Margarete Stokowski

Feiern trotz Corona Was tun, wenn nebenan die Party steigt?

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wenn Bars schließen, feiern die Leute privat. Aber wie soll man mit der Sorglosigkeit der anderen umgehen? Diskutieren? Polizei rufen?
Nach der Sperrstunde könnten sich Feiern ins Private verlegen

Nach der Sperrstunde könnten sich Feiern ins Private verlegen

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Henrik Sorensen / Getty Images

Wenn gerade keine Pandemie ist, dann kann eine Party normalerweise einfach gut oder schlecht sein, und fertig. Aber in einer Pandemie kann eine Party auch richtig oder falsch sein und da geht der Ärger los. Wegen der Annahme, dass Feiern zu den steigenden Ansteckungszahlen beitragen, ist Partykritik ein wichtiges Genre geworden. Meine persönliche Kurzversion wäre: "Wer jetzt in Innenräumen feiern geht, verdient ein ausgiebiges Fegefeuer" - aber wir haben ja mehr Platz und Wunschdenken reicht nicht.

"Wir alle wissen doch aus Erfahrung, dass die Menschen sorgloser werden, je mehr Alkohol im Spiel ist. Von daher finde ich es gut, wenn von einer bestimmten Uhrzeit an Schluss ist", sagte Partyexperte und Kanzleramtschef Helge Braun im SPIEGEL-Interview  und befürwortete damit die neu eingeführten Sperrstunden  für Restaurants, Bars und Kneipen. Auf die Frage, ob sich die Menschen dann nicht eben in Innenräumen treffen würden, die man nicht kontrollieren könne, konnte er "nur an jeden Einzelnen appellieren", sich zu schützen.

Man weiß einigermaßen aus verschiedenen Ländern, wie gut das mit den Sperrstunden funktioniert. "Aus London waren zuletzt Bilder zu sehen, auf denen die Pubs leer, aber die Straßen voll waren", schrieb die "Süddeutsche"  und zitierte den Mikrobiologen Simon Clarke: "Das Virus hält sich nicht an die Uhrzeit". Es sei egal, ob Menschen sich vor 22 oder 23 Uhr nahe beieinander aufhalten oder danach.

"Was macht man mit denen, wenn man zu den Leuten gehört, die in den vergangenen Monaten auf alle Hygieneregeln geachtet haben und das auch immer noch tun?"

Es ist kein großes Geheimnis, dass Menschen sich zum Feiern in privaten Räumen treffen, wenn die Gastronomie früher schließen muss. Leute feiern in Wohnungen, in Kellern , auch wenn es zum Beispiel offiziell eine Obergrenze von zehn Personen dafür gibt. Was macht man mit denen, wenn man zu den Leuten gehört, die in den vergangenen Monaten auf alle Hygieneregeln geachtet haben und das auch immer noch tun?

Wenn Menschen in Wohnungen feiern, dann verlagert sich nicht nur die Party nach innen, sondern es verlagert sich auch die Möglichkeit der Kontrolle teilweise vom Öffentlichen ins Private: Was, wenn ich höre, dass in der Wohnung oder im Haus nebenan eine Party stattfindet und es nicht gerade nach den (in Berlin) erlaubten zehn Leuten klingt? Hingehen und mit Besoffenen diskutieren? Die Polizei rufen? Einen wütenden Zettel ins Treppenhaus hängen? Wie geht man mit der Sorglosigkeit der anderen um, wenn man sie nicht teilt?

Man kann die Polizei rufen, aber will man das?

Je linker man ist, desto größer ist das Problem dabei. Man kann natürlich rübergehen und klingeln, auf Hausordnung und Personen-Obergrenze verweisen, und beten, dass es hilft. Man kann die Polizei rufen, aber will man das? Kann man guten Gewissens davon ausgehen, dass die Polizei dann einfach nett auf die Regeln verweist, wenn man etwa neulich das Video gesehen hat, in dem ein Polizeibeamter einem 19-jährigen Gamer, der zu laut gewesen war, ins Gesicht schlug ? Will man das Risiko eingehen, dass eine Institution, die in letzter Zeit vermehrt durch rechtsextreme Netzwerke und Polizeigewalt in den Schlagzeilen war, bei den Nachbarn klingelt? Will man nicht. Nicht, weil es spießig wäre, sondern weil es riskant wäre.

Es gibt keine sichere Lösung für dieses Dilemma - also eine Lösung, die dazu führen würde, dass man das eigene Bedürfnis, die Infektionszahlen nicht explodieren zu lassen, harmonisch mit dem Bedürfnis der Mitmenschen nach Gin Tonic und Fummeln zusammenbringen könnte. Es gibt keine private Lösung, weil das Problem ein politisches ist und jeder Versuch, auf Solidarität zu hoffen, wenn eine Gesellschaft es bislang nicht geschafft hat, Solidarität zu einem zentralen Wert zu machen, ein nice try ist.

Wir sind in einer Phase der Pandemie, in der es nicht einfach nur die prinzipiell Vorsichtigen und die prinzipiell Unvorsichtigen gibt, sondern auch diejenigen, die finden, dass sie nun wirklich schon lange genug vorsichtig waren und sich jetzt auch mal was gönnen dürfen. So rechnet leider das Virus nicht. Trotzphase und Partysehnsucht, das Beste aus Kindheit und Jugend vereint in erwachsenen Menschen, was könnte da schon schiefgehen? Es ist auch die Phase, in der Journalisten öffentlich schreiben, dass sie nun doch nicht mehr in Christian Drosten verliebt sind , weil er weiter zu Vorsicht mahnt – also, ja... Trotz ist ein Phänomen, das zurzeit recht verbreitet ist.

Ein gutes Beispiel dafür, dass man die Frage nach dem Feiern nicht privat lösen kann, lieferte eine Diskussionsrunde im Deutschlandfunk am Samstag . Zur Frage "Party und Corona – Ist Feiern jetzt noch legitim?" hatte man zwei "Experten" eingeladen, die Soziologen Heinz Bude und Markus Schroer. Beide waren sich einig, dass Feiern an sich in Ordnung sei, wenn man sich an bestimmte Regeln halte. Schroer hatte dabei die Idee, die Sache fashionmäßig zu lösen: "Wenn ich Modedesigner wäre, hätt' ich mir vielleicht schon mal paar Gedanken darüber gemacht, wie man mit Kleidung das unterstützen kann, Corona-gerecht zu feiern." Sein Vorschlag war, "dass man in Anzüge schlüpft, die uns zu kleinen Stachelschweinen machen" – also Kostüme mit Stacheln, die "einen Abstand ermöglichen".

Nudelsalat und Jazz statt Saufen und Knutschen

Heinz Bude hingegen fand, man müsse eben "sorgsam sein beim Feiern", und die eigentlichen Situationen des Feierns fänden nicht beim Tanzen, sondern in der Küche statt, wenn man "sich über irgendetwas unterhält". Annäherung sei ja dann "erotisch interessant", wenn man in der Küche steht: "Man guckt auf den Nudelsalat und manche schaffen es, dass man auch den Blick von jemandem fesseln kann, der einen interessiert", und das ginge ja bei geöffneten Fenstern immer noch. Und, Achtung: "Es gab ja in den letzten Jahren eine Wiederkehr des Jazz bei jungen Leuten" – und es sei doch interessant, "ob es so etwas wie eine gepflegte Affektäußerung geben kann. Es muss ja nicht gleich der Cool Jazz sein, aber ein Jazz, der eine andere Möglichkeit hat." Das heißt, wenn wir die Leute nur dazu bringen, statt Saufen und Knutschen einfach Nudelsalat und Jazz zu zelebrieren, dann wird es schon klappen, Corona, go home!

Nur: Die Leute feiern nicht, weil sie nicht wissen, was man sonst tun könnte und einfach noch nicht genug Jazz kennen. Die Leute feiern, obwohl sie wissen, was die Alternativen wären. Es ist jetzt seit März Pandemie, alle kennen die Regeln, sie halten sich nur immer weniger daran . Das ist ein gesellschaftliches Problem, dem man nicht mit Designerkostümen und Jazz-Empfehlungen beikommt, sondern eins, das man jetzt durchstehen muss, ohne allzu viel Verbitterung und Hass in sich zu hegen, wenn man zu den Vorsichtigeren gehört.

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