sei.« Nach diesem Tip ließ Hammerschmidt durch seinen CDU-nahen Programmdirektor Dieter Stolte in Köln »sofortige Nachforschungen« anstellen. WDR-TV-Direktor Werner Höfer versicherte Stolte, er selbst habe die im Ressort der Chefredakteurin Julia Dingwort-Nusseck (CDU) entstandene Sendung abgenommen: »Sie ist in Ordnung.« Unbehelligt kam »Vor Ort« ins Gemeinschaftsprogramm.

Doch nach Sendeschluß war die Gemeinschaft hin. Stolte protestierte bei Höfer, die Sendung sei »nicht in Ordnung gewesen«. Höfer konterte vierseitig: »Ich finde Ihren Vorwurf nicht angemessen.« Stuttgarts Ministerpräsident Hans Filbinger bezichtigte den WDR« »ausschließlich Emotionen und Stimmungen« wachgerufen zu haben. Sein Staatssekretär Gerhard Mahler beschwerte sich bei WDR-Intendant Klaus von Bismarck über den »klassisch zu nennenden Fall von Manipulation«.

»Schärfsten Protest« meldete Filbingers Wirtschaftsminister Eberle bei Hammerschmidt und Bausch an. »Ich habe es selten erlebt«, so empörte sich Ebene, der in »Vor Ort« sogar zu Wort gekommen war, »daß die Spielregeln journalistischer Objektivität und Fairness in ähnlicher Weise mit Füßen getreten wurden wie hier.« Zugleich verdonnerte er seine beiden Parteifreunde, »diese Angelegenheit bei der nächsten Intendanten-Konferenz zur Sprache zu bringen«.

Gesagt, getan. Hammerschmidt ließ eine »Vor Ort«-Kopie zur Vorführung und Diskussion auf die Tagesordnung der Berliner Sitzung schicken, Bausch wurde bei von Bismarck vorstellig: »Konkret« gehe es im Wyhl-Film »nicht um Argumente«, so belehrte er seinen Kölner Kollegen, »sondern um die Anwendung von Gewalt. »Artikulation« dient nur der Begründung für die Anwendung dieser Gewalt«.

Die wichtige Frage, wie das Fernsehen dem Zuschauer, der als Kulissenklatscher in bunten Abenden stets willkommen ist, aber beim Medium TV beispielsweise über keine dem Zeitungsleserbrief vergleichbare Artikulationsmöglichkeit verfügt, auch ein politisches Forum bieten kann, schien den Funkchefs in Berlin Mitte März kaum mehr der Rede wert.

Statt dessen zeigte sich Hammerschmidt »am meisten beunruhigt« vom Vertrauensschwund in der ARD: »Ich kann mich nicht mehr darauf verlassen, wenn der Fernsehdirektor der Anstalt A dem Fernsehdirektor der Anstalt B nach vorheriger Abstimmung sagt, es ist alles in Ordnung.« Bausch distanzierte sich von dem Wyhl-Film« »weil hier die Grenze überschritten worden ist«. Gemeinsam versicherten beide, sonst kaum in Nächstenliebe verbunden, sie würden ihre Sender aus dem ersten Kanal ausgeschaltet haben, wenn sie den Film vorher gesehen hätten.

Vom Zorn seiner Kollegen aufgeschreckt, wollte nun auch WDR-Bismarck »Herrn Höfers Beurteilung nicht in allen Punkten teilen«. Doch Höfer ("Bayernkurier": »Dieser Mann ist fehl am Platze") blieb stur. In der medienselbstkritischen Sendung »Glashaus« am vorletzten Sonntag verteidigte er die »Vor Ort«-Sendung« »ihrem Wesen, ihrer Absicht und ihrer Wirklichkeit nach unsachlich und einseitig«, als notwendiges Kontrastprogramm zu all den offiziellen und offiziös gefärbten Verlautbarungen in Regional-Sendungen und in der »Tagesschau«.

Stolte dagegen, als Kandidat für die Nachfolge des ZDF-Intendanten Karl Holzamer (CDU) wohl auf rechter Profil-Suche, hörte auch im »Glashaus« noch auf die Stimme seines Herrn Hammerschmidt. »Es ist doch nicht Aufgabe des Fernsehens«, so entrüstete er sich als Sprecher jener »Anstalten, in denen die Dinge noch in Ordnung sind«, »der Bundesgenosse von Bürgerinitiativen zu werden.«

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